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Vom Affen zum Menschen zur Frau zum Genderstern: Eine Mondlandung

Sascha hiess nicht immer Sascha, aber jetzt heisst Sascha so. Sascha leistet queerfeministische Basisarbeit von Instagram und Kolumnen über besoffene Leute aufklären bis zu Poetry Slam Auftritten. Zurzeit schreibt Sascha fürs Missy Magazine aus Berlin und wird an queeren Festivals mit dem preisgekröhnten Dokmentarfilm «Being Sascha» gezeigt. Sascha arbeitet in der Gastrobranche und ist nebenher Aktivist*in, Kolumnist*in, Poetry-Slamer*in, Handy-Reparateur*in, Workshop-Leiter*in, ehrenamtliche*r Berater*in von Jugendlichen, Meme- und Video-Creator. Eben Tausendsascha. | © Anne Gabriel-Jürgens

 

Alle Menschen – ungeachtet des Geschlechts – wurden schon immer «mitgemeint», wenn von Menschen die Rede war. Es wird bis heute nicht an Kopffüsser und Löwinnen gedacht, wenn von Menschen gesprochen wird. Und das ist auch richtig so. Aber leider werden Frauen konstant vergessen, wenn von Menschen gesprochen wird. Haben Sie schon einmal eine Zeittafel gesehen, bei der aus dem Affen eine Frau wurde? Ich auch nicht. Aus dem Affen wird immer ein «Mensch» und der «Mensch» ist dabei immer ein «Mann».

Sprache formt Gedanken

Studien über die Anwendung geschlechtergerechter Sprache beweisen: Wir denken unbewusst so, wie wir sprechen. Wenn wir beispielsweise von Feuerwehrmännern sprechen, ist unsere Vorstellung von der Feuerwehr männlich, wir denken an mutige Männer, die Menschen aus Flammen retten. Die Folge ist: Wir setzen im Umgang mit heranwachsenden und erwachsenen Frauen voraus, dass diese sich nicht in einer Feuerwehr engagieren können. Auch wenn sie juristisch, ökonomisch und sogar baulich, also indem es beispielsweise Feuerwehrfrauengarderoben gibt, «mitgedacht» werden.

Erlernte (Denk)Muster

Schelten bringt wenig, schliesslich muss mensch ja zunächst überhaupt erst die Gelegenheit erhalten, diese Denkweise zu hinterfragen. Dieser Aufgabe widmen sich die folgenden Zeilen. Keine Frau und kein Mann kann etwas dafür, dass wir Menschen immer in eine Geschlechtergrenze hineindenken. Wir sind ganz unschuldig damit aufgewachsen. Die spezifischen Vorstellungen vom «Frausein» und «Mannsein» haben sich in unser Bewusstsein und unsere Vorstellungen über die Menschen eingeschlichen. Wir vermögen es nicht mehr, die Menschen unabhängig ihres Geschlechts zu betrachten – und auch zu beurteilen. Und weil wir es so gelernt haben, teilen wir weiter so ein, teilen die Welt in weiblich und männlich ein. Und weil wir weiter so einteilen, werden die geschlechtsspezifischen Stereotypen, also die Vorstellung davon, wie ein Mann oder eine Frau zu sein hat, reproduziert. Und weil wir dieses Schubladendenken ständig reproduzieren, denken wir, dass das natürlich ist.

Denkmuster prägen die Wirklichkeit

Zu Beginn des digitalen Zeitalters beispielsweise waren es vornehmlich Frauen, die Informatikerinnen waren. Heute wird Informatik als Männerdomäne verstanden, weil wir jungen Mädchen und Frauen gar nicht mehr zu verstehen geben, dass sie auch Informatikerinnen sein könnten. Weil unser gesellschaftliches Bild von Menschen in Informatik-Berufen also vornehmlich Männer in Informatik-Berufen widerspiegelt, gibt es für Mädchen und junge Frauen wenig Identifikationsmöglichkeiten. Darum ist es wichtig, dass wir diese Denkmuster sichtbar machen und sie aufbrechen! Dass wir Frauen und Mädchen mit einer Haltung der Selbstverständlichkeit zeigen: Ihr könnt Informatikerinnen sein und Ärztinnen und Feuerwehrfrauen! Und gleichzeitig Männern zeigen: Ihr könnt Pfleger sein, und Geburtshelfer und Serviceangestellter und Frühkinderzieher!

