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Weshalb die «Ehe für alle» Heilung und Segen zugleich ist

Sie ist katholisch, weiblich und homosexuell. Und sie will die katholische Kirche zu mehr Gleichberechtigung führen: Die Bernerin Mentari Baumann (28) ist ab Dezember Geschäftsleiterin der «Allianz Gleichwürdig Katholisch». | © Ruben Sprich

 

Am 4. September hat in Zürich die grösste Pride Demonstration der Schweiz stattgefunden; eine Gruppe Christ:innen ist mitgelaufen. Und das nicht unauffällig und ein wenig beschämt als Schlusslicht, nein! Die Gruppe hat sich (ganz coronakonform) mitten ins Getümmel gestürzt. Stolz trugen die Christ:innen das Banner mit dem Schriftzug «Gott liebt vielfältig, wir auch» vor sich her. Teil dieser Gruppe waren unter anderem auch Vertreterinnen des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds SKF.

Queere Christ:innen sind Realität

Das Mitlaufen und Mitdemonstrieren von Christ:innen zeigt, dass es überall queere1 Menschen gibt; auch in der katholischen Kirche. Sie sind lesbisch oder schwul oder transsexuell und glauben an Gott. Und sie sind stolz darauf. Schwule und lesbische Menschen sind nicht «die Anderen»: Sie gehen am Sonntag in die Kirche, sie singen im Kirchenchor, am Ostersonntagsbruch bringen sie eine selbstgebackene Zöpfe mit und in der Adventszeit helfen sie, die Krippe herzurichten. Sie sind Teil der Glaubensgemeinschaft, sie sind Teil der Kirche.
Queere Anliegen, Wünsche und Probleme sind somit auch Sache der Kirche und können nicht einfach in die säkulare Welt verbannt werden. 

Queeren Menschen wurde über Jahrzehnte Unrecht angetan

Trotz dieser (relativ kleinen) Gruppe von offen queeren Gläubigen zeigt die Kirche keine sonderlich grosse Willkommensbereitschaft, wenn es um Menschen geht, die anders lieben. Seit Jahrzehnten ist die katholische Kirche Mitgrund für tiefe Verletzungen von Menschen, die «anders» sind. Wir kennen alle die Aussagen, die die queere Community zu hören kriegt: «Hate the sin, love the sinner»; Gott liebt sie ja, nur das Schwulsein soll doch bitte unterlassen werden.

Seit ich offen damit umgehe, dass ich gläubige Katholikin und lesbisch bin, vertrauen mir viele queere Menschen ihre Geschichten mit der Kirche an. Sie erzählen, wie ihre Eltern sie ablehnen, weil sie denken, für Gott sei Homosexualität eine Sünde. Oder sie erzählen ganz verständnisvoll von ihren Grosseltern. Das Grosi, das es halt nicht anders kennt und die Lebenspartnerin ihrer Enkeltochter totschweigen möchte, weil sie Angst vor der Reaktion im Kirchenchor hat. Tief treffen mich auch die Geschichten, in denen queere Menschen jahrelang versuchen ihre Identität wegzubeten. Und dann zum Schluss kommen, dass Gott sie verlassen hat. Oder dass Gott gar nicht existiert.

Die Idee, dass es nur einige limitierte Lebensentwürfe gibt, die Gott für uns Menschen vorgesehen hat, richtet unglaublich viel Schaden an. Und das führt dazu, dass viele queere Menschen, zu ihrem eigenen Schutz, der Kirche (und Gott) den Rücken kehren. Solche Fälle sind tragisch für alle. Tragisch für die queeren Menschen, die ihre religiöse Heimat verlieren, und tragisch für die Glaubensgemeinschaft, die Gottes Vielfalt verlieren. 

