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Spiritualität aus dem «Paradiesgarten»

Spiritualität führt uns zu den Fragen nach Sinn und Lebensenergie, zu den nährenden Quellen für unseren Lebensgarten. Der «Paradiesgarten» lädt zum Pflücken spiritueller Anregungen ein und dazu, die eigene Spiritualität zu erkunden. Jeden Monat trägt der «Paradiesgarten» eine neue Frucht. Schon gekostet?

Die Formen gelebter Spiritualität sind vielfältig, auch innerhalb des christlichen Glaubens. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist nur eine Form unter ganz vielen Möglichkeiten, um mit dem Göttlichen in Verbindung zu sein. Spiritualität ist nichts Abgehobenes und nichts Weltfremdes, sondern eine Lebensenergie, die es immer neu zu pflegen und zu entdecken gilt, die sich im Laufe des Lebens auch verändern und entfalten kann. Die spirituellen Anregungen zeigen diese Vielfalt auf oder geben ganz konkrete Inputs in Form von Bildern, Gedichten, Gebeten und anderen liturgischen Texten. Fünf Frauen tragen mit einem monatlichen Beitrag zum Inhalt des Paradiesgartens bei.

Für alles gibt es eine Zeit

Das Zeitgedicht von Kohelet begleitet mich seit vielen Jahren. Immer wieder nehme ich es hervor, lese es, lasse es auf mich wirken, denke darüber nach. Wir sind in unserem Leben vielen Spannungen und Gegensätzen ausgesetzt. Dies wird in Kohelet in einfachen und unaufgeregten Worten beschrieben. Es beinhaltet viel Tröstliches: Zeit zu pflanzen, Zeit zu heilen, Zeit zu lachen… Aber auch Lebensfeindliches: Zeit zu töten, Zeit Steine zu werfen, Zeit für den Krieg.

Krieg ist seit dem Angriff auf die Ukraine nicht mehr ein Geschehen, das weit weg von uns irgendwo in der Welt geschieht. Er ist mitten unter uns. Durch die verstörenden Berichte und Bilder aus dem Kriegsgebiet, die ankommenden Flüchtlinge, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen auch auf unser Leben. Vermeintliche Sicherheiten und Ordnungen lösen sich auf. Mehr Fragen als Antworten stellen sich. Wie wird es weitergehen für die direkt betroffenen Menschen? Welche Auswirkungen wird der Krieg für alle – auch uns – haben? Wie können, sollen wir in so einer Welt leben und handeln?

Kohelet schreibt in Vers 3,12: «Ich habe erkannt, dass nichts Gutes bei ihnen (den Menschen) ist, ausser dass sie sich freuen und in ihrem Leben Gutes tun.» Und ähnlich im Schlussvers 3,22: «Ich sah: Es gibt nichts Gutes als dass sich die Menschen bei ihren Werken freuen. Denn das ist ihr Anteil. Ja, wer könnte sie dahin bringen, das zu sehen, was nach ihnen kommt?»

Diese Worte umschreiben für mich was heute Resilienz genannt wird. Trotz allem Leid und der ungewissen Zukunft freue ich mich am Leben, sehe das Positive, bleibe aktiv und handle. Dass eine solche Lebenshaltung nicht immer gelingt und selbstverständlich ist wird in Vers 3,13 deutlich: «Wo Menschen essen und trinken und in all ihren Mühen Gutes wahrnehmen, ist das ein Geschenk Gottes.» Nehmen wir das Geschenk an!

Bibelzitate aus: Bibel in gerechter Sprache, 1. Auflage

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Juni 2022 wurden gepflanzt von Rita Cavelti, Leiterin eines Alterszentrums.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Mai 2022 wurden gepflanzt von Stefanie Bretscher, Heil- und Sozialpädagogin mit Freude am Fotografieren.

Bereit

Bin ich bereit?

Bereit mich zu öffnen?

Bereit mich zu zeigen, mit allem was ich bin?

Meiner Verletzlichkeit, meiner Schönheit, meinen Stärken?

Bin ich bereit sichtbar zu sein, zu handeln, mich einzusetzen für das Gute, die Liebe, den Frieden?

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im April 2022 wurden gepflanzt von der Theologin Elisabeth Bernet.

Frauen unter dem Kreuz

Erste Stimme:
Wer kann diesen Anblick ertragen?
Wer kann hinsehen in dieses Gesicht, das sich allen voll Güte und Verständnis zuwandte?
Wer kann zuhören bei den gemeinen Lügen, beim Spott über ihn, der Worte voll Zärtlichkeit sprach?
Ich kann nicht mehr sehen, ich kann nicht mehr hören, ich kann nicht mehr fühlen. Wund mein Herz, verloren mein Glaube, getötet meine Hoffnung, lebendig begraben. Ich kann nicht mehr.

Zweite Stimme:
Du hast Recht, alles ist verloren.
Aber weggehen kann ich auch nicht.
Wegsehen kann ich nicht.
Weghören kann ich nicht.
Da er stirbt, sterbe auch ich.
Da er schreit, schreie auch ich.
Er wollte immer bei uns sein,
das will auch ich,
jetzt bei ihm sein.

Dritte Stimme:
Kreuze überall
immer noch!
Kreuze im Mittelmeer bei den Ertrinkenden.
Kreuze in den Lagern der Geflüchteten.
Kreuze bei den verhungernden Kindern an der ausgetrockneten Brust der Mütter.
Kreuze bei den von Bomben zerfetzten Kindern in den Armen der Väter.
Kreuze am Massensterben der Armen durch die Gefühllosigkeit der Reichen.
Kreuze in Bombenhagel und in Luftschutzkellern
Kreuze überall!
Kreuze, damals und heute,
sinnloses Sterben weltweit,
qualvolles Leiden von Mensch und Natur.

Leiden, Kreuze und Tod!
Gibt es nie etwas anderes?

Frauen auf dem Weg zum Grab noch in der Nacht am Ostermorgen

Erste Stimme:
Wohin tappen wir?
Im Dunklen sind wir schon.
In der Hoffnungslosigkeit,
in der Verzweiflung
gehen wir auf den Tod zu.

