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Von Lockdowns und Hoffnung in Indien

Wir kennen die Auswirkungen der Pandemie in der Schweiz, doch wie ist die Situation in einem Land wie Indien, wo der Alltag auch zu normalen Zeiten ganz andere Herausforderung stellt, als wir sie kennen?

Indien hat bereits zwei Coronawellen durchgemacht. Wer in Indien von einem schweren Verlauf der Krankheit betroffen ist, kann nicht davon ausgehen, dass die nötige Behandlung verfügbar und bezahlbar ist. Die Lockdowns haben im bevölkerungsreichen Land eine ganz andere Bedeutung. Wir wollten mehr von den Herausforderungen der Menschen in Indien erfahren und fragten die beiden Konsulentinnen des Elisabethenwerks.

Die Welt ist seit eineinhalb Jahren durch die Pandemie gefordert, was war die grösste Herausforderung in Indien?

  • Sr. Rajni: Seit Covid-19 hat sich das Leben der Menschen hier in Indien drastisch verändert und beeinflusst das Leben weiterhin. Viele verloren ihre Nächsten und zudem auch ihre Arbeit, ihr Einkommen und ihren Lebensunterhalt. In den abgelegenen Dörfern nehmen die Leute das Coronavirus immer noch nicht ernst und weigern sich, Masken zu tragen und den Abstand zu wahren. Obwohl bereits viele geimpft werden konnten, fürchtet sich eine grosse Mehrheit immer noch vor der Impfung. Sowohl Impfung wie auch der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen ist nicht für alle gewährleistet.
  • Sr. Tessy: Die weltweite wirtschaftliche Rezession hat das Leiden der Menschen noch verschlimmert. Es ist zu Hunger, Fehlernährung und Ernährungsunsicherheit bei den Armen und Marginalisierten gekommen, was für den Stress vergrössert. Durch die enormen Infektionszahlen sind die Spitäler bis an den Rand ihrer Kapazitäten gefüllt, es gibt Bettenmangel und eine nie dagewesene Verknappung von Sauerstoffgeräten. Vor den Krematorien entstanden riesige Schlangen von Bestattungsfahrzeugen.

Was hat dich an der Situation mit Covid-19 überrascht?

  • Sr. Tessy: Es ist erstaunlich, wie viele Menschen aus allen Gesellschaftsschichten Zugang hatten zu digitaler Technologie. Trotzdem verschärfte sich die soziale Ungleichheit. Gerade auf dem Land konnten sich benachteiligte Kinder kein Smartphone leisten, wie sollten sie den Anschluss nicht verlieren? Die Nutzung des Internets erlebte mit online Unterricht einen Höhepunkt und bedeutete häufig auch Zugang zu ungeeigneten Inhalten.
  • Sr. Rajni: Mit dem ersten, plötzlichen Lockdown strandeten viele Menschen irgendwo, aber es waren weniger Leben gefährdet durch eine Erkrankung am Coronavirus. Jetzt kam der Lockdown nicht abrupt, sondern wurde allmählich ausgeweitert, jedoch gingen wegen Covid-19 viele Leben verloren und die Bedrohung besteht weiterhin.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Projekte?

  • Sr. Rajni: Durch die mehrfachen Lockdowns und Ansteckungsgefahr konnten die Pro-jektpartner:innen die Dörfer seltener besuchen und auch die Frauengruppen vor Ort konnten sich nicht versammeln. Die projektbezogenen Programme verzögerten sich dadurch.
  • Sr. Tessy: Manche Dörfer errichteten beim Dorfeingang einen Checkpoint, niemand durfte rein- oder raus. Andererseits eröffneten sich auch neue Möglichkeiten, es entstand eine Art neue Normalität durch Vernetzung und Zusammenarbeit. Mit Online-Psychotherapie und kreativen Initiativen waren wir in der Lage, die Menschen zu erreichen.

Gibt es Initiativen, die nur wegen der Pandemie entstanden sind?

