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«Nid emol Wasser?» – Fasten im Islam und im Christentum

© 2022 pixabay CC0 Public Domain

 

Am 2. März 2022 ist Aschermittwoch und damit beginnt die 7-wöchige christliche Fastenzeit. Der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt einen Monat später. Was hat es mit dem Fasten auf sich? Die muslimische Theologin Tuba Hilal Koca und die katholische Theologin Katharina Jost Graf geben Auskunft.

Warum fasten Menschen?

Katharina Jost Graf: Das Fasten bedeutet – nicht nur im Christentum – frei werden von Zwängen und Verstrickungen, sich neu ausrichten darauf, was einem selber, der (Welt)-Gemeinschaft und der Schöpfung gut tut. Die Fastenzeit ist eine Vorbereitung auf grosse Feste. Früher war auch der Advent eine Fastenzeit, als Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Das Fasten hilft dabei, leer und offen zu werden und so empfänglicher für die Botschaft und den Reichtum der Feste. Fasten trägt dazu bei, dass das Leben nicht in immer gleichen Bahnen verläuft. Dass das Kostbare und wirklich Wichtige, das Festliche und Schöne bewusster erfahren werden kann. Mit all den Herausforderungen, welche der Klimawandel an uns stellt, hat das Fasten ausserdem eine ganz neue Brisanz erhalten.

Tuba Hilal Koca: Das Fasten ist ein Zeichen der Gottergebenheit und eine der fünf Säulen im Islam. Das Ziel des Fastens ist es, Gottesfurcht zu erlangen. Während der Fastenzeit werden Körper und Seele gereinigt und die Beziehung zu Gott gestärkt. Von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang wird gefastet, indem man auf Essen, Trinken sowie Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner verzichtet. Nach Sonnenuntergang ist das alles wieder erlaubt. Vor allem geht es beim Fasten auch darum, schlechtes Verhalten und Gedanken zu vermeiden. Durch das Fasten trainiert der Mensch mit seinem Willen umzugehen und seine Triebe zu beherrschen.

Wann beginnt die Fastenzeit?

Katharina Jost Graf: Die Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch, der dieses Jahr auf den 2. März fällt. Die Fastenzeit dauert 40 Tage bis Karsamstag, den Samstag vor Ostern. Die Sonntage werden dabei nicht mitgezählt, sie gelten nicht als Fasttage. Das Datum des Aschermittwochs ist nicht jedes Jahr gleich, weil der Ostertermin beweglich ist. Ostern wird jeweils am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert. Dass die Fastenzeit 40 Tage dauert, hat mehrere biblische Bezüge. Zum Beispiel dauerte die Sintflut 40 Tage und Nächte. Die Wanderung der Israelit:innen durch die Wüste zog sich über 40 Jahre hin. Jesus fastete 40 Tage in der Wüste und erschien nach der Auferstehung während 40 Tagen denen, die ihm sehr nahe standen. Die Zahl 40 hat in der Bibel die Bedeutung von Erwartung, Vorbereitung, Besinnung, Fasten. Die Fasnacht hängt eng mit der Fastenzeit zusammen. Vor dem Fasten soll nochmal ausgiebig gefestet und genossen werden.

Tuba Hilal Koca: Im Ramadan. Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Kalender, der sich nach dem Mond richtet. Ein Mondjahr umfasst 354 Tage und zwölf Monate, jeweils aus 29 oder 30 Tagen bestehend. Somit ist das Mondjahr zehn bis elf Tage kürzer als das Sonnenjahr. Islamische Festtage und religiöse Ereignisse wandern durch den gregorianischen Kalender und verschieben sich um zehn oder elf Tage pro Jahr nach vorne. In Ländern mit vier Jahreszeiten, wie zum Beispiel der Schweiz, können die Erfahrungen mit dem Fasten daher variieren. Als ich noch ein Kind war und meine ersten Erfahrungen mit dem Fasten machte, war es Winter. Ich erinnere mich noch genau an diese Tage. Damals fiel es mir sehr leicht, da wir schon etwa um 5 Uhr das Fasten brechen konnten. Je älter ich wurde, desto mehr verschob sich der Ramadan immer weiter vor, sodass ich im letzten Jahr des Gymnasiums im August am Schulsporttag fastete und mein Fasten erst etwa um 22 Uhr brach.

