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Ist wirklich jedes Menschenleben gleich viel wert?

Am 7. September 2020 konnten meine Freundin und ich endlich fliegen. Sie leistete schon rund zehnmal auf Lesbos praktische Nothilfe, half Menschen aus den Booten und verteilte Decken. Schon so lange dachte ich darüber nach, wie ich Geflüchtete auf Lesbos unterstützen könnte. Jetzt endlich ergab sich meine Chance, einen Beitrag zu leisten, ohne mit dem Rollstuhl im Weg zu stehen.

Mit meinem Einsatz waren Trainings für Freiwillige vor Ort zum Umgang mit vielleicht traumatisierten Menschen geplant, ebenso zum Thema Selbstfürsorge, damit sie die wichtige Arbeit nachhaltig leisten und als sinnvoll zu erfahren können. Dafür stand ich bereits ein halbes Jahr mit «One happy Family» im Kontakt, einer Organisation mit Sitz in Burgdorf, die sich für Geflüchtete engagiert.

Am Tag nach unserer Ankunft brannte das Lager Moria. Durch pures Glück starb niemand in den Flammen. Das rauchende Gelände und die verbrannten Zelte waren von weitem zu sehen. Das Gebiet war weiträumig vom Militär abgesperrt, nur Médecins Sans Frontières durften passieren. In der Nähe waren vereinzelte Grüppchen von minderjährigen Geflüchteten. Im Feuer verloren sie den letzten Rest ihrer Habseligkeiten, ihre Papiere und damit die Chance auf Europa. Nun harrten sie bei grosser Hitze, ohne Wasser, Essen und medizinische Versorgung in einer nach allen Seiten versperrten Strasse aus, genannt «Zone». Bewacht wurden sie von denselben Frontex-Soldat:innen, die mit uns am Frühstücksbuffet im Hotel freundlich plauderten.

Drei Tage mussten wir untätig am Pool verbringen, weil alle Helfenden sich neu organisieren mussten im Chaos nach dem Brand. Wir versuchten zu lesen, assen Sandwiches mit Tomaten und Mozzarella. Dabei verfolgten wir mit dem Handy alle Nachrichten, die in der Schweiz bereits kursierten, aber bei uns vor Ort noch nicht verfügbar waren. Auch Bilder von Kindern mit verätzten Gesichtern: Das Militär hatte Tränengas in die «Zone» geschossen, um eine Unruhe aufzulösen. Vor Wut musste ich schreien, denn für traumatisierte Menschen ist es das Allerschlimmste, erneut ausgeliefert zu sein und körperlich angegriffen zu werden. Nachrichten von der Untätigkeit der Schweizer Regierung waren schwer zu verdauen, zwar wollten sie Nothilfe leisten, aber für Evakuierungen und richtige Perspektiven nicht Hand bieten.

Nach der Warterei konnten wir endlich die Trainings beginnen und viele Einzelgespräche mit meist jungen Menschen führen. Im Feuer hatten sie Extremes erlebt, holten Minderjährige aus dem Brand, während Rechtsextreme auf Motorrädern über die Hügel kamen, um die Geflüchteten im brennenden Lager zu halten. Trotzdem waren alle Freiwilligen offen, von ihrer Wut und Bitterkeit weiterzugehen, anzupacken, sich zu motivieren und engagieren!

Unter ihnen war eine junge Frau, die ihr afrikanisches Land verliess, um für ihre behinderte Tochter in Europa eine Perspektive zu schaffen. Das Mädchen war wegen der Schande ihrer Behinderung aus allen Schulen geflogen. Auch die Mutter wurde ihretwegen stigmatisiert und wegen Hexerei verfolgt. Sie hoffte, ihre Tochter nach drei Monaten nachzuholen, nahm dafür die gefährliche Überfahrt auf sich. Gute Gründe einer guten Mutter, die kein Land auf der Welt dafür aufnehmen wird. Seit langen dreieinhalb Jahren sind sie nun getrennt, die Mutter im Überlebensmodus in Moria, der Vorhölle. Als Geflüchtete engagiert sie sich nun freiwillig für andere Geflüchtete.

Moria wurde noch während unseres Aufenthaltes durch ein viel übleres neues Camp ersetzt. Dieses liegt direkt am Meer, die Menschen sind auf engstem Raum, alle Kleider durchnässt, Gewalt überall präsent und dazu der Lockdown - prekärste Bedingungen in jeglicher Hinsicht.

Zurück in der Schweiz, aber weiterhin in Kontakt mit den Menschen auf Lesbos, frage ich mich, was uns eigentlich einfällt? Ist nicht jedes Leben gleich viel wert? Wenn sich Geflüchtete in Moria in den Finger schneiden, bluten sie in derselben Farbe wie wir. Zerreisst Eure Herzen, zerreisst nicht Eure Kleider!

 

Dorothee Wilhelm ist kath. Theologin und Psychologin

Titelbild: Hans Braxmeier auf Pixabay

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Kommentare

06.05.2021 | Margrit Hug-Huber

"...sah ihn und ging vorüber..." auch heute. Jeden Tag. Meine Ohn-Macht macht mich traurig und wütend. Es hätte doch Platz bei uns. Aber die Hürden , jemanden aufzunehmen sind dermassen hoch, kompliziert , unmöglich...
Wo ist denn unsere humanitäre Schweiz gelandet?? --- Herr erbarme Dich! ---