Weg zur Heilung

Das Mitlaufen von Christ:innen an der Pride ist wichtig für das Selbstverständnis queerer Gläubiger. Diese Sichtbarkeit ist jedoch noch viel mehr. Zu sehen, dass Gläubige und die Kirche (oder zumindest ein Teil der Kirche) mit und zur queeren Community stehen, ist auch ein Weg zur Heilung für die Community selbst. «Gott liebt vielfältig, wir auch» stand ganz gross auf dem Banner der christlichen Gruppe. Gott liebt nicht nur vielfältig, Gott erschafft auch vielfältig. Und Gott grenzt nicht aus. Leider sieht die queere Community solche Botschaften von Seiten der Kirche viel zu selten. Doch an der Pride Demonstration mitten in Zürich zwischen der jungen Regenbogenfamilie, dem queeren Unternehmensnetzwerk einer Versicherung und wunderschön geschminkten Dragqueens sehen sie gross und laut die Botschaft, dass Gott sie liebt.

Und das ist ein erster Schritt zur Heilung, ein erstes Pflaster auf die Wunde. Vielleicht findet deshalb ein schwuler Mann den Weg in den Pride Gottesdienst und betritt so das erste Mal seit Jahren wieder eine Kirche. Vielleicht wird die Transfrau auch trotz dieser Gruppe nie mehr den Weg in eine Kirche finden, doch das tiefe Misstrauen in die Kirche schwindet ein kleines bisschen. Und vielleicht wird das lesbische Ehepaar ihr Kind doch in den Religionsunterricht schicken, wenn sie sehen, dass es auch Glaubensvertreter:innen gibt, die sich über ihre kleine Familie freuen.

«Ehe für alle» ist Teil dieser Heilung

Gleichgeschlechtlich liebende Menschen sind heterosexuellen Menschen rechtlich nicht gleichgestellt. Seit Jahren kämpfen wir nun schon für die Öffnung der zivilen Ehe. Seit Jahren kämpfen wir darum, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Regenbogenfamilien auch zivilrechtlich korrekt abgebildet werden. Und endlich kommen wir diesem wichtigen Ziel nahe. 

Die Ehe für alle wird viele Unsicherheiten beseitigen. Das konstante Zwangsouting, wenn ein Kreuzchen beim Zivilstand gesetzt werden muss, fällt weg. Wenn verheirate Frauenpaare Zugang zu Samenbanken in der Schweiz haben, kann der lange und anstrengende Weg ins Ausland vermieden werden. Kinder, die in Regenbogenfamilien hineingeboren werden, müssen nicht mehr lange Jahre warten, bis sie auch rechtlich zwei Elternteile haben. Die Eheöffnung wird das Leben von gleichgeschlechtlichen Paaren und Regenbogenfamilien massiv erleichtern.

Verschiedene Studien zeigen zudem, dass in Ländern, in denen die Ehe für alle eingeführt wurde, die Selbstmordrate von queeren Personen gesunken ist und die Vorurteile ihnen gegenüber abnahmen. Beim Zugang zur Ehe geht es schliesslich auch um Akzeptanz der Gesellschaft und dem Wert, der queeren Menschen zugesprochen wird.

Die Eheöffnung ist somit nicht nur für Paare mit einem Heiratswunsch ein Segen, sondern auch für die ganze queere Community und unsere Gesellschaft als Ganzes – denn Gott liebt vielfältig und die Gläubigen sollten es Gott gleichtun. 

1 queer» ist ein Sammelbegriff für Personen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung nicht der heteronormativen Norm entspricht

 

Mentari Baumann ist Präsidentin der Zurich Pride und lobbyiert seit Jahren für die Ehe für Alle. Sie ist Ökonomin und studiert jetzt Religion und Politik im Master.

Ja zur Ehe für alle

Der Verbandsvorstand des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds spricht sich seit 2001 öffentlich für eine Öffnung der zivilen und kirchlichen Ehe für gleichgeschlechtliche Paare aus. Gleichgeschlechtliche Paare sollen die Möglichkeit haben, ihrer Beziehung einen gesetzlichen Rahmen zu geben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Verbandsvorstand des SKF sagt Ja zur Ehe für alle.
  • Wir sprechen uns dafür aus, dass Kindsbeziehungen rechtlich abgesichert sind.
  • Gleichgeschlechtliche Paare sollen Zugang zum Stiefkind- sowie zum Volladoptionsverfahren erhalten.
  • Als Interessenvertretung von Frauen befürworten wir die Samenzellspende für lesbische Paare.
  • Wir teilen die christliche Sicht auf die Ehe aus Ausdruck einer verantwortungsvollen Liebe zweier Erwachsener.

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