 

Tuba Hilal Koca ist in Basel geboren und aufgewachsen. Nach der Matura in der Schweiz erlangte sie einen Bachelor in Islamischer Theologie an der Marmara Universität in Istanbul. Nach ihrem Abschluss kehrte sie zurück in die Schweiz und ist seither als Theologin tätig. Sie unterrichtet Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene und hält Vorträge über den Islam auf «schwiizerdütsch» und bietet sie Moscheeführungen für Schulklassen an. 2018 schloss sie eine Ausbildung in islamischer Spitalseelsorge an der Universität Wien ab. Ihre Freizeit verbringt Tuba Hilal gerne in den Bergen. Wandern und Snowboarden gehören zu ihren Leidenschaften. Sie engagiert sich im Vorstand der VIOZ und ist Mitgründerin der Wandergruppe Swiss Muslim Hikes.

Wer fastet und welche Fastenregeln gibt es?

Katharina Jost Graf: In unserem Kulturkreis fasten nicht mehr so viele Leute wie früher, weil die Menschen sich von kirchlichen Vorschriften gelöst haben. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass das Fasten bzw. Verzichten vielleicht in etwas anderer Form wieder an Bedeutung gewinnt. Beispielsweise wird in der Fastenzeit auf Süsses und Fleisch verzichtet. Dieser Verzicht entspricht auch den kirchlichen Fastenempfehlungen. Zusätzlich gehört zum christlichen Fasten auch, in dieser Zeit verstärkt Nächstenliebe zu leben. Das bedeutet, offen zu sein für die Not von Menschen und Schöpfung und sich zu überlegen, welchen Beitrag ich persönlich leisten kann.

Tuba Hilal Koca: Das Fasten ist eine Pflicht für alle mündigen Muslim:innen. Als religiös mündig gilt, wer die Pubertät erreicht hat, im Besitz seiner Geisteskräfte ist und körperlich dazu imstande ist. Alte Menschen, Kranke sowie Kinder bis zur Pubertät sind vom Fasten befreit. Auch Schwangere, Stillende, Menstruierende sowie Reisende sind nicht verpflichtet zu fasten, sollten aber die versäumten Tage zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Es ist üblich, dass Kinder vor dem Pubertätsalter erste Erfahrungen mit dem Fasten machen, in dem sie zunächst halbe Tage fasten und später auch einen ganzen Tag am Wochenende, wenn sie keine Schule haben.

Wann wird das Fasten gebrochen?

Katharina Jost Graf: Im Christentum ist das Fastenbrechen nicht so ausgeprägt. Die Fastenzeit endet aber auf jeden Fall in der Osternacht oder am Ostermorgen. Die Ostereier und natürlich auch die Schokolade sind Ausdruck davon, dass nicht mehr gefastet wird.

Tuba Hilal Koca: Unmittelbar nach Sonnenuntergang wird das Abendessen zum Fastenbrechen eingenommen. Beim Fastenbrechen, auch Iftar genannt, wird traditionell als erstes eine Dattel gegessen. Es ist üblich, dass man sich zum Iftar einlädt und sein Fasten gemeinsam mit Verwandten und Freund:innen bricht. In vielen Moscheen werden täglich Iftare organisiert. Während der Pandemie mussten diese leider aussetzen. Diese Iftare habe ich, womöglich auch viele andere Muslim:innen, am meisten vermisst in den letzten zwei Jahren. In Ländern mit einer muslimischen Mehrheit werden oftmals grosse Iftar-Zelte aufgestellt oder auf grossen Plätzen Iftare ausgeteilt an Arme, Bedürftige sowie das Volk im Allgemeinen. Solche Anlässe und Zusammenkünfte bewirken, dass die Gemeinschaft der Menschen gestärkt wird, indem man einander begegnet.

 

Katharina Jost Graf ist Pfarreiseelsorgerin im Luzerner Pastoralraum Hürntal. Die engagierte Freiwillige wirk als Vizepräsidentin im Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF und unterstützt die katholische Frauengemeinschaft Dagmersellen als theologische Begleiterin.

