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Blick auf's Stimmrecht – früher und heute

Familie Hug-Huber in der St. Galler Werktagstracht. Margrit 2. von links, Johanna ganz rechts.

 

Die ganze Stimmkraft für Frauen

Erst vor knapp 50 Jahren erhielten die Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht. Wie war dieser Moment für Frauen in unserem Verband? Wie beurteilen sie die heutige Situation? Und was bedeutet es für ihre Töchter? Wir führen Mutter-Tochter-Interviews um es herauszufinden. Den Auftakt machen Mutter Margrit Hug-Huber und Tochter Johanna Bleiker.

Margrit, wie hast du den 7. Februar 1971 erlebt?

St. Gallen hatte damals als einer der wenigen Kantone in der eidgenössischen Abstimmung «Nein» gesagt. Da war ich zu Hause bei meinem zukünftigen Mann, als die Radiomeldung kam, dass im Kanton St.Gallen das Frauenstimmrecht abgelehnt wurde. Mein künftiger Mann sagte: «Bravo!» Da musste ich ihm gleich einen Box geben. Eigentlich war er ja auch dafür gewesen, er wollte mich einfach necken.

Kannst du dich daran erinnern, was du an dem Tag gemacht hast?

Einerseits war ich an den Hochzeitsvorbereitungen und andererseits ging das Schuljahr zu Ende und ich wollte als Primarlehrerin richtig abschliessen und die letzte Zeugnisse schreiben. Es war normal, als Lehrerin nach der Heirat nicht mehr zu unterrichten. Doppelverdiener gab es nicht.


Hast du dich im Vorfeld für das Frauenstimm- und Wahlrecht eingesetzt?

Nein, vieles war einfach wie es war. Im Seminar wurde noch gelacht über das Buch «Frauen im Laufgitter» von Iris von Rothen. Damals nahm ich das einfach so hin. Ich kam aus einer Bauernfamilie und hatte keine Zeit zum Politisieren. Als ich später 17-Jährigen Fortbildungsschülerinnen Deutsch und Staatskunde unterrichtete, diskutierten wir das Frauenstimmrecht intensiv. Im anschliessenden Aufsatz zeigte sich, dass sie die Argumente verstanden hatten.


Wie hast du Politik empfunden bevor du sie prägen durftest?

Als junge Lehrerin dachte ich manchmal schon, dass wir Frauen Steuern zahlen dürfen, aber abstimmen nicht!


Haben du und Frauen in deinem Umfeld schon vor der Einführung des Frauenstimmrechts politisiert?

Das war für mich damals keine Frage. Da wir nichts dazu sagen konnten, interessierte es mich auch nicht wirklich. Im Seminar bei den Menzinger Schwestern wollte ich selbst noch eine gute Schwester werden. Als das Stimmrecht 1971 dann aber kam, hatte ich riesig Freude und es begann auch, mich zu interessieren. An die Frauen der ersten Stunde kann ich mich noch gut erinnern: Hanny Thalmann und Hanna Sahlfeld-Singer waren die ersten St. Galler Nationalrätinnen. Diese Frauen mussten wahnsinnig gut sein um gewählt zu werden.


Welche Einschränkungen bewirkte das fehlende Stimm- und Wahlrecht vor 1971 in deinem Alltag?

Damals fühlte ich mich noch nicht eingeschränkt. Speziell war es jedoch, als wir mit unseren Töchtern 1977 nach Appenzell Innerrhoden umzogen, nach Oberegg. Bekannte sagten mir: «Nach Appenzell Innerrhoden? Ausgerechnet du? Da hast du ja nicht mal das Stimmrecht!» Ich fand aber, es gäbe ja eine Schule und eine Kirche im Dorf, da hätte ich das Wahlrecht und merkte erst später, dass ich beispielsweise die Sekundar-Schulräte nicht wählen konnte, weil diese dem Bezirk unterstanden. Mein Mann war Sekundarlehrer.