  • Sr. Tessy: Für viele waren die digitalen Lösungen neu, von zu Hause arbeiten, Online-Unterricht, Zoom- oder Google-Sitzungen, WhatsApp- und weitere Online-Vernetzungen. Menschen arbeiteten zusammen, um die Bedürfnisse der Gesellschaft kreativ anzugehen.
  • Sr. Rajni: Die Projektpartner:innen und weitere Engagierte begannen damit, vulnerable Menschen mit Lebensmittelpaketen und Hygiene-Utensilien zu unterstützen, sie machten Hausbesuche und sensibilisierten die Leute zu Covid-konformem Verhalten, organisierten Covid-Tests und verteilten Medikamente zur Symptombekämpfung. Auch starteten Frauen mit Heimarbeit kleine Geschäfte aufzuziehen: sie nähten Masken, produzierten Pickles (Eingemachtes) und bauten Gemüse im kleinen Küchengarten an.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Frauen in Indien?

  • Sr. Rajni: Die Frauen sind wegen Covid verletzlicher geworden. Andere Krankheiten wurden komplett ignoriert, Frauen erhielten für verschiedene Gesundheitsprobleme plötzlich keine Behandlung mehr, im Fokus lagen nur Corona-Patienten. Die Sterblichkeit bei Frauen ist durch den langsamen Impfprozess erhöht. Wegen Gerüchten zu Impffolgen wie Tod oder Unfruchtbarkeit zögern viele in ländlichen Gebieten, sich überhaupt impfen zu lassen.
  • Sr. Tessy: Bereits vor der Pandemie waren Frauen mit häuslicher Gewalt, sexuellen Übergriffen, Frauenhandel, Arbeitsmigration, Prostitution, der Tötung von neugeborenen Mädchen und mehr konfrontiert. Sie tragen einen grossen Teil der Haus- und Familienarbeit, der Erwerbsarbeit und der Gesellschaft generell, was aber kaum gewürdigt wird. Mit der Pandemie hat sich ihre Situation verschlimmert. Sie verloren Arbeit und Einkommen. Arbeitsmigrantinnen waren hunderte von Kilometern zu Fuss unterwegs zurück in ihre Dörfer. Junge Mütter starben unterwegs und liessen ihre Kleinkinder zurück.

Was bedeutet die Pandemie für den Alltag der Kinder?

  • Sr. Tessy: Die Schulen wechselten auf Online-Unterricht, was die soziale Ungleichheit im Land erhöhte. Virtuelles Lernen ist nur mit Smartphone oder Computer, zuverlässigen Internetverbindungen, technologische Kenntnissen und ausreichend Strom möglich. Während den Lockdowns waren die Kinder zuhause eingeschlossen, der Austausch mit Gleichaltrigen und Bewegung draussen fehlten, das wirkte sich auf ihre Psyche aus. Die Regierung versprach, für Kinder, die wegen Covid-19 zu Waisen wurden für Erziehung und Schulbildung aufzukommen. Bis zur Umsetzung ist es aber noch ein langer Weg.
  • Sr. Rajni: Viele Kinder, die einen Elternteil durch Covid verloren haben sind hilflos und leben ein prekäres Leben. Ihr mentales und emotionales Wachstum wurde gebremst, sogar das physische Wachstum ist verzögert, weil sie seit dem Ausbruch der Pandemie nur noch ungenügend zu essen erhalten. Die Schulschliessungen haben die Zukunftschancen wohl für viele geschmälert. Nach fast eineinhalb Jahren vergassen sie den Schulweg. Kinder auf dem Land ohne Smartphone verpassen Schulstunden und Ersatzunterricht, die Kosten für den Internetzugang haben sich noch erhöht.

Gibt es noch weitere Herausforderungen?

  • Sr. Tessy: Der Ausbruch von Covid-19 wird weitergehende Auswirkungen haben. Gleichzeitig ist die Krise auch ein starker Antrieb für Kreativität und Innovation. Beispielsweise sensibilisierten wir mit Kursen Gesundheitsfachleute oder Führungspersonen auf Panchayat-Ebene, um das Virus zu bekämpfen.
    Kreative Formen der Weiterbildung und Einkommensprogramme für die Frauen und junge Mädchen sind in Entwicklung, um Hunger und Armut von Migrant:innen, Handwerker:innen, Tagelöhner:innen und ihren Kindern zu lindern.