Wie wird das Ende der Fastenzeit gefeiert?

Katharina Jost Graf: Ostern ist das Ende der Fastenzeit. Es ist das grösste und wichtigste Fest im Christentum. Das Osterfest fällt in die Zeit des Frühlingsanfangs und ist sozusagen ein christliches Frühlingsfest: Jesus ist aus dem Tod aufgestanden, das Leben setzt sich durch, der Tod hat nicht das letzte Wort, die Liebe ist nicht unterzukriegen. Es gibt vielfältige Rituale und Bräuche rund um Ostern: Osterfeuer, Osterkerze, Ostermusik, Ostermarsch, Eiertütsche. Wichtig dabei ist, dass die Tiefe des Osterfestes viel besser im Zusammenspiel mit der Fastenzeit erfasst werden kann. 

Tuba Hilal Koca:  Im Anschluss an den Fastenmonat, also am ersten Tag des Folgemonats Schawwal, findet das Fest des Fastenbrechens, auch Eid al Fitr genannt, statt. Dies ist der wichtigste islamische Festtag nach dem Opferfest. Am Morgen vom Eid al Fitr treffen sich alle Muslim:innen in festlichen Kleidern in den Moscheen für ein gemeinschaftliches Festgebet. Im Anschluss an das Gebet gratulieren sich alle zum Festtag und beschenken einander mit Süssigkeiten. Den Rest des Festtages verbringen die meisten Muslim:innen mit ihren Verwandten und Freund:innen und feinem Essen.

Fasten Sie selbst auch?

Katharina Jost Graf: Ja, ich faste. Seit einigen Jahren hat für mich die Fastenzeit persönlich wieder eine grössere Bedeutung bekommen. Weil ich wegen meines Berufs jeweils in den Schulferien in die Ferien gehen muss und ich in den Ferien nicht faste, beginnt meine Fastenzeit etwas später. Aber dann esse ich bis Ostern kein Fleisch, nichts Süsses und auch keine Chips und so. Ich verzichte aufs Krimilesen, Fernsehen und schränke den digitalen Konsum ein (ausser zu Informationszwecken). Auf jeden Fall ist der Verzicht des Smartphones eine Fastenvariante. Und etwa 10 Tage lang faste ich ganz. Das heisst, ich trinke nur Wasser oder Tee und nehme keine feste Nahrung zu mir. Das tue ich gemeinsam mit einer Fastengruppe. Dieses Fastenangebot ist Teil des Programms der Dagmerseller Frauengemeinschaft. Es ist eine sehr bestärkende Erfahrung, wie mein Körper fähig ist, mit so wenig auszukommen. Es braucht aber auch etwas Selbstdisziplin und die schaffe ich nur in der Gruppe.

Tuba Hilal Koca: Ja, ich faste. Der Ramadan bedeutet für mich Bewusstsein und die Rückkehr in sich selbst. Durch das Fasten werde ich achtsamer. Achtsam wie ich spreche, wie ich mich verhalte, wie ich meine Zeit verbringe. Für mich bedeutet der Ramadan auch Disziplin. Ich erziehe mein Ego, indem ich auf Dinge verzichte, die ausserhalb der Fastenzeiten erlaubt sind. Somit fällt es mir ausserhalb vom Ramadan auch viel leichter auf Dinge zu verzichten, die untersagt sind im Islam. Durch den Verzicht fokussiere ich mich auf das Essentielle, bewahre meine Ruhe und spüre die Nähe zu Gott stärker. Der Ramdan ist vor allem der Monat des Korans, daher versuche ich mich auch vermehrt mit der Rezitation sowie der Bedeutung vom Koran zu befassen und es in meinen Alltag zu integrieren. Alhamdulillah (Gott sei Dank), habe ich noch nie die Erfahrung gemacht, es nicht durchzuhalten. Ich war auch schon in Ländern mit einer muslimischen Mehrheit während dem Ramadan. Klar gibt es Unterschiede, jedoch kann ich nicht behaupten, dass es hier in der Schweiz schwieriger ist zu fasten. Das einzig vielleicht Nervige sind die Fragen, die jedes Jahr aufs Neue gestellt werden wie beispielsweise «Nid emol Wasser?».

 

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