Wie war es für dich, als du das erste Mal abstimmen und wählen durftest?

1977 zügelten wir nach Appenzell Innerrhoden und ich konnte nur noch auf eidgenössischer Ebene stimmen und wählen. Als an der Landsgemeinde 1990 das Stimmrecht abgelehnt wurde, verfolgten meine fünf Töchter und ich die Debatten von aussen am Ring. Nach dem «Nein» gingen wir unseren Ärger im Schwimmbad ertränken. Mein erster Stimmausweis für die Landsgemeinde 1991 lag dann lange auf meinem Nachttisch. Das war viel einschneidender als eidgenössische Abstimmungen, weil es die Politik in nächster Nähe war, die mich viel mehr betraf. Fragen zur Höhe der Steuern und wofür man sie einsetzt: für Strassen oder die Schule und die Kultur?


Hat es dein Interesse für politische Fragen beeinflusst, dass für dich das Stimmen und Wählen nicht immer selbstverständlich war?

Klar, wenn man schon das Stimmrecht hat, dann muss man sich auch mit den Fragen auseinandersetzen. Natürlich gibt es auch mal schwierige Fragen. Ich habe wirklich nur ganz selten eine Abstimmung oder Wahl verpasst. Die generell tiefe Wahlbeteiligung in der Schweiz beschäftigt mich. Da finde ich es wertvoll, wenn die Frauengemeinschaften ermutigen, bei den Wahlen mitzumachen.


Was ist in deinen Augen immer noch im Argen punkto politischer Teilhabe und Gleichstellung der Schweizerinnen?

Wenn es um das Praktische geht. Die jungen Frauen meinen oft, wir hätten doch nun die Gleichberechtigung, was frau denn nun noch wolle. Erst wenn das erste Kind zur Welt kommt, merken sie, dass doch noch nicht alles gleichberechtigt ist. Wenn das Kind krank ist, sucht die Frau nach einer Lösung. Auch das Coronavirus bringt dies wieder zu Tage. Auf einmal sind beide Elternteile im Home Office. Die Arbeitskollegen des Vaters meinen dann, nun könne die ganze Woche auf seine Arbeitskraft zurückgegriffen werden, auch am freien Papi-Tag. Die Frau muss ihren Arbeitstag erneut verteidigen und vom Partner Fürsorge für das gemeinsame Kind einfordern. Offenbar war es für die Firma keineswegs logisch, dass die normalen Arbeitstage auch im Home Office gelten.


Was möchtest du der Generation deiner Tochter gerne mit auf den Weg geben?

Lasst euch nicht wieder zurückdrängen, sondern wehrt euch, wenn es ungerecht wird.

 

Margrit Hug-Huber wohnt in Wittenbach, SG wo sie neun Jahre Präsidentin der Katholischen Frauengemeinschaft war. Sie ist verheiratet und hat fünf erwachsene Töchter und findet, im tollen Film, «Die Göttliche Ordnung» wurde keineswegs übertrieben. Die ausgebildete Primarlehrerin ist mit unterrichten von Grundkursen an der Musikschule wieder ins Arbeitsleben eingestiegen. Zudem hat sie immer auch ehrenamtlich gearbeitet und beispielsweise Kurse für Mütter mit kleinen Kindern im Schwarzenberg gegeben.

 

***
 

Johanna, wie hast du den 7. Februar 1971 erlebt?

Zu 1971 kann ich nichts sagen, jedoch zu 1990. Im Vorfeld der Landsgemeinde wurde darüber auch in der Schule diskutiert. Meine Gspänli fanden, dass die Eltern ja sowieso gleicher Meinung wären. Das war bei uns nicht immer der Fall. Als das Stimmrecht in Appenzell Innerrhoden per Bundesgerichtsentscheid eingeführt wurde, ging ich in ein Gymnasium im Kanton St. Gallen und ein Kollege sagte mir: «Jetzt könnt ihr endlich auch stimmen und wählen im Entwicklungsland!»