Neuerdings – so ist die Wahrnehmung – gehen aber zwei Menschengruppen in dieser Aufteilung verloren: Menschen, die biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, man nennt diese «intergeschlechtlich« oder Menschen, die sich ihrer binären Zuordnung widersetzen, man nennt letztere in einem Oberbegriff «non-binär». «Binär» bedeutet «zweiteilig». «Non-binär» bedeutet also, dass ein Mensch sich nicht mit der zweiteiligen Unterscheidung des Geschlechts in «männlich» und «weiblich» identifiziert.

Was ist schon normal?

Diese Menschen durchbrechen eine binäre Norm, die in all unseren Vorstellungen der Beschaffenheit der Welt vorausgesetzt wird: Schwarz und weiss. Hell und dunkel. Tag und Nacht. Gut und Böse. Freund und Feind. Die Welt in diesen zweiteiligen Kategorien zu denken, mag bequem sein, aber man wird ihrer Vielfalt und ihrer Wirklichkeit damit nicht gerecht. Auch unsere Sprache wird der Vielfalt nicht gerecht, da das Männliche dominiert. Wenn dabei Frauen sprachlich oft unsichtbar sind, sind es non-binäre Menschen erst recht. Stellen sie sich vor, sie würden für das Zwillingspaar «Freund und Feind» nur «Konkurrenten» verwenden. Irrefürend, nicht wahr?

Intergeschlechtliche und non-binäre Menschen überwinden das zweiteilige Geschlechtersystem, weil sie ihm nicht entsprechen, nie entsprochen haben oder nicht entsprechen wollen. Beide Menschengruppen bilden eine Minderheit und man könnte nun verführt sein zu denken «aber es sind ja nur so wenige». So sollten wir aber nicht denken. Auch wenn ich niemals alle in meine Sprache und mein Denken werde einschliessen können, gefällt mir der Anspruch an mich selber, es bestmöglich zu versuchen.

Die eigenen Privilegien erkennen

Ich beginne diese Erkenntnis, indem ich reflektiere, wie gerecht und ungerecht die Welt um mich beschaffen ist. Ich realisiere zum Beispiel: Ich bin weiss. Auch wenn die meisten Leute in der Schweiz weiss sind und ich denken könnte, dass das keine Rolle spielt, tut es das. Es privilegiert mich zum Beispiel auf der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt und falls ich mein Billett im ÖV mal vergessen habe, wird mir eher geglaubt als einer nicht-weissen Person. Mir wird nie, wie vielen Ausländer:*innen, mit Skepsis begegnet, denn die Leute gehen immer davon aus, dass ich von hier bin. Sie setzen es einfach voraus, weil ich aussehe, wie ich aussehe. Auch bin ich «ablebodied«. Das ist ein Begriff aus dem Englischen, der mich als Person auszeichnet, die keine Be-hinderung durch die Gesellschaft erfährt. (Ich habe das bewusst mit dem Bindestrich geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, dass es immer die anderen sind, die eine:*n behindern, nicht, dass eine:*r behindert ist). Ich kann also auf die eben genannte Tram im ÖV unter Umständen nicht nur mit vergessenem Ticket sondern auch ohne Probleme einsteigen, mitfahren und auf den knappen Zug rennen. Ich bin nicht auf die Hilfe anderer angewiesen, weil die Welt mich in ihrem öffentlichen und privaten Bauplan mitdenkt. Ich entspreche der Norm. Der vermeintlichen Norm. Hinzu kommen viele andere Privilegien. Ich bin nicht armutsbetroffen. Ich gehöre keiner religiösen Minderheit an, die mit Diskriminierung zu kämpfen hat, wie beispielsweise Muslim:innen oder Jüd:innen. Ich kann mich klug ausdrücken und werde dadurch ernst genommen. Ich bin im mittleren Alter und muss mir keine Sorgen machen auf dem Arbeitsmarkt aufgrund meines Alters benachteiligt zu werden. Ich verfüge über ein «normales Körpergewicht» und erfahre in der Öffentlichkeit keine unangenehmen Kommentare, ernte keine beklemmenden Blicke.

