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Religion ist nicht mehr systemrelevant

 

«Religion ist nicht mehr systemrelevant.» Ein paar Mal habe ich diese Aussage zuletzt gehört und gelesen. Ich bin darüber ziemlich ins Stolpern gekommen!

Zunächst einmal leuchtet es wohl allen ein: Um die Corona-Pandemie in den Griff zu bekomen, müssen die Abstands- und Kontaktregeln eingehalten werden. Das gilt besonders für grössere Menschenansammlungen und deshalb sind Kirchen und Religionsgemeinschaften auch angesprochen, sich am Hygiene-Regime aktiv zu beteiligen. Denn im Raum der Religion gibt’s das ja gelegentlich noch, grössere Menschenansammlungen …

Nun wird diskutiert, welche Lebensbereiche langsam wieder aktiviert werden dürfen. Dabei stellt man fest: Gottesdienste und andere religiöse Versammlungen stehen da ziemlich weit hinten auf der Liste! Auffahrt und Pfingsten werden wohl weiterhin ohne öffentliche Gottesdienste ins Land gehen dieses Jahr.

Dass religiöses Leben für die Menschen eine dringend notwendige Angelegenheit ist, scheint nicht wirklich der Fall zu sein. Sonst würde es ja wohl mehr Protest und Lobby geben – für ein Anliegen, das in unserer Rechtsordnung einen prominenten Platz hat. Die Religionsfreiheit steht immerhin am Ursprung der modernen Menschenrechtserklärungen, und in der Bundesverfassung ist ihr ein eigener Artikel (Glaubens- und Gewissensfreiheit, Art. 15) gewidmet.

Aber kann es sein, dass der offensichtliche politische Bedeutungsverlust der Religion auch selbstverschuldet ist? Weil ein Christentum, das sich so wenig beweglich und reformfreudig, so starr in seiner Fixierung auf einen bestimmten Begriff von Tradition zeigt, eben immer weniger «nachgefragt» wird und deshalb auch nicht der Aufstand ausbricht, wenn seine Veranstaltungen mal nicht mehr durchgeführt werden können? Anders formuliert: Die Kirchen sind ja auch ohne Corona-Regeln schon ziemlich leer geworden in den letzten Jahrzehnten …

Oder verzwecke ich mit diesem Gedanken die Krise für meine eigenen Reformwünsche? Das werden mir sicher manche vorwerfen. Und ich bin auch unsicher, denn ich kenne selbst viel gute Praxis, auch unter dem alten Gewand der Kirche. Und ich kenne auch Menschen, die das suchen und brauchen.

Allerdings denke ich mir: Gäbe es in der Kirche wirklich Geschlechtergerechtigkeit und eine Teilhabe, die uns heutigen Menschen als mündigen, kompetenten und verantwortungsvollen Erwachsenen wirklich entspricht, dann würde man Kirche doch viel mehr als eine Lebensquelle empfinden, als etwas, das man wirklich braucht, um in dieser Welt zu bestehen! Würden sich da nicht viel mehr Menschen, viel lauter, dafür einsetzen, sich auch religiös ausdrücken zu können? So denken hingegen manche vielleicht: Ja gut, eine Unterbrechung tut diesem Laden wirklich mal gut, vielleicht kommt er zu Besinnung …

Schliesslich aber kann man auch umgekehrt fragen: Muss man denn wirklich «systemrelevant» sein und was soll das heissen? Da kommt es doch auf das «System» an, um das es geht! Und das System unseres immer schneller sich drehenden Turbokapitalismus, der zu Wettbewerb, Konsum und Selbstoptimierung anheizt – das ist nichts, wo man als Religion dann auch noch eine Rolle spielen wollen sollte. Denn es besteht die Gefahr, dass man letztlich nur Zwischenhaltestelle zum Luftholen ist, damit die Spirale der ständigen Selbstüberforderung munter weiter gehen kann.

Wird der Glaube aber als Ressource zum Aufbau an einer gerechteren Welt, als eine Hoffnung gegen alle Erwartung und als Trost in aller Trauer praktiziert, dann wird er dem Rad dieser Welt in die Speichen fahren und es immer wieder aus der Bahn bringen. «Systemrelevant» muss der Glaube dann gar nicht sein.

 

Mir stellt die Corona-Religions-Pause deshalb eine doppelte Frage:

  • Wie müssen wir unseren Glauben leben, damit er in Zeiten der Krise vermisst wird?
  • Welches «System» stützen wir mit unserem Glauben und an welcher «anderen Welt» bauen wir mit ihm mit?

 

Daniel Bogner ist Professor für Allgemeine Moraltheologie und Theologische Ethik an der Universität Freiburg i. Ue.

Bildquelle: Bernd Kasper / pixelio.de

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Kommentare

14.05.2020 | Margrit Hug-Huber

Unsere Angestellten in der Kirche machen sehr viel. Ja, sie sind Macher. Und sie machen viel Gutes. Aber irgendwie fehlt das innere Feuer, die Begeisterung. Viele dünken mich im Innersten resigniert. Ich hoffe, dass diese Coronazeit ihnen etwas Musse brachte, um selber mehr Zeit mit Jesus Christus zu verbringen und offen zu werden für den Heiligen Geist.
Ehrenamtlich sind viele positive Aufbrüche da in verschiedensten neuen Gemeinschaften und Bewegungen. Das gibt mir Hoffnung.


05.05.2020 | Margrit Kunz-Bürgler

Ganz herzlichen Dank, Herr Bogner, für Ihre Reflexionen und Ihre sehr eindrücklichen, bedeutsamen Fragen. Um Antworten bin ich verlegen - aber ich möchte Ihnen einfach ausdrücken, dass diese Fragen mir sehr zentral erscheinen.


05.05.2020 | silvia huber

Spannende "Flashs" - es lohnt sich, daran weiterzudenken!
Ich verstehe Gott sehr stark als "Beziehungsgeschehen". Unter diesem Aspekt hat die Krise dem Glauben ganz gut getan, denn viele Menschen sind in neue Beziehungen getreten, nicht zuletzt auch mit der Natur oder den eigenen Tiefen der Seele. Es fragt sich einfach, welche Rolle die Institution Kirche da noch spielt oder spielen kann. Ich träume mit Herrn Bogner von Reformen!
Silvia Huber, SKF-Beauftragte für Theologie