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28. Juni 10

Auf dem Boden einer neuen Kultur könnte die Menschlichkeit gewinnen

Viel ist in den letzten Wochen diskutiert worden über Missbrauch, den Pflichtzölibat, die Sexualmoral der katholischen Kirche. Die Presseagentur Kipa möchte in einer kleinen Serie von Meinungsbeiträgen die Frage zur Diskussion stellen: Welche Sexualmoral braucht die katholische Kirche heute? An dieser Stelle der Beitrag unserer SKF-Verbandsvorstandsfrau und Theologin Angela Büchel Sladkovic.

"Was mir an meinem Katholisch-Sein zunehmend gefällt, ist die Tatsache, dass ich damit stets für eine Überraschung gut bin", so äusserte sich kürzlich eine Frau an einem Treffen katholischer Medienleute. Ich finde dies eine schöne, eine selbstbewusste Weise, mit den Schwierigkeiten und der Unvollkommenheit unserer Kirche umzugehen!


Das passt aber nicht zum Bild der Kirche, aus dem diese Frau in mittleren Jahren - modern, offen, attraktiv – offenbar herausfällt. In der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen ist die katholische Kirche ein Verein alter Männer; etwas verstaubt, weltfremd und eng. Zu diesem Image trägt die kirchliche Sexualmoral nicht unwesentlich bei. Wir wissen es: Die Vorschriften und Normen der Kirche sind für sehr viele Menschen auch innerhalb der Kirche nicht (mehr) richtungsweisend, paradoxerweise aber bestimmen sie das Bild der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit nachhaltig. Mit der Unfähigkeit, die Fragen und Nöte der Menschen im Umgang mit Sexualität aufzunehmen, geht nicht bloss ein Autoritätsverlust einher. Ich bin überzeugt, dass die Kirche sich einer Kraft beraubt.


Solange die Kirche nicht zu einer neuen wertschätzenden Haltung der Sexualität gegenüber findet, beschneidet sie sich selbst. Denn Eros (Sexualität, Lust) und Agape (göttliche Liebe, Nächstenliebe) sind nicht zu trennen. Wie sagte Dorothee Sölle: "Gott braucht Deine wachsende Liebensfähigkeit für sein Reich. Du sollst die Liebe nicht von Gerechtigkeit trennen und die sexuellen Beziehungen nicht vom politischen Handeln isolieren. Du sollst gegen den Tod, der in Ausbeutung, Hunger und Krieg herrscht, kämpfen mit der Leidenschaft deiner ungeteilten Liebe für das Leben."


Geschichtlich gesehen gingen die Abwertung der Sexualität und die Überbewertung des Geistes jahrhundertelang einher mit der Abwertung der Frauen und der Überbewertung der Männer. Die Frauen wurden auf die Seite des Körpers, der Natur, der Materie geschlagen. Es ist deshalb kein Zufall, dass es die Frau ist, die aus dem Bild fällt. Die Unsichtbarkeit der Frauen hat in der Kirche eine lange Tradition, die immer wieder, da und dort, aufgebrochen wurde. Mit Karl Rahner möchte ich formulieren: Die Kirche der Zukunft wird eine geschwisterliche sein oder sie wird gar nicht sein.


Welche Sexualmoral brauchen wir in der katholischen Kirche? Ich bin überzeugt, was wir brauchen, ist ein Standpunkt vor jeder Moral. Wir brauchen primär die grundsätzliche Anerkennung der Sexualität als einer positiven Lebenskraft – vor jeder Normierung, vor jeder Hinordnung auf einen bestimmten Zweck. Die Lust, aus sich herauszugehen, das Begehren, das Interesse am Anderen, die Fähigkeit der Hingabe und des Geniessens, die Leidenschaftlichkeit, ja Passion, die ausgelassene Freude, die schöpferische Energie, die Zuneigung zur Welt, das Verbundensein – Dimensionen einer Kraft, die unser Leben trägt und die es zu stärken gilt.


Die katholische Kirche kann an biblische Traditionen anknüpfen, an das Zweite Vatikanum und die Texte der Synode(n), an die Sakramentalität der Liebe. Doch es braucht mehr als wertschätzende Worte da und dort in einem Dokument. Die Wertschätzung muss spürbar sein in der Botschaft, in der Praxis und in den Strukturen der Kirche. Es braucht eine neue Kultur.


Wenn wir die Liebe hätten, hätten aber unsere Körper nicht, wir wären flügellahme Schwalben. Wenn wir die Liebe und alle Erkenntnis hätten, wenn wir alle Geheimnisse wüssten, hätten aber unsere Hände nicht, nicht unsere Haut, unsere Stimme, unser Geschlecht, wir wären nichts. Und wenn wir unsere Körper hätten, unsere Augen, unsere Haut, unser Geschlecht, wenn wir alle Geheimnisse wüssten und alle Technik beherrschten, hätten aber die Liebe nicht, wir wären eine lärmende Pauke. Es sind uns beide geschenkt: die Liebe, der Körper. Am grössten aber ist die Einheit. (nach 1 Kor 13)


Auf dem Boden dieser Kultur – jenseits der Überbewertung des Mannseins Jesu, der Überbewertung des Zölibats, der Überbewertung der Reinheit, der Überbewertung der Lehre – könnte die Menschlichkeit nur gewinnen, der Verzicht könnte wieder ein starkes Zeichen sein, die Menschen würden nicht mehr den Idealen geopfert und die Barmherzigkeit wäre ein spürbarer Wesenszug christlicher Moral. Es gäbe Raum, in dem Erkunden und Ausprobieren als ein Wesenszug der Sexualität anerkannt und die Vielfalt der Lebensformen wertgeschätzt würde; die mediale Inszenierung und Ausbeutung der Sexualität bekäme ein Gegengewicht und damit auch die Angst nicht nur der jungen Generation, (im Sex) schlecht auszusehen.


Eine Leichtigkeit ins Spiel zu bringen, der es nicht an Tiefe fehlt. Dieser Spagat fällt nicht allen immer leicht. Die Kirche – davon bin ich überzeugt – ist berufen dazu. "Da schuf Gott die Menschen als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat Gott sie geschaffen." (Gen 1; BigS)