War das Frauenstimmrecht in der Beziehung zu deiner Mutter ein Thema?

Ja, bei schweizerischen Abstimmungen gingen wir immer an die Urne. Nachdem die Familie in der Kirche war, wurde das Abstimmungscouvert an die Urne gebracht. Meine Mutter sagte dort immer: «Hier ist mein Couvert für die eidgenössische Abstimmung und alles andere darf ich ja nicht.» Sie hat das extra verbalisiert.


War es für dich früher ein Thema, dass die Schweiz so lange gebraucht hat für die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen?

Das habe ich erst richtig realisiert als die Diskussionen über Verschleierung, Kopftuch und Benachteiligung der Frauen zum Beispiel in arabischen Ländern geführt wurden. Da stellte ich fest, dass es bei uns noch nicht so lange her ist. 1990 war es für mich nicht ein schweizerisches sondern eher ein persönliches und ein Appenzeller Thema.


Wieso denkst du, ist der Frauenanteil in politischen Ämtern auch noch heute geringer?

Dies hängt stark mit der Rollenverteilung zusammen. Wer bringt die Kinder ins Bett? Wenn klar ist, dass immer Mami dies tut, dann ist es für Mütter weniger möglich, Ämter anzutreten, die oft mit Abendterminen verbunden sind. Frauen, die ja auch meist berufstätig sind, wollen (oder denken sie sollten) nicht abends auch noch abwesend sein. Männer erleben dies weniger als Problem.

Meine Studentinnen, angehende Lehrerinnen, sind erstaunlich apolitisch. Die jungen Frauen haben noch nicht gemerkt, dass Gleichberechtigung immer auch etwas prekär ist.

Zudem wird das Gesprächsverhalten bei Frauen und Männern anders bewertet. Frauen nutzen Gespräche lieber um Nähe herzustellen und Beziehungen zu festigen, während für Männer die Sprache immer auch ein Wettkampf ist. Ideal für die politische Arbeit.


Wie war es für dich, als du das erste Mal abstimmen und wählen durftest?

Das war schon ein schönes Gefühl. Wenn ein Resultat bekannt ist, schaut man es anders an. Die erste Abstimmung ging um die NEAT und ich habe sozusagen gewonnen. Auch das erste Mal abstimmen an der Landsgemeinde war ein erhabenes Gefühl. Es wird zelebriert, wie wichtig dieser Akt ist, welche Aufgabe und Verantwortung damit alle wahrnehmen. Das Weiterführen der Tradition ging mit der Beteiligung der Frauen nicht verloren.


Was ist in deinen Augen immer noch im Argen punkto politischer Teilhabe und Gleichstellung der Schweizerinnen?

Weil es in der Schweiz meistens Milizparlamente sind, benötigt man zeitliche und finanzielle Ressourcen. Frauen mit schlecht bezahlten Jobs können diese für ein Amt nicht aufgeben oder reduzieren. Man muss sich dies ja leisten können. Das gilt natürlich für Männer ebenso wie für Frauen. Aber in den Niedriglohnberufen gibt es mehr Frauen.


Was wünschst du dir von Frauen deiner Generation oder von kommenden Generationen in Bezug auf Politik?

Sie sollen je länger je mehr mitgestalten und sich das auch zutrauen. Frauen schränken sich auch bei Bewerbungen ein, weil sie das Gefühl haben, 100% erfüllen zu müssen. Ich wünsche ihnen Mut zum Risiko. Und ich wünsche mir auch, dass wir die Kinder in diese Richtung sozialisieren. Wer ist zuständig wofür? Meine Tochter hat am Muttertag ganz selbstverständlich für uns beide, Mutter und Vater, etwas gebastelt. Denn ihr Vater macht ja auch viel für sie.

 

Johanna Bleiker, Gossau, Sprachwissenschafterin

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