Zweite Stimme:
Du hast Recht.
So fühle ich auch.
Dennoch, ich will der Zärtlichkeit gedenken.
Der Zärtlichkeit, mit der er Kinder und Kranke berührte.
Der Zärtlichkeit, die er uns schenkte, als er uns die Füsse wusch.
Der Zärtlichkeit, die er selbst genoss bei der Salbung.
Ich will ihm diese Zärtlichkeit auch noch in den toten, verwundeten Leib streichen.
Ich habe nichts anderes.
Ich habe nichts gegen die rohe Brutalität als diese Zärtlichkeit.

Dritte Stimme:
Frauen, geht langsam weiter, Schritt für Schritt.
Geht mit euren tränenblinden Augen.
Geht mit dem Stein in euren Herzen.
Geht!
Geht mit dem Salböl eurer Liebe.
Ihr seid nicht allein.
Ihr werdet jemanden finden.
Jemanden, der auf euch wartet.
Überall!

Er streckt euch die Hände entgegen
in den Kindern, in den Frauen, in den Männern…..
Ihr werdet ihn erkennen!
Er ruft euch beim Namen!

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im März 2022 wurden gepflanzt von Silvia Huber, Theologiebeauftragte des SKF Schweizerischer Katholischer Frauenbund.

Verletzlich

Es sieht aus wie ein Fuss. Aber doch nicht ganz. Links sehe ich die Zehen- und Mittelfussknochen, ähnlich einer Hand. Aber das mittlere Bild? Ein wildes Durcheinander von Linien, die in sich betrachtet nichts Ganzes ergeben, schon gar nicht den Teil eines Fusses.

Es ist ein Fuss. Aber das Bild eines Fusses, das mich verstört.

Das ist wohl die Absicht der chilenischen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez: Ihrem Bild liegt das Röntgenbild eines zerstörten Fusses zu Grunde. Der Fuss eines Mannes, der bei einer Demonstration verletzt wurde.

Ich stelle mir vor, dass es lange Zeit gebraucht hat, bis diese Verletzungen verheilt waren. Vielleicht schmerzt das Gehen noch immer und er hinkt. Es sind Narben, Verknotungen, Risse, geblieben - für sein ganzes Leben.

Auch Verletzungen, die durch Bombenangriffe entstehen, hinterlassen Zerstörung. Auch Verletzungen, die durch wirtschaftliche Sanktionen entstehen. Oder Verletzungen, die durch Ausbeutung entstehen, durch Egoismus und grenzenlosen Konsum. Und es ist wie beim Fuss: Wenn ein Teil verletzt oder zerstört ist, leidet der ganze Fuss, ja der ganze Körper. Wenn Krieg in der Ukraine herrscht oder Inselstaaten im Südpazifik überflutet werden, dann hat das auch etwas mit uns hier in der Schweiz zu tun. «Wenn ein Körperteil leidet, leiden alle anderen mit», heisst es in der Bibel (1 Kor 12, 26).

Wir sind dieser Zerstörung und dem Leiden nicht machtlos ausgeliefert. Wir können uns an das Bild aus dem Brief an die Gemeinde in Korinth halten: Jedes Glied eines Körpers hat seine Aufgabe. Jeder Mensch hat bestimmte Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wir können diese nutzen, um als Teil eines grossen Ganzen unseren Beitrag zu leisten für das Wohl in dieser Welt.

 

  • Das Bild von Lilian Moreno Sànchez hängt während der Fastenzeit als «Hungertuch» in vielen Kirchen. Es gibt dazu ein Meditationsbüchlein mit Texten von Felix Klingenbeck, das in den Kirchen aufliegt. Die Fotografie ist von Dieter Härtl/Misereor
  • Der biblische Text aus dem Buch an die Gemeinde Korinth lässt sich einfach lesen und ist zu finden unter «1. Brief an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 12, Verse 12 – 30»

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Februar 2022 wurden gepflanzt von Noemi Honegger, Spitalseelsorgerin und Doktorandin am Institut für Sozialethik der Universität Luzern.

Hätte ich aber die Liebe nicht…

Ich bin. Ich will. Ich entscheide. Hätte ich aber die Liebe nicht… Mein Dasein läge brach. Meine Entscheidungen wären hohl. Mein Wille leer.

Ich mache mich auf. Ich gehe meinen Weg. Ich schlage mein Zelt auf. Hätte ich aber die Liebe nicht… Ich fände keinen Antrieb. Mein Weg hätte kein Ziel. Mein Zelt stünde auf sandigem Boden.

Ich schreibe meine eigene Geschichte. Ich erfinde mich neu. Ich tanze eine einzigartige Choreografie. Hätte ich aber die Liebe nicht… Ich wüsste keine Worte. Mir fehlte jede Fantasie. Ich hörte keine Melodie.

Ich lobe. Ich preise. Ich bete. Hätte ich aber die Liebe nicht… Mein Lobpreis verhallte. Mein Gebet entschwände ins Nichts. Mir fehlte ein Gegenüber.

Ich bin ich. Du bist du. Freundin. Gefährte. Seelenverwandter. In Liebe verbunden. Durch Liebe verwoben. Von Liebe getragen.

 

nach 1 Kor 13

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Januar 2022 wurden gepflanzt von Eugénie Lang, Theologin und Pfarreiseelsorgerin.

Lob der Brachzeit

Von meinem Wohnzimmerfenster aus blicke ich in eine Schrebergartenanlage. Verschiedene Häuschen stehen in den gepflegten terrassierten Gärten. Die Farben Braun, Grau und feines Grün bestimmen das Bild. Grüne Kompostgefässe und weisse Plastikplanen bilden Kontrapunkte. Jetzt im Januar gehen selten Gärtner:innen vorbei. Nach der intensiven Pflanz-, Hege- und Erntezeit sind sie sicher froh um ruhigere Tage. Gut «eingewintert» können sie den Garten eine Weile sich selber überlassen. Der Ausblick wird sich noch einmal verändern, wenn sich wieder eine Schneeschicht wie eine schützende Decke über alles legt.

Es ist Brachzeit, Ruhezeit.

