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Wider einer Politik der Ausgrenzung

Die Verhüllungsinitiative betrifft mich persönlich nicht direkt, da ich keine Burka oder Nikab trage. Ich trage einen Hijab, mein Gesicht ist also frei. In meinem grossen Bekannten- und Familienkreis kenne ich niemanden, der das Gesicht verschleiert. Umso mehr erstaunt es mich und auch viele Musliminnen und Muslime, weshalb es ein neues Gesetz dazu geben soll. Eine Verfassungsänderung noch dazu.

Politik der Feindseligkeit

Viele Muslim:innen fühlen sich angegriffen und verstehen die Volksinitiative als Machtdemonstration, die sich gegen die muslimische Gemeinschaft richtet. Anstatt sich um eine Politik des Miteinanders zu bemühen, wird uns gezeigt, wer die Hosen in diesem Land an hat! So fragen wir uns, was wohl als nächstes kommen mag. Sind nicht auch wir ein Teil der Schweizer Gesellschaft? Leisten nicht auch wir unseren Beitrag zu einem Miteinander auf Augenhöhe? Will man das überhaupt oder sind das ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass wir nicht zur Gesellschaft gehören? Die Geschichte zeigt immer wieder, wozu Ausgrenzung führen kann. Gott bewahre!

Eine Schweiz für alle

Nur zu gut kennen wir das Gefühl der Ablehnung, offen auf der Strasse, verdeckt bei Arbeitssuche, Wohnungssuche oder gar politisch wie bei der so genannten Minarett-Initiative, die 2009 zur Abstimmung kam. Eine derartige, durch das Gesetz legitimierte Diskriminierung bekommt dem Zusammenleben nicht. Aber genau das sollte das Ziel sein, nur zusammen können wir eine Schweiz weiterentwickeln, die sich um alle ihre Bewohner:innen sorgt, unabhängig ihrer Herkunft, ihres sozio-ökonomischen Status oder Religionszugehörigkeit.

Selbstbestimmung der Frau ist unantastbar

Das Ziel der Emanzipation der Frau war immer: Jede Frau soll entscheiden können! Also sollte auch hier jede Frau die Auslegung ihres Glaubens und ihrer Religion selbst bestimmen können. Sie sollte selbst bestimmen dürfen, wie sie sich kleidet, anstatt dass über sie bestimmt wird. Solange keine Gefahr für die Allgemeinheit besteht, gibt es keinen Grund für staatliche Interventionen.

Sichere Rechtslage besteht

In punkto Sicherheitsfragen kann und soll der Staat eingreifen. Dies passiert bereits.  Das Zwingen zum Tragen von Niqab oder Burka ist bereits gesetzlich geregelt und steht gemäss Schweizer Strafgesetzbuch unter Strafe. Wenn ich durch die Sicherheitskontrolle im Flughafen gehe, werde ich immer abgetastet. Als ich einmal die Sicherheitsangestellte etwas genervt fragte, weshalb dies immer bei mir geschehe, sagte sie, dass es wegen dem Kopftuch sei, das ich trage. Diese Aussage irritierte mich zunächst, aber die ehrliche und offene Antwort der Security weckte in mir Verständnis aus. 

Scheinheilige Fürsorge

Die wenigen betroffenen Frauen sind meist Schweizer Konvertitinnen, die sehr wohl ihre Rechte kennen. Anstatt pauschal anzunehmen, sie seien untedrückt und lebten unter Zwang, könnte man auch mit ihnen reden. Niemand bemüht sich ihre Meinung zu erfragen. Brauchen sie wirklich Hilfe? Wer sich wahrhaftig mit der Thematik im Sinne der Frauen auseinandersetzen will, muss mit Niqabträgerinnen sprechen. Mit einem scheinheiligen Gesetz über ihre wenige Köpfe hinweg zu entscheiden, damit ist nichts gelernt oder gewonnen. Ganz im Gegenteil: Es entstehen neue Probleme und Spannungen.

Allianz der Vernunft

Das Engagement vieler Organisationen gegen die fragwürdige Verhüllungsinitiative ist hier ein Lichtblick, der zeigt das es doch Menschen gibt die rational denken, anstatt sich von Vorurteilen leiten zu lassen und die für ein gutes Zusammenleben aller einstehen. Die Umfragen zeigen leider, dass ein grosser Teil der Schweizer Stimmberechtigten mit Ja stimmen wird. Es ist leicht über etwas zu entscheiden, das man nicht kennt, denn so können diffuse Ängste scheinbar unter Kontrolle gebracht werden. Was dabei übersehen wird: Sie werden dadurch weiter geschürt! Die nächste Initiative ist sicher nicht weit entfernt.

Belkis Osman-Besler ist muslimische Asylseelsorgerin und Vizepräsidentin der Vereinigung islamischer Organisationen in Zürich (VIOZ)

Jüdinnen, Katholikinnen und Reformierte lehnen Initiative ab

Der SKF Schweizerische Katholische Frauenbund, der Bund Schweizerischer Jüdischer Frauenorganisationen BSJF und die Evangelischen Frauen Schweiz EFS setzen sich gemeinsam gegen die Verhüllungsinitiative ein. Sie lehnen die Initiative ab, weil sie nicht zielführend ist und die religiöse Toleranz untergräbt. Sie unterstützen stattdessen den Gegenvorschlag, der die Gleichstellung tatsächlich fördert. Ein allgemeines Verbot der Gesichtsverschleierung im im öffentlichen Raum erachtet der SKF als unnötig, unzweckmässig und unverhältnismässig. Es führt nicht zu mehr Gleichstellung, sondern stellt lediglich ein Instrument des Zwangs dar.

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Kommentare

15.02.2021 | Margrit Hug-Huber

Diese sehr klar formulierten Aussagen sollten in JEDER Tageszeitung, in JEDER Gratiszeitung, in JEDER Zeitschrift erscheinen.
Wir sollten nicht unnötig ein Problem herauf beschwören....


13.02.2021 | Fleur

Sehr geehrte Damen,
Dass auf dem ersten Plakat zum Verhüllungsverbot eine Muslimische Frau mit Burka und Nikab wurde vom Initiativkommitee offiziell als bedauerlicher Fehler eingestanden.
Dennoch: Die Schweiz ist ein Christliches Land. Jede und jeder, die/der hier lebt, soll sich bitte auch den Schweizer Gepflogenheiten gegenüber rücksichtsvoll verhalten. Wenn ich als Frau in ein Muslimisches Land gehe, ist mir vieles VERBOTEN.
Das Verhüllungsverbot zielt auf die nach schweizer Gesetzgebung kriminellen Initiativen. Wenn ich nichts zu verbergen oder vertuschen habe, muss ich mich nicht verbergen. Auch mein Gesicht nicht und/odet meine Identität.
Ich als Frau werde für das Verbot stimmen. Es geht NICHT um Gleichstellung. Oder Religion. Es geht um den rechtlichen Schutz vor kriminellem Missbrauch.
Ehrliche Grüsse


12.02.2021 | Sonja Hachani

Dankeschön für den Text. Ganz Ihrer Meinung!