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Freiwilligenarbeit ist mehr wert als ein Blumenstrauss

Der 5. Dezember ist der UNO-Tag der Freiwilligen. An sich ist es höchst erfreulich, dass die UNO neben einem Tag gegen Krebs und für die Muttersprache, gegen Diskriminierung und für Wildtiere, gegen Tuberkulose und für Poesie, gegen Menschenhandel und für genügend sauberes Wasser, gegen Personenminen und für Gesundheit am Arbeitsplatz, gegen Wüstenbildung und für Zugvögel, gegen Kinderarbeit und für NichtraucherInnen, gegen Drogen und für Witwen, gegen Hunger und für Demokratie, gegen AIDS und für Toiletten, gegen Korruption und für Menschenrechte im Jahreskalender auch einen Tag für Menschen führt, die sich unbezahlt für Personen oder Gruppen ausserhalb des privaten Umfelds engagieren. An sich.

Unbezahltes Engagement zugunsten der Gesellschaft

Aber wer ist die UNO? Sie ist ein Zusammenschluss von Staaten und Regierungen. Freiwilligenarbeit aber ist selbstorganisiertes Engagement der Zivilgesellschaft, die in der UNO gerade nicht vertreten ist, jedoch dringend vertreten sein sollte, um die grossen Herausforderungen von Menschheit und Planet effektiv lösen zu können. Auch wenn in Schweizer Städten und Gemeinden zwischen Rorschach und Russin, Rheinfelden und Roveredo am 5. Dezember Gemeinderäte den Freiwilligen wohlmeinend, aber letztlich paternalistisch Blumensträusse und Honiggläser in die Hände drücken, und wenn die Lokalzeitung einmal mehr betont, dass der Staat durch Freiwilligenarbeit jährlich 40 Milliarden Franken spare, wird dies den Freiwilligen nicht gerecht. So wie der Muttertag oft ein Kompensationsritual für ungleich verteilte Rechte in Familie, Beruf und Gesellschaft ist, kommt mir der UNO-Freiwilligentag zunehmend als Kompensationsritual vor, für die fragwürdige Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit in Staat und Gesellschaft. Und wenn Kantone wie Luzern, Freiburg oder Waadt sogar selbst Freiwillige rekrutieren und koordinieren, wird die Idee der Freiwilligenarbeit als selbstorganisiertes Wirken der Zivilgesellschaft vollends pervertiert.

Freiwilligenarbeit hat viele Gesichter

Wenn Medien am 5. Dezember jeweils auch die zweite Ente kultivieren, dass nämlich Freiwilligenarbeit in Vereinen konstant abnehme, möchte man diesen UNO-Gedenktag liebend gerne eintauschen gegen einen Welttag für Velofahrerinnen und Fussgänger. Selbstverständlich wird Vorstandsarbeit nicht nur im Schweizerischen Katholischen Frauenbund eine zunehmende Herausforderung, sondern auch in Fussballclubs, Theatervereinen und Ortsparteien. Zunehmende berufliche Beanspruchung, Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort, Wegzug vom Land in Agglo und Stadt sowie individualisiertes Freizeitverhalten konkurrieren das Engagement in Vereinen und Organisationen tatsächlich. Aber gerade die Corona-Pandemie beweist derzeit mit der Zunahme von Home-Office, dass solidarische Hilfeleistungen in der Nachbarschaft automatisch zunehmen, wenn die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, Familienarbeit und gesellschaftlichem Engagement ermöglicht und gefördert wird.

Wenn also die Wirtschaft Freiwillige am 5. Dezember besonders ehren will, dann soll sie konkret diese Vereinbarkeit fördern, auch post-coronal. Und wenn Gemeinderäte den 5. Dezember nicht mit der Schamröte mancher Männer am Muttertag begehen wollen, sollen sie nicht einmal jährlich Blumensträusse verteilen, sondern im Alltag die lokalen Vereine unterstützen, indem sie bürokratische Hürden für Vereinsarbeit abbauen, den Vereinen Lokalitäten gratis zur Verfügung stellen und ihnen auf der Gemeinde-Webseite einen prominenten Platz einräumen.

 

Der Theologe Lukas Niederberger ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Diese erforscht und fördert Freiwilligenarbeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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Kommentare

03.01.2021 | Petra Sewing-Mestre

Lieber Herr Niederberger, vielen Dank für Ihren sehr treffenden und differenzierten Kommentar.
Wie wäre es, wenn man den Frauen - anstelle eines Glases Honig - die mit Freiwilligenarbeit verbrachte Zeit
(wenigstens teilweise) auf die Rentenberechnung anrechnen würde? Das wäre mal ein echter Ausdruck von Wertschätzung!


01.12.2020 | Margrit Kunz-Bürgler

Mit einem Schmunzeln habe ich Ihren Artikel gelesen. Ich finde es schön, wie Sie die ernsthafte und tiefe Dimension der Freiwilligenarbeit mit Witz und Humor aufzeigen. Ich wünschte mir sehr, dass öffentliche Gremien wie z. Bsp. Gemeindebehörden Ihren konkreten Vorschlägen folgen - nicht nur bürokratische Hürden für Vereinsarbeit abbauen, sondern diese Engagements aktiv unterstützen.