Das Bild des Gartens in den ruhigen Erdfarben tut mir gut. Es erinnert mich daran, dass auch für mich im Moment Brachzeit angesagt ist. Diese natürliche Periode des Ruhens, des sich nach Innen Wendens brauche ich, um neue Kräfte zu sammeln. So gönne ich mir vermehrt Zeiten des Ausruhens, des stillen Nachdenkens. Das Radio schweigt öfter, denn das Lesen oder Haushalten braucht keine Begleitmusik. Die Brachzeit hält mir vor Augen, wie wichtig stille Zeiten für mein Leben sind: Zur Ruhe kommen, zu mir kommen, im Vertrauen darauf, dass die Keime für neue Lebendigkeit in mir schlummern, Zeit benötigen, um sich zu entwickeln und im richtigen Moment geweckt zu werden.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Dezember 2021 wurden gepflanzt von Eugénie Lang, Theologin und Pfarreiseelsorgerin.

Es genügt das Fehlen eines einzigen Sternes, dass die Karawane ihre Richtung verliert. (Dom Helder Camara)

Eine Weihnachtskarte mit dieser Aussage vom verstorbenen brasilianischen Erzbischof fiel mir wieder in die Hände. Freunde haben sie mir vor fünf Jahren zugesandt. Eigentlich habe ich sie aufbewahrt wegen dem hübschen Stern, den die Karte ziert: Ein ausgeschnittener Stern aus festem Papier wurde mit einem weissen Hemdenknopf und feinem Golddraht auf die Karte «genäht». Die Drahtenden wurden über dem Knopf verdreht und je 6 cm engelshaarmässig lockig stehen gelassen.

Der Stern erinnert an den besonderen Stern, der die biblischen Weisen oder Sterndeuter nach Bethlehem führte. Sie fanden dort nicht das, was sie erwartet hatten, sondern ein neugeborenes Kind, das die Dunkelheiten von vielen verschiedenen Menschen aufzuhellen vermochte.

Welchem Stern folge ich? Was gibt mir Halt und Orientierung in einer Welt, die durch ein Virus so aus den Fugen geraten ist? Welche Orientierungspunkte brauchen wir als Gesellschaft, dass wir die Richtung in eine friedlichere, gerechtere und schöpfungsbewahrendere Zukunft nicht aus den Augen verlieren?

 

Weihnachten: Ein Licht durchbricht die Dunkelheit der Welt. Geh – folge seiner Spur. Die Verheissung von Bethlehem möchte von dir neu erahnt oder gefunden werden.

 

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im November 2021 wurden gepflanzt von Rita Cavelti, Leiterin eines Alterszentrums.

Freiheit

Ich habe den Eindruck, noch nie so oft über Freiheit in der Schweiz, respektive die Bedrohung derselben, gehört und gelesen zu haben, wie in den letzten Monaten. Menschen verstehen unter Freiheit sehr Unterschiedliches: Für mich ist das Zertifikat keine freiheitsraubende Angelegenheit. Im Gegenteil, da ich bei der Arbeit und im ÖV dauernd Maske zu tragen habe, schätze ich maskenfreie Räume enorm. Zudem weiss ich, dass die Massnahmen dem Wohl der Gemeinschaft dienen und zeitlich beschränkt sind. Für andere bedeutet das Zertifikat eine Einschränkung der Freiheit, Zweiklassengesellschaft, sogar die Demokratie sei in Gefahr.

Bei diesen Einschätzungen treffen mehrere Werte aufeinander, die unterschiedlich gewichtet und definiert werden und sich zum Teil gegenseitig einschränken. Freiheit ist seit der Antike ein Thema, insbesondere die Philosophie und die Theologie setz(t)en sich mit dem Begriff und der Ausgestaltung der Freiheit und anderer Werte auseinander. Das Recht wiederum schützt unsere Freiheit, respektive schränkt sie ein, wenn andere Werte höher zu gewichten sind. Dies bedeutet(e) immer  Auseinandersetzung, Diskussion und Dialog. Insbesondere der letztere scheint mir in der heutigen Zeit gefährdet zu sein. Es kommt mir gar vieles laut und schreierisch vor und was als Freiheit deklariert wird, schmeckt öfters nach Egoismus.

Ich wünsche mir und uns allen mehr Dialog, konstruktive Auseinandersetzungen und Respekt. Nur so, denke ich, ist echte Freiheit möglich.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Oktober 2021 wurden gepflanzt von der Theologin Elisabeth Bernet.

Oktobertage – wunderbar
voll Früchte
voll milden Lichts
voll weicher Sonne
Gold an den Bäumen
grosse Ernte
Gedenktag dessen
der Lieder sang für Sonne und Mond
Wasser und Wind
Erde und Feuer
Tier und Mensch

Franz von Assisi – sing uns dein Lied

Meine Mutter sang das Lob des Lichtes
als sie das Leben spürte tief in sich
sie ahnte Gott und ahnte mich

mein Vater konnte lange nicht singen
er sah das Licht der wahren Sonne nicht
obwohl er die weite Welt bereiste

der Bischof summte das Lob
als er den Mantel um mich hielt zum Schutz
weil ich mein Herz nicht band an Haben und Besitz

meine Brüder sangen das Lob der Sonne
der duftenden Mutter-Schwester Erde
als sie die Blumen und Tiere sahen und die Schönheit der Armen

Klara sang am schönsten das Lob der Gottessonne
sie erkannte den armen Christus in allen Armen
sie wiegte ihn im Lied der Liebe

und jeder Ton ist ein Gebet

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im September 2021 wurden gepflanzt von Stefanie Bretscher, Heil- und Sozialpädagogin mit Freude am Fotografieren.

Fülle

Genährt durch Liebe

Gefüllt mit Wärme

Berührt durch Offenheit

Begleitet von Leichtigkeit

Getragen von Vertrauen

Bereit zu teilen

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im August 2021 wurden gepflanzt von Noemi Honegger, Spitalseelsorgerin und Doktorandin am Institut für Sozialethik der Universität Luzern.

Heimat

Gedanken zum 1. August

Lampions im Garten, Feuerregen aus dem Zuckerstock. Gemeinschaft am grossen Familientisch – Kindheitserinnerungen werden wach.

Trotz aller Nostalgie. Im Glanz des Feuerwerkes am Himmel. Jedes Jahr frage ich mich aufs Neue: Was feiern wir an diesem Tag?

Land, in dem Milch und Honig fliessen. Wohlstand. Überfluss. Zu welchem Preis? Sicherheit. Frieden. Heile Welt. Für uns, doch nicht für euch. Blick über den Tellerrand. Wellen brechen über Menschen. Festung Europa beugt sich nicht.

