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Die Schweiz, die Welt und die Politik brauchen Frauen

Erst vor knapp 50 Jahren erhielten die Schweizer Frauen das Stimm- und Wahlrecht. Wie war dieser Moment für Frauen in unserem Verband? Wie beurteilen sie die heutige Situation? Und was bedeutet politische Teilhabe für ihre Töchter? Darüber berichteten Vreni Aepli-Germann und ihre Tochter Elsbeth Aepli Stettler im Gespräch mit der SKF Kommunikationsverantwortlichen Andrea Huber.

 

Vreni Aepli-Germann wohnt in Amriswil. Sie ist Mutter von drei Töchtern, hat mittlerweile sechs Enkel und drei Urenkel, ist verwitwet. In jungen Jahren machte sie eine Kaufmännische Lehre. Auch mit den Kindern blieb sie immer berufstätig, mit kleinen und grösseren Teilpensen, zum Beispiel als Sprachlehrerin. Später kam ihr Engagement als CVP Parteipräsidentin Amriswil hinzu. Sie war 12 Jahre Kantonsrätin, Gemeinderätin in Amriswil, Präsidentin der Spitex. In ihren 15 Jahren im Kantonalverband Thurgau war sie zuständig für Bildung und staatsbürgerliche Bildung. Einmal im Jahr stand der Besuch einer Kantonsratssitzung auf dem Programm, mit den nötigen Erläuterungen im Vorfeld und Nachgang.

Elsbeth Aepli Stettler kam noch vor dem Frauenstimmrecht zur Welt, wurde aber bereits als 16-jährige in den Pfarreirat gewählt. Als Anwältin für Familienrecht führt sie seit gut 25 Jahren mit zwei Büropartnern ein Anwaltsbüro. Die CVP Politikerin ist nebenamtliche Stadträtin in Frauenfeld und war 18 Jahre lang Kantonsrätin.

Kantonal nein, national ja

Vreni: Über die Annahme der eidgenössischen Abstimmung zum Frauenstimmrecht 1971 habe ich mich umso mehr gefreut, da ich mich im selben Moment über die Thurgauer Männer, die die Vorlage kantonal abgelehnt hatten, ärgerte.

Elsbeth: Für mich war die Abstimmung «Gleiche Rechte für Mann und Frau» 1981 prägender. Als Gymnasiastin konnte ich zwar noch nicht selbst abstimmen, versuchte aber andere zu beeinflussen.

Vreni: 1981 politisierte ich als Parteipräsidentin in Amriswil kräftig mit. Ein Kollege im Kirchenchor sprach mich auf das Engagement von Elsbeth an und fand es wahnsinnig, dass sie im Blauring-Informationskasten für die Änderung in der Bundesverfassung mobilisierte. Worauf ich zurückfragte: «Ja warum, gelten in der Kirche denn die gleichen Rechte?» Zu Hause war dies für mich und auch für meinen Mann selbstverständlich.

Auch ohne politische Rechte machten die Frauen bereits Politik

Elsbeth: Heute diskutiert man über das Stimmrecht für 16-jährige oder das Ausländerstimmrecht auf Gemeinde- oder Kantonsebene. Hier sehe ich Parallelen zu früher. Frauen mussten vor dem Stimmrecht wohl mehr Lobbyarbeit bei ihren männlichen Bekannten machen, um ihre Interessen umzusetzen. Vielleicht fehlt dies heute auch ein bisschen.

Vreni: Schon bei der Abstimmung 1959 fand ich es als junge Frau eine Ungerechtigkeit, dass Kollegen stimmen können und ich nicht. Im Vorfeld der Abstimmung 1971 warb ich im Bekannten- und Freundeskreis für die Vorlage. Bereits in meinem Elternhaus wurde rege politisiert. Meine Mutter setzte sich dafür ein, dass der erste Kindergarten im Ort gegründet wurde. Als eines der ersten Kinder durfte ich diesen besuchen. Auch als Erwachsene hatte ich nicht das Gefühl, viel zu verpassen. Bereits 1971 war ich in einer Kommission für Handarbeit und Hauswirtschaft.

Elsbeth: Abstimmen interessierte mich schon vor dem 20. Altersjahr. Es ist mir aber immer sehr bewusst, dass jede Person nur über eine Stimme verfügt. Um etwas zu bewirken, muss man Andere beeinflussen. Ich ging auch ins Militär und lernte diesen Apparat etwas von innen kennen, was hilft, um auch mitreden zu können.

Vreni: Ich dachte, dass du damit die gleichen Rechte und auch gleichen Pflichten umgesetzt hast.

Das erste Mal verpasst

Vreni: Weil ich mit meinem Mann einen Wochenendkurs machte und schriftlich Stimmen noch nicht möglich war, konnte ich an der ersten Abstimmung nicht mal teilnehmen.

