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Austritt aus der Männerkirche

Über meinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche am 19. November 2018 denke ich kaum noch nach. Es sei denn, ich werde angefragt darüber zu schreiben, wie jetzt für diesen Blog. Mein formaler Austritt aus der Kirche war nur der äusserliche Vollzug eines Schrittes, den ich innerlich schon längst vollzogen hatte. 

Schon seit Jahren hatte ich mich als feministische Theologin der römisch-katholischen Männerkirche nicht mehr zugehörig gefühlt, waren mir Gottesdienste mit ihrer männlichen Gottessprache keine spirituelle Heimat mehr, hatte mich die Frauenfeindlichkeit der Klerikerkirche in meinem Gerechtigkeitsempfinden und meiner Würde als Frau zutiefst empört. So war es kein Zufall, dass es der Vergleich von Abtreibung mit einem Auftragsmord durch Papst Franziskus war, der das Fass zum Überlaufen brachte: Mit einer solchen Kirche, in der zölibatäre Kirchenmänner über den Körper und die Sexualität der Frau bestimmen und Frauen in einer Notlage zu Kriminellen stempeln, wollte ich nicht länger identifiziert werden.

Befreit von innerer Zerrissenheit

Der Kirchenaustritt beendete so eine innere Zerrissenheit, die mich seit Jahren quälte, weil ich mich in meiner feministischen Arbeit nicht mehr als glaubwürdig empfand. Wie konnte ich als feministische Theologin für Frauen*rechte in den Religionen, für Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen eintreten und gleichzeitig einer Institution angehören, die diese Rechte missachtet und sogar bekämpft? Persönlich fühle ich mich durch meinen Austritt deshalb von einer Last befreit. Nach jedem neuen empörenden Vorfall in der römischen Amtskirche bin ich erleichtert, dass mich dies nichts mehr angeht und ich mich nicht mehr «fremdschämen» muss. An meiner Arbeit als feministische Theologin hat sich jedoch nichts geändert. Ich war als freiberufliche Theologin, Dozentin und Publizistin immer ausserhalb der kirchlichen Institution tätig. Und ich bin und bleibe weiterhin christliche Theologin und Teil jener weltweiten Ekklesia, die sich an der Botschaft Jesu vom Reich Gottes orientiert und diese umzusetzen versucht. 

Auch biografische Gründe

Von kirchlichen Kolleg*innen habe ich nach meinem Kirchenaustritt viel Zuspruch und Verständnis erfahren. Sie bedauerten meinen Austritt sehr, verstanden meine Gründe aber nur zu gut. Denn viele verspüren eine ähnliche Zerrissenheit, können oder wollen aber nicht aus der Kirche austreten. In Gesprächen mit befreundeten Theologinnen ist mir klargeworden, wie stark auch biografische Gründe eine Rolle spielen. Eine enge emotionale Bindung an die Kirche, wie ich sie bei vielen Katholik*innen erlebe, hatte ich nie. Ich bin in einer gemischt-konfessionellen Verwandtschaft aufgewachsen, in Zürich, also in der Diaspora, grossgeworden und erkannte schon früh, dass das katholische Christentum nicht das einzige und nicht das einzig richtige ist. So habe ich als Kind ganz selbstverständlich in der benachbarten reformierten Kirche Blockflöte gespielt, weil meine Tante dort Sonntagsschullehrerin war. In der Familie meiner römisch-katholischen Mutter, besonders bei meiner Grossmutter, erlebte ich vor allem die schädlichen Seiten des Katholizismus hautnah mit: Dieser wurde primär als eine Drohbotschaft erfahren. Meine Grossmutter ging jeden Tag in die Kirche, weil dies Pflicht war, und als meine Mutter meinen Vater heiratete, der zwar katholisch, aber nicht praktizierend war, war ihre grösste Angst, dass wir «Heidenkinder» nicht in den Himmel kommen. Ein solcher Glaube war mir schon als Kind suspekt und ich spürte, dass er auch für meine Mutter mehr Last als Befreiung war. 

Ohne Konfession, aber nicht ohne «Confessio»

Als ich später an der Universität Zürich zunächst reformierte Theologie studierte, wollte ich meine existenziellen Sinn- und Glaubensfragen klären – die Konfession spielte kaum eine Rolle dabei. Auch in meiner Arbeit als feministische Theologin ging es mir nicht um die Re-Vision des katholischen, sondern des christlichen Glaubens, um eine befreiende Theologie, die auch Frauen ermächtigt und heil macht. Dieser, meiner christlichen «Confessio» bleibe ich auch nach meinem Kirchenaustritt treu: dem Bekenntnis zur befreienden Botschaft des Jesus von Nazaret, der einen menschenfreundlichen Gott verkündet und eine egalitäre Gemeinschaft ins Leben gerufen hat, in der alle Platz haben. Der Gemeinschaft, die diese "Confessio" teilt, gehöre ich weiterhin an und fühle mich mit ihr verbunden. So auch dem SKF, dem ich nach meinem Kirchenaustritt als Mitglied beigetreten bin.

 

Doris Strahm, Dr. theol., feministische Theologin und Publizistin, www.doris-strahm.ch 

 

 

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Kommentare

14.08.2020 | Petra Sewing-Mestre

Ich finde diese Entscheidung sehr mutig und konsequent. Wir Frauen werden seit Jahrhunderten vertröstet und mit dienenden Aufgaben abgespeist. Die katholische Amtskirche ignoriert den verfassungsmässigen Grundsatz der Gleichheit der Geschlechter vollkommen. Dabei wird die katholische Freiwilligenarbeit zu einem Riesenteil von uns Frauen getragen - in den Gemeinden und Dörfern, direkt bei den Menschen. Lange Zeit habe ich mich mit dem Gedanken beruhigt, dass die Kirche vor Ort ja im Grunde eine ganz andere als die Amtskirche sei - aber genau durch diese Haltung bestärkt man die Amtskirche. Noch weigere ich mich zu glauben, dass Veränderung nur durch Austritt möglich ist.


16.07.2020 | Felix C. Studer

Es muss solche weibliche Stimmen geben, wie jene von mutigen Frauen wie Doris Strahm und Simone Curau-Aeppli! Zu gründen wäre eine katholische Parallelkirche mit einer Päpstin und mehr weiblichen als männlichen Geistlichen!