Feiertag, Besinnungstag. Jedes Jahr frage ich mich aufs Neue: In welchem Land möchte ich in Zukunft leben?

Menschenfreundlich. Voll Vertrauen. Risse in der Mauer. Kein Stein bleibt auf dem andern. Gegenseitige Hilfe. Solidarität über Grenzen hinweg. Neue Verbündete. Rütlischwur 2.0.

Aufbruch. Umbruch. Ich frage nicht mehr. Ich höre den Ruf: Bist du bereit? Wir brauchen dich!

Suchend. Tastend. Mich selbst als Wandernde begreifen. Gemeinsamkeit vor aller Differenz. Wo finde ich Heimat? Wo findest du Heimat? Du bei mir, ich bei dir.

Sterne der Gerechtigkeit. Segen fällt auf uns herab. Ich träume von Gemeinschaft – am unendlich langen Menschheitstisch.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Juli 2021 wurden gepflanzt von der Theologin Jacqueline Keune.

Das Land erben

Helvetia predigt 2021 – 50 Jahre Frauenstimmrecht

Selig
die Sprache hat
die ihre Stimme hebt
die das Wort ergreift
die Gehör sich verschafft
und in den Ohren liegt

 

Selig
die ihre Bedürfnisse benennt
die ihren Anliegen Nachdruck verleiht
die ihre Möglichkeiten nutzt
die ihre Stärken zeigt
die ihre Berufung lebt –
die nicht alleine bleibt

Selig
die vortritt
die hinsteht
die sich zeigt
die sich zumutet
die deutlich wird

Selig
die sich gleichwertig macht
die sich auf Augenhöhe begibt
die sich selbst ermächtigt
die nicht länger wartet
auf der Herren Gnaden

Selig
die neu, die anders, die selber denkt
die die Stirn in Falten legt
die nachfragt
die fragt –
wieder und wieder

Selig
die nicht aufgibt
die dranbleibt
die weit, die über Grenzen geht
die ihren Fuss in neue Räume setzt
und das trunkene Blühen schaut

Selig
die noch spürt
dass es weh tut
dass es unrecht ist
weniger würdig
weniger wert zu sein
die nicht an den Schmerz sich gewöhnt    
die nicht lernt, damit zu leben

Selig
die ahnt, die hofft, die weiss
dass die Allmacht
dass die Ohnmacht
ein Ende haben
dass der Tag kommen wird

Denn sie werden das Land erben

Selig
deren Geduld zur Neige geht
die sich nicht länger ausschliessen
die sich nicht länger vertrösten
die sich nicht länger abspeisen lässt
mit den Trostpreisen aus der
kirchlichen Tombola

 

              

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Juni 2021 wurden gepflanzt von der Theologin Elisabeth Bernet.

Hinaus

Genug
genug aufgenommen
genug der Nahrung
genug der Nachrichten
genug der Zurückgezogenheit
genug der unterdrückten Gedanken und Gefühle
genug all der Kokons

 

hinaus jetzt
hinaus ins Weite
hinaus aus der Gefangenschaft eigener Wünsche
hinaus aus der Enge ängstlicher Gedanken
hinaus aus der Umgarnung des Konsums
hinaus in die Weite des befreienden Geistes

 

hinaus
zu den Bäumen
zu den Blumen
zu den Tieren
zu den Menschen
hinaus ins Weite
auf den Flügeln der Sehnsucht                                 

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Mai 2021 wurden gepflanzt von Rita Cavelti, Leiterin Alterszentrum.

Alles neu macht der Mai

1818 verfasste Hermann Adam von Kamp das romantische Lied «Alles neu macht der Mai». Er beschreibt, wie im Frühling die Natur neu erblüht und der Mai die Seele frisch und frei macht. In der dritten Strophe besingt er die Wirkung auf die Menschen: «Alles freut sich der Zeit, die verjüngt, erneut – Wiederschein der Schöpfung blüht uns erneuernd im Gemüt.» Kamp schrieb das Gedicht in einer politisch und gesellschaftlich unruhigen Zeit. Um die Jahrhundertwende wurden viele Kriege geführt und Napoleon hatte die Ideen der französischen Revolution in die Welt getragen. In Folge seiner Niederlage wurde Europa am Wiener Kongress 1814/15 neu geordnet, neue Grenzen und Staaten geschaffen. Man versuchte die traditionelle monarchische Gesellschaftsordnung wieder herzustellen.

Auch unsere Zeit ist in vielerlei Hinsicht im Umbruch:

  • traditionelle Lebenswirklichkeiten haben keine Allgemeingültigkeit mehr
  • religiöse und kulturelle Selbstverständlichkeiten sind in Frage gestellt
  • die einen fordern neue Gesellschaftsmodelle, die anderen hängen an den traditionellen
  • unsere (gesundheitliche) Sicherheit ist ins Wanken geraten
  • als selbstverständlich betrachtete Freiheiten sind uns genommen oder bedroht …

Es überrascht mich immer wieder, wie sich Menschen gerade in unruhigen, gar kriegerischen Zeiten nicht unterkriegen lassen, Vertrauen und Zuversicht auf bessere Zeiten haben, andere ermutigen die Hoffnung nicht aufzugeben. Man denke auch an Dietrich Bonhoeffer, der im Gefängnis schreiben konnte:

«Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»

Ich frage mich, wo finden wir in diesen Tagen diese Zuversicht und auch die Ausdauer, diese belasteten Zeiten gut zu meistern, ohne daran zu verzweifeln? Wer oder was ist unser Halt und stärkende Inspiration? Wer schreibt für unsere heutigen Seelen ein stärkendes und hoffnungsvolles Gedicht oder Lied? Oder ist die Frage falsch gestellt?

Vielleicht sollte die Frage lauten: Was mache ich? Welche Hoffnung und Zuversicht trage ich in die heutige Welt? Wie kann ich Mai-Gefühle für mich und andere erlebbar machen?

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im April 2021 wurden gepflanzt von Eugénie Lang, Theologin und Pfarreiseelsorgerin.

Lob der Bruchstellen

Scherben – ein starkes Symbol für vieles, das in Brüche gegangen ist. Lebensentwürfe zerbrechen, Beziehungen erhalten einen Riss, werden abgebrochen. Eine nahe stehende Person stirbt und die gewohnte Vertrautheit ist wie weggebrochen. Trauer, Einsamkeit und Krankheit hinterlassen Spuren von Zerbrechlichkeit. Das Vertrauen ins Leben kann Risse bekommen. Bruchlinien in der eigenen Biografie, in der Weltgeschichte, in der Kirche: Die Verletzlichkeit des Lebens zeigt sich auf viele Weise.

Doch die Scherben erinnern an die ursprüngliche Ganzheit, halten die Sehnsucht nach Heilwerden wach.

Ein Berner Künstler, Jürg Lenggenhager, lehrte mich, die Brüche und Wunden in meinem Leben genauer anzuschauen und schätzen zu lernen. Ausgerechnet Brüche und Bruchstellen sind offen für Heilung und Veränderung. Scherben bringen im ersten Moment meistens kein Glück, doch sie erinnern mich daran, mein verwundetes Herz offen hinzuhalten für das zarte Wirken der göttlichen Heilkraft.

«Eine Wunde ist ein Ort, an dem das Licht in dich eintritt.» Auch der islamische Mystiker Rumi weiss darum, dass offene Wunden besonders durchlässig sein können für Licht und Erkenntnis, für Wandlung und liebende Zuwendung. Das heilkräftige Licht durchdringt die Dunkelheit des Schmerzes und der Versehrtheit und lässt daraus Versöhnung und neues Leben erblühen. Die bunten Frühlingsblumen erzählen davon. Sie ermutigen zeichenhaft zu Aufbruch und Aufstand für das Leben. Osterzeit.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im März 2021 wurden gepflanzt von Simone Curau-Aepli, Präsidentin des SKF-Verbandsvorstands.

Das Kreuzzeichen vervollständigen

Sich selbst und einander mit dem Kreuzzeichen zu segnen, ist in unserer Familie ein Zeichen von Zusage und Schutz von Gott* und der Verbundenheit unter den Menschen. Unser Sohn Samuel war etwa fünf Jahre alt, als er begonnen hat, das kleine Kreuzzeichen auf der Stirne mit einem Regenbogen zu vervollständigen, am liebsten mit «Taufi-Wasser». Er verstand das Zeichen der Versöhnung für die Familie von Noah und Nerea (wie wir sie beim Spiel mit der Arche nannten), als Zusage für uns alle. Seitdem ist diese Gebärde bei uns Teil des Segnens.

Anlässlich einer Auszeit habe ich mich wieder mal vertieft mit diesem Zeichen meines Glaubens befasst. Ich stellte mit Erstaunen fest, dass das grosse Kreuzzeichen, wie ich es mit der ganzen Hand mache, begonnen auf der Stirn (Vater), dann zum Herz (Sohn) und zu den zwei Schultern (Heiliger Geist), gar kein ganzes Kreuz ist. Da fehlt die Verbindung zum Grund, zur Erde. Es ist eher ein Dreieck, ein Kreuz ohne Verankerung.

Wie viele andere Feminist:innen habe ich mir seit Jahren angewöhnt, Gott mit Mutter und Vater anzusprechen, habe aber Gott Mutter nie im Himmel angesiedelt und spreche daher die Worte: Vater Himmel und Mutter Erde. Da kam die Idee, dass ich auch das physische Zeichen anpassen kann, denn Gott* Mutter Erde ist ja in der Tiefe, im Urgrund, im Uterus, also dort, wo neues Leben entsteht.

Und da war das Kreuzzeichen endlich vollständig: So beginne ich es wie gewohnt mit der Hand auf der Stirn, in Verbundenheit mit Gott* Vater Himmel, der für Licht und Schutz steht. Dann bewege ich die Hand zu meinem Unterleib, zu Gott* Mutter Erde, in die Tiefe, in den Urgrund. Ich führe dann die Hand zur Herzgegend, zum Kind Gottes Jesus, der Nähe und Liebe ist und schliesse dynamisch ab bei beiden Schultern, um Gott* Heiliger Geist oder die Heilige Geistkraft anzurufen, Gott* in Beziehung, Freude und Lebendigkeit.

Hätten wir Christ:innen doch schon früher Mutter Erde in unser Gottesbild integriert und verehrt. Die Erde wäre heute vielleicht nicht so geschändet, wie sie es ist.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Februar 2021 wurden gepflanzt von Stefanie Bretscher, Heil- und Sozialpädagogin mit Freude am Fotografieren.

Staunen

Staunen beginnt mit Loslassen

Ich lasse los, ich lasse weg

schaffe Raum für Neues, Unbekanntes -

für Altes und Bekanntes in neuem Licht

Da Sein, jeden Tag neu, mit offenem Herzen

Gwundrig auf die Wunder des Lebens

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Januar 2021 wurden gepflanzt von Silvia Huber, Theologiebeauftragte des SKF Schweizerischer Katholischer Frauenbund.

Kreise in ein neues Jahr

In ein neues Jahr gehen. Es ist immer wieder ein Aufbruch, ein sich frisch bewusst Werden des Neuen. «Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen», schreibt Rainer Maria Rilke. Mir gefällt dieser Gedanke des spiralförmig Kreisenden, des Nicht-Linearen. Es enthält nicht nur das Neue, sondern verbindet dieses mit dem Geschehenen. Wenn ich ein Spiral-Labyrinth begehe, komme ich immer wieder an den gleichen Punkt. Nicht ganz, nur fast an den gleichen Punkt. Wenn ich das beginnende Jahr als einen weiteren wachsenden Lebensring verstehe, begegne ich darin immer wieder dem Vergangenen: Den luftigen Schneeflocken im Winter, den köstlichen Sommerfrüchten, dem innigen Kuss, der Träne meiner Freundin, dem Schmerz des endgültigen Abschieds, den Unsicherheiten durch die Corona-Pandemie. Und gleichzeitig gehe ich vorwärts, hinein in das, was mich erwartet: eine erfrischende Begegnung, berufliche Herausforderungen, die Wanderung durch unbekannte Wälder und noch immer die Unwägbarkeit der Corona-Pandemie.