Weder Mann noch Frau

Es gibt aber Kategorien, in denen ich weniger privilegiert bin als andere, in denen ich nicht mitgedacht werde und damit der Unsichtbarkeit ausgesetzt bin. Ich bin non-binär. Ich identifiziere mich weder mit dem männlichen, noch mit dem weiblichen Geschlecht. Mein Geschlecht ist non-binär. Ich bin nicht alleine damit. Schätzungsweise 1.5% der Gesellschaft identifiziert sich bewusst nicht mit «Mann» und «Frau». Diese Menschen (nicht-binäre/non-binary) wurden zwar eindeutig einem Geschlecht zugewiesen, konnten sich aber mit dieser Zuweisung und den damit einhergehenden Implikationen nicht identifizieren. Meine Geschlechtsidentität weicht also von dem Geschlecht ab, das man mir bei Geburt zugewiesen hat, und das mir die Menschen meistens zuweisen, wenn sie mich sehen. Die beiden Menschengruppen, also sowohl die non-binären, als auch wie vorhin erwähnten intergeschlechtlichen, werden vielerorts nicht mitgedacht, ganz so wie Frauen in vielen Erzählungen, Abbildungen und Berufsbezeichnungen nicht mitgedacht, mitabgebildet und mitrepräsentiert werden.

Es gibt uns!

Wir, die sich nicht als eindeutig männlich oder weiblich identifizieren können oder wollen, werden konstant daran erinnert, dass es uns nicht gibt, nicht geben sollte, dass wir falsch sind: Anredeformulare erlauben uns nur zwei Optionen, Personenstände erlauben nur zwei Optionen, es gibt nur eine Herren- und eine Damentoillette, Kleidung wird auf unterschiedlichen Stockwerken nach Geschlecht getrennt angeboten, es gibt keine Umkleidekabinen für Menschen, die weder in der Frauengarderobe noch in der Herrengarderobe «richtig» sind – und allem voran werden sie in der Sprache kaum mitgedacht. Es ist ein erster Schritt, überhaupt erst Frauen bewusst sprachlich abzubilden – ganz lange galten Frauen nicht als vollwertig, nicht als politische Subjekte. Das zeigt sich auch in unserer Sprache und im so genannten generischen Maskulinum.

Es gibt kaum etwas Schöneres als zu spüren, Teil einer Gemeinschaft und Gesellschaft zu sein, zu spüren: «Mich gibt es und ich gehöre genauso selbstverständlich dazu.»

Heute sind wir an einem Wendepunkt: Wir trauen uns über den anerzogenen Pool an Bezeichnungen hinauszublicken und erkennen, dass die Welt vielfältiger ist, als sie uns präsentiert wird. Wir sehen, dass es Männer gibt, die schon immer ganz selbstverständlich sichtbar waren. Wir sehen, dass es Frauen gibt, die aus ihrer Unsichtbarkeit geholt werden. Und wir sehen endlich, dass es non-binäre Menschen gibt. Ich sehe, dass sich unsere Gesellschaft hin zu einer Offenheit für nicht-binäre Identitäten und einer Anerkennung intergeschlechtlicher Menschen entwickelt und diese Menschen ebenfalls einschliessen will.

Wir tun das am besten, wenn wir, wie ich es im Text schon gemacht habe, gendersensibel sprechen und schreiben. Dazu gibt es, im schriftlichen Gebrauch, verschiedene Schreibweisen, z.B. den Gender-Stern, den Gender-Doppelpunkt oder den Gendergap (Unterstrich). Sie sind alle gleichwertige Inklusionen und stehen dafür, dass sie den erweiterten männlichen Wortstamm durch das Anhängsel «innen» mit einer Pause, einem Unterbruch, im Grunde: Einer Störung versehen.

In der Hoffnung, dass diese kleine Störung uns daran erinnert, dass die Welt nicht nur aus Männern und Frauen besteht. Diese Störung bejahend zu verwenden, zeigt all den Nichtzuordnungsbaren, dass sie gesehen und mitgemeint werden.

«Es ist nur ein kleiner Stern, aber eine grosse Öffnung für einen nicht unwesentlichen Teil der Gesellschaft!», ist wohl die linguistische Mondlandung des beginnenden 21. Jahrhunderts. ;-)

 

Anleitung zu gendersensibler Sprache

Der SKF macht die Vielfalt der Geschlechter neu sprachlich in Form des Gender-Doppelpunkts sichtbar. Neu schliesst der SKF neben Männern und Frauen auch Menschen mit non-binären Geschlechtsidentitäten ein. Der SKF bekennt sich zur Vielfalt der Geschlechter. Der SKF sieht im Gebrauch gendersensibler Sprache ein wichtiges Instrument, um die Geschlechtervielfalt sichtbar zu machen und angemessen zu repräsentieren. Die Anleitung zu gendersensibler Sprache sensibilisiert und informiert. Mit einer Prise Offenheit, Neugierde und Kreativität sind die darin enthaltenen zehn Tipps für gendersensible Sprache leicht umsetzbar.

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