Elsbeth: Als 20-jährige Studentin an der Uni in Freiburg musste ich jeweils schauen, dass ich an die Abstimmungsunterlagen kam, um brieflich abzustimmen. Persönlich an die Urne ging ich selten und auch die Gemeindeversammlungen in Amriswil erlebte ich nie. Wir müssen uns bewusst sein, Demokratie braucht Zeit und Wissen. Nur schon das Abstimmungsbüchlein zu lesen ist aufwändig. Alleine mit Schlagzeilen und Parolen lesen ist es nicht getan. Der Schweiz würde mehr politische Bildung gut tun.

Ein Recht das auch verpflichtet

Vreni: Mein Mann war immer auf der Suche nach Frauen für Wahllisten. So liess auch ich mich aufstellen, so kam ich in die Politik. Zudem wollte ich mich für meine drei Töchter einsetzen, vor allem für gleiche Rechte, das neue Eherecht. Meine Mutter starb relativ früh. Nach altem Eherecht musste mein Mann für mich unterschreiben für mein Erbe, was ihn sehr störte.

Elsbeth: Meine Eltern haben uns eine gleichberechtigte Partnerschaft vorgelebt. Erst im Jus-Studium merkte ich, welch unglaublich altes Eherecht wir hatten. Der Mann war das Oberhaupt der Familie. Der Romandie ist zu danken, dass wir heute ein partnerschaftliches Eherecht haben.

Für Meinungen wird man nicht immer lieb behandelt

Vreni: Die Dorfgeschäfte diskutierte ich rege mit meinem Mann und im Freundeskreis, informierte mich in der Zeitung und war es auch gewohnt, meine Meinung zu sagen. Die Reaktionen waren nicht immer gleich, aber unterschiedliche Positionen wurden akzeptiert. Zu seiner Meinung zu stehen zeigt, dass man ehrlich ist und anpacken kann. Heutige Frauen sind harmoniebedürftiger und scheuen sich eher Stellung zu nehmen.

Elsbeth: Bei Abstimmungen gibt es am Schluss nur ein «ja» oder «nein». Anders als im täglichen Leben gehen «ja, aber» oder «nein, vielleicht» nicht. Entscheidungen sind manchmal schwierig. Vielleicht bleibt man eher zu Hause, als sich knapp zu entscheiden. Anders in einem politischen Amt, dort geht es mehr um Lösungen und nicht nur um ja oder nein.

Vreni: Im Gemeinderat konnten wir intensiv um die Sache streiten, danach gingen wir gemeinsamen zum Schnitzel und Pommes Frites essen und konnten über die vorangegangenen Dispute blödeln. Das war wichtig für den Frieden im Rat.

In einem politischen Amt kann man es nicht allen Recht machen

Elsbeth: Viele Frauen zeigen Interesse am Politisieren, liefern aber Ausreden wie die Kinder sind noch klein. Die Frauen-Erwerbstätigkeit in der Schweiz ist tiefer als beispielsweise in Frankreich. Viel weniger Frauen sind in beruflichen Positionen, wo sie quasi automatisch noch politische Funktionen übernehmen. Wenn der Chef Bauamt und der Chef Freizeitanlagen Männer sind, dann sind sie automatisch in der Baukommission. Im Gremium bleibt dann nur noch ein Platz für eine Interessengruppe, die vielleicht eine Frau wahrnehmen könnte. Beruf und Familie zeitgleich abzudecken mag sicherlich streng sein. Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung ist besser als früher, aber noch nicht auf dem Standard von Europa und die Finanzierung bleibt ein Thema.

Vreni: Wir Frauen im Rat unterstützten uns jeweils gegenseitig. Meine Erfahrung ist, dass Frauen mehr aus der Realität heraus politisieren. Sie orientieren sich sachpolitisch, weniger parteipolitisch.

Gleichstellung ist nicht selbstverständlich – Bleibt dran

Elsbeth: Es erschüttert mich, wenn junge Frauen nur eine Lehre und danach trotz Fähigkeiten keine Weiterbildung machen. Nach der Kinderpause müssen sie wieder dort einsteigen, wo sie mit 25 Jahren aufgehört haben. Als Familienrechtlerin weiss ich zu gut, dass eine Ehe mit einer Wahrscheinlichkeitsrate von 40% nicht hält. Frauen müssen auf eigenen Beinen stehen können.

Vreni: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollen für Mann und Frau möglich sein. Auch wenn die Kinder klein sind, sollten die Frauen Berufe mit Verantwortung ausüben. Frauen, die bereits Verantwortung übernehmen, muten sich eher ein politisches Amt zu. Mein Aufruf: Nicht resignieren. Wenn etwas nicht funktioniert aufstehen und weitermachen. Frauen bleibt am Ball!

Elsbeth: Frauen stellen selbst hohe Ansprüche an sich. Es gibt Männer im Kantonsrat, die nicht viel machen, dann dürften dies auch ein paar Frauen. Eine Quote könnte helfen. So könnten vielleicht auch mehr Frauen mobilisiert werden. Neuerdings braucht es auch bei jungen Männern mehr Überzeugungskraft, weil sie neben der Arbeit mehr Zeit für die Familie haben wollen.

 

Interview: Andrea Huber

Titelbild: Das Stadthaus in Amriswil war lange Wirkungsstädte von Vreni Aepli-Germann

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