Der Beginn eines neuen Jahres bietet mir die Möglichkeit, das Vergangene nochmals an mir vorbeiziehen zu lassen, dankbar zu sein ob all des Geschenkten, zu staunen über die grossen und kleinen Wunder, das Getane zu würdigen und vielleicht auch mich mit dem Schwierigen zu versöhnen. Aus dieser Haltung heraus gehe ich in die Zukunft, offen für das, was werden will. Und ich entdecke ein Gefühl des Getragen-Seins, des Vertrauens, dass da die Ewige ist, die mich durch das kreisende Leben begleitet in immer grösser werdende, reiche Lebensringe.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Dezember 2020 wurden gepflanzt von Noemi Honegger, Spitalseelsorgerin und Doktorandin am Institut für Sozialethik.

Junge Frau aus Nazareth

Tage des Wartens und des Sehnens. Besinnlichkeit. Heilige Nacht. Weihnachtsfest. Gott kommt zu uns. Durch dich. Wer du wohl warst – junge Frau aus Nazareth? Deinen Spuren folgen. Dich hinter grotesken Verzerrungen finden. Dir Raum und Weite geben. Dich als die entdecken, die du für mich sein kannst.

Ich schaue auf dich. Ich fühle mit dir. Du, ahnungslos! Ein Engel steht vor dir. Welche Nachricht er dir bringt! Ein Kind – ohne Mann, das darf nicht sein. Ein Skandal in deiner Zeit. Erschütterung, Unverständnis. Da vernimmst du des Engels Worte. Ein heiliges Kind, ein König, Gottes Sohn.

Für Gott ist nichts unmöglich. Doch er braucht dich. Du wirst gerufen. Allen Widerständen zum Trotz. Du sagst Ja. Versteckst dich nicht. Erhebst deine Stimme. Kraftvoll. Selbstbewusst. Verkündest Gott. Magnifikat!

Ich höre deine Botschaft. Hoffnung. Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Gerade jetzt. Dornen werden Rosen tragen. Maria. Vorbild. Starke Frau aus Nazareth. Dein Ja zu Gottes Plan bringt Leben für die Welt.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im November 2020 wurden gepflanzt von der Theologin Elisabeth Bernet.

November – Allerheiligen

Nun sind sie da
die Nebeltage
nass und grau
und wie die Kälte
schleicht die Angst
vor Krankheit Tod und Einsamkeit
in manches Herz

doch sind da nicht auch Leuchten
ein Mann
der seinen Mantel teilt
und lieber zum Gespött sich macht
als weg zu sehen
wenn andere untergeh’n

die Frau
die von der Burg herunter steigt
weil sie’s nicht aushält oben satt zu sein
und unten hungern Frauen Männer Kinder
und leiden Kranke ohne Beistand ohne Wort
und sterben ohne Hand die hoffend hält

und unter uns die Mutigen
von denen keine Namen
auf Plätzen Kirchen eingemeisselt steh’n
und die von niemandem geehrt
in Flüchtlingslagern überfüllten Booten
bedingungslos das Licht der Hoffnung säen

sie mögen heilig lieb uns sein
wenn wir sie ehren
Ausschau haltend nach dem Licht
und wenn wir wissen
dass am Brot allein wir untergeh’n
wenn wir’s nicht teilen

so lasst uns teilen
den Nebel und den Mut
die Hoffnung und die Güte
und Augen werden leuchten
und Worte wahrhaft tragen                         
und Lachen einz’ge Waffe sein                   
und heilig alles Leben

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Oktober 2020 wurden gepflanzt von Stefanie Bretscher, Heil- und Sozialpädagogin mit Freude am Fotografieren.

Raum und Weite

Wo stehe ich?

Was sehe ich?

Worauf fokussiere ich mich?

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im September 2020 wurden gepflanzt von Rita Cavelti, Leiterin Alterszentrum.

Raum und Weite

Corona hat mein Wahrnehmen und Empfinden von Nähe verändert und unerwartet Raum und Weite ermöglicht. Die empfohlenen Abstände kamen mir anfangs seltsam vor, sie fühlten sich nicht richtig an. Es war in der Bedeutung des Wortes «Distanz» tatsächlich ein Auseinanderstehen, ein Entferntsein. Die leeren Züge, in denen ich im Frühling am Morgen beinahe alleine sass, fand ich unwirklich. Ebenso die menschenleeren, verlassenen Perrons und Strassen, die verwaisten Schulen, leeren Arbeitsplätze, geschlossenen Läden, Betriebe und Institutionen. Es war ungewohnt ruhig und still und irgendwie beunruhigend. Und doch – irgendetwas in meinem Innersten klang dadurch an.

In Verlaufe der vergangenen Monate entstanden fast unbewusst neue und wohltuende Körperempfindungen. Der grössere Abstand zu den anderen verschafft mir einen besseren Blick auf den ganzen Menschen, ich nehme die Körpersprache einfacher wahr. Ich selber habe mehr (Frei-)Raum, ohne dem Gegenüber Platz streitig zu machen. Die Grenzen zu meinem persönlichen Wohlfühlraum werden seltener überschritten, sei es beim Liftfahren, im Restaurant oder beim Anstehen im oder vor dem Laden. Die Leere im öffentlichen Raum nahm ich mit der Zeit als geschenkte Weite im Alltag wahr, die ich sonst nur auf dem Berggipfel und beim Blick auf den See oder in den Himmel so erlebte. Wie belebend und wohltuend!

Zum Glück hat sich in unserem Alltag bereits einiges wieder eingependelt und sind die Einschränkungen kleiner als im Frühjahr. Wir haben wieder einen Teil des vorher normalen Lebens  zurückerhalten. Dennoch – ein Teil in mir vermisst den Raum und die Weite dieser vergangenen Wochen und ich möchte sie in den heutigen Alltag hinüberretten und bewahren.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Juli 2020 wurden gepflanzt von Eugénie Lang, Theologin und Pfarreiseelsorgerin.

Sommerpsalm

Ich lobe die Ewige
wunderbar ist der Sonnenaufgang
am frühen Morgen
mit dem Tee draussen
auf dem Sitzplatz
mit den vielen Blumentöpfen
die auf Wasser warten

Ich danke der Schöpfungskraft
für die bunten Kapuzinerli
und die duftenden Rosen
für den knackigen Sommersalat
und frisch gepflückte Beeren
für das Lied der Amsel
und das Zirpen der Grillen

Ich singe der Lebendigen
beim Duschen nach einer Wanderung
beim Eintauchen in den kühlen See
und beim Betrachten eines wogenden Weizenfeldes
beim Barfussgehen
beim mich Wohlfühlen im luftigen Sommerkleid
unterwegs zu einem Rendez-vous

Ich dichte für die Heilige
und suche nach Worten für das Unsagbare
die Sommerfreude in Worte zu fassen
sprengt mein Herz
und ich finde Erlösung in der Dankbarkeit
wie wunderbar sind deine Werke
und meine Sinne
um sie vielfach zu geniessen
Amen

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Juni 2020 wurden gepflanzt von Noemi Honegger, Spitalseelsorgerin und Doktorandin am Institut für Sozialethik.

Werden, was wir einst waren

Von blossem Auge kaum zu sehen – winziger Beginn. Chiasamen, Kirschenstein, Borlottibohne, bald schon Aprikosenkern. Kurz darauf ein ganzer Mensch. Herzschlag, Hände, Füsse, Zehennägel. Du bist du. Einzigartig und perfekt.

Meine Liebe wandert zu dir. Heute noch verborgen, kommst du morgen schon zur Welt. Eine Welt, viele Welten, deine Welt. Sie tritt dir entgegen. Sie liegt dir zu Füssen. Wage den ersten Schritt. Strecke dich aus nach dem Schönen. Sehne dich nach dem Guten. Mach dich auf. Entdecke deine eigene Melodie. Sing dein Lebenslied – mutig!

Du bist nicht allein. Behütet, beschützt und getragen. Geborgene Verletzlichkeit. Vertrauen. Zutrauen. Gemeinschaft und Begegnung. Lass dich berühren. Werde am Du zum Ich.

Chiasamen, Kirschenstein, Borlottibohne, bald schon Aprikosenkern. Eine neue Welt wird geschaffen. Werden wir, was wir einst waren. Ein kleines Kind. Hoffnung. Neuanfang. Geschenk. Gottes Gegenwart in dieser Welt.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Mai 2020 wurden gepflanzt von der Theologin Elisabeth Bernet.

Veränderung

aus kahlem Holz brechen Blüten und Blätter
aus  brauner Erde Blüten-Farbenpracht
Mai, Muttertag , Marienfeiern
Pfingsten, angstfreies Feuerfest

da können sich wandeln
ängstliche Herzen
zu lachenden, mutigen, offenen Gesichtern

da können sich wandeln
die Türme der Überheblichkeit
die Türme des Reichtums für einzelne
zu gedeckten Tischen für alle

Turm – Turm
Turm des Wahnsinns

immer höher
immer grösser
immer weiter weg von der Erde
immer weiter weg von den Menschen
immer weiter weg von der Wahrheit

Turm – Turm
Turm der Isolation
im Streben nach Höhe – allein
im Streben nach Wissen – verwirrt
im Streben nach Grösse – verloren

Turm – Turm
Turm des Todes
stürz ein – damit ich den Boden erreiche
stürz ein – damit ich Mutter Erde finde
stürz ein – damit ich Mensch unter Menschen werde

Turm – Turm
lass dich wandeln
lass dich umbauen
werde Tisch
nicht mehr Überhebung einiger
sondern Platz für alle

Tisch – Tisch
Tisch der Sinne
weit und einladend
für alle Menschen
für alle Kreatur
und ich - mitten unter ihnen

Tisch – Tisch
Tisch der Gemeinschaft
alle auf gleicher Höhe
alle die das Wort teilen
alle die Brot brechen
schauen sich in die Augen
alle die Wein weiterreichen
empfangen Freude

Tisch – Tisch
Tisch des Lebens
wo Brot und Lachen geteilt
wo Wein und Leben fliessen
wo Liebe geteilt und vermehrt
und Gott mitten unter uns

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im April 2020 wurden gepflanzt von Stefanie Bretscher, Heil- und Sozialpädagogin mit Freude am Fotografieren.

Aufstrebend ins Licht

aus der Kraft des Innern

sich entfaltend – 

in ein neues Sein. 

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im März 2020 wurden gepflanzt von Rita Cavelti, Leiterin Alterszentrum.

Ich sitze im Zug und werde meine älteste Schulfreundin treffen. Ich freue mich sehr und gleichzeitig liegt ein Hauch von Unsicherheit und Angst über meiner Freude. Meine Freundin leidet an einem aggressiven Krebs. Es ist derselbe Krebs, an dem mein Partner vor bald einem Jahrzehnt erkrankt und zwei Jahre später gestorben ist.

Meine Freundin holt mich am Bahnhof ab und es ist von der ersten Sekunde an, wie es immer war. Obwohl unser letztes Treffen schon einige Zeit zurückliegt, finden wir den Gesprächsfaden und die richtigen Worte. Wir tauschen aus zu unseren Familien und unserer Arbeit, sie erzählt von ihrer Krankheit und ich von meiner neuen Liebe. Alles hat Platz! Wir lachen viel und die drei Stunden vergehen wie im Flug. Gegen Ende sagt meine Freundin: Tag für Tag nehmen.

Beschwingt und glücklich fahre ich im Zug heim zu. Was für eine schöne Begegnung mit meiner Freundin. Ihr wie immer klarer Blick auf die Realität und ihr trockener Humor und Witz sind einfach wunderbar und einzigartig. Es verbindet uns nicht nur eine jahrzehntelange Freundschaft, sondern auch das Schicksal, von einem Tag auf den anderen mit einer unerbittlichen Krankheit konfrontiert zu sein, die das ganze Leben auf den Kopf stellt. Sie als direkt Betroffene heute, mich als betroffene Ehepartnerin damals.

Ja, Tag für Tag nehmen. Statistisch gesehen hat meine Freundin die schlechteren Lebenskarten. Aber was heisst das schon? Es gibt keine Sicherheit und Garantie. Und ich erinnere mich, was mir seit dem Leiden und Sterben meines Partners so wichtig geworden ist und was im Alltag so schnell zu vergessen droht:

Leben – leben – leben! Lustvoll, kraftvoll! Im Hier und jetzt! Lieben – lieben – lieben! Lustvoll, kraftvoll! Verschwenderisch und grosszügig! Tag für Tag.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Februar 2020 wurden gepflanzt von Eugénie Lang, Theologin und Pfarreiseelsorgerin.

Im Kirchenjahr sind die ersten Tage im Februar geprägt von Segensritualen. Am 2. Februar werden am Fest «Darstellung des Herrn» Kerzen gesegnet, am Tag darauf wird der Blasius-Segen erteilt und am Tag der heiligen Agatha am 5. Februar werden Brote mit dem Segen Gottes in Verbindung gebracht.

Mich berührt immer wieder die ganz konkrete, leibhafte Erfahrung des Segnens und des Gesegnet werdens. Auf meinem Lebensweg und in der Begleitung von Menschen verspüre ich besonders in Situationen der Verletzlichkeit oder inneren Unruhe das Bedürfnis nach Bestärkung durch die göttliche Segenskraft.

«Leben braucht Segen. Leben braucht den Zuspruch, dass es gut wird und dass es einen Sinn hat. Leben braucht die Hoffnung, die über uns Menschen hinausweist.» (Li Hangartner)

Ob als Mutter oder Freundin, als Tochter oder Theologin; wir können die Segenskraft Gottes empfangend weitergeben. Als Gesegnete und Segnende werden wir zu Gottes Mitarbeiterinnen für ein gelingendes Leben. Die Segenskraft vermag den Schmerz nicht zu nehmen und Bewahrung und Glück nicht herbei zu zwingen. Doch sie macht offen und durchlässig für die grundlegende Erfahrung, dass unser Leben wie mit einem goldenen göttlichen Faden von Zuwendung, Ermutigung und Schutz durchwirkt ist.

 

Gottes Segenskraft sei mit uns:

Sie ermutige und inspiriere uns auf unserem Weg

Sie bestärke unsere kreative Kraft

Sie beschütze unsere Lebendigkeit

und richte uns auf und aus  - dem Licht entgegen.

Sie behüte, was uns lieb und wichtig geworden ist

und  bewahre unsere Sehnsucht.

Gottes Segenskraft sei mit uns!

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Januar 2020 wurden gepflanzt von Noemi Honegger, Spitalseelsorgerin und Doktorandin am Institut für Sozialethik.

Ein neues Jahr liegt vor mir. Was mag es wohl bringen?

Neues Leben und letzte Atemzüge. Überschäumende Freude und herzzerreissende Trauer.
Kräftezehrender Abschluss und hoffnungsvoller Neuanfang. Himmelschreiende
Ungerechtigkeit und friedvolle Versöhnung. Befreiende Erfüllung und leere Sinnlosigkeit.

Noch weiss ich es nicht. Unsicherheit ergreift mich. Doch… Innehalten. Hinhören.
Nachspüren. Der Stimme des Engels lauschen:
„Fürchtet euch nicht. Ich verkünde euch eine grosse Freude.“

„Fürchtet euch nicht!“ Immer und immer wieder. Auszug aus Ägypten.
Leben im verheissenen Land. Gesang des Psalmisten. Ruf der Propheten.
Gabriel bei Maria. Gang über das Wasser. Frauen am leeren Grab.

Immanuel – Gott mit uns. Höre ich die Zusage? Glaube ich der Verheissung?

Ich möchte in weihnachtlichem Vertrauen leben. Empfangen, wachsen und gedeihen.
Über Wasser gehen. Festen Boden unter den Füssen spüren. Lieben.
Furcht und Angst in Schranken weisen.

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Dezember 2019 wurden gepflanzt von der Theologin Elisabeth Bernet.

Loben will ich

die klaren Winternächte

das Funkeln der Sterne

die Tiefe des Alls

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

das Heu und das Stroh

den Duft des vergangenen Sommers

das Futter der Tiere

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

den Ochs und den Esel

die Lasten und Mühen

die Müdigkeit des Leibes

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

das Blöken der Schafe

die Wachsamkeit der Hunde

das Lauschen der Hirten

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

das Holz der Krippe

das Holz der Särge

den Baum des Lebens

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

den Stern

den Aufbruch der Weisen

die  Kraft der Träume

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

die Anmut der Mutter

das Staunen des Vaters

das Geheimnis der Liebe

            loben – die grosse Sehnsucht

 

loben will ich

den Schrei der Neugeborenen

die  Ohnmacht des Erdlings -  Gott

            loben – die grosse Sehnsucht

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im November 2019 wurden gepflanzt von Stefanie Bretscher, Heil- und Sozialpädagogin mit Freude am Fotografieren.

Leben und Tod

beide verbunden

im Hier und Jetzt

im Immer und Ewig

Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» im Oktober 2019 wurden gepflanzt von Silvia Huber, Theologiebeauftragte des SKF Schweizerischer Katholischer Frauenbund.

Spiritualität pflegen – von den Früchten des Paradiesgartens kosten

Die Formen gelebter Spiritualität sind vielfältig, auch innerhalb des christlichen Glaubens. Der Besuch eines Gottesdienstes kann genauso «spirituelle Beziehungspflege» sein wie das Pilgern auf dem Jakobsweg oder das Geniessen der ruhigen Minuten der Familienfrau, wenn die Kinder am Morgen das Haus verlassen haben. Oder das Engagement für Geflüchtete genauso wie das bewusste Verzichten auf klimaschädliche Güter. Denn immer geht es aus theologischer Sicht darum, sich mit der Lebensquelle zu verbinden, um der Verheissung des «Lebens in Fülle» näher zu kommen. Nicht nur für sich, sondern für alle Menschen, für die ganze Mitwelt.

Spiritualität pflegen heisst also, sich immer wieder darauf zu besinnen oder sich zu vergegenwärtigen, was im Leben Sinn und Erfüllung schenkt. Um diese Früchte zu pflücken dient es, sich Zeit zu gönnen und der Alltagshektik zu entfliehen. Deshalb sind die «alten» Formen der Frömmigkeit eigentlich ganz dienlich: Im Wochenrhythmus sich für eine Stunde ausklicken und nichts leisten müssen. Oder im Jahresrhythmus an Ostern sich mit Fragen nach Endlichkeit und Hoffnung zu beschäftigen.

In der aufgeklärten Zeit des 21. Jahrhunderts haben wir die Möglichkeit, jene spirituellen Formen zu pflegen, die uns entsprechen. Wir haben viel Freiraum, sind aber auch entsprechend gefordert, den eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Manchmal müssen die Paradiesfrüchte gesucht werden, um sie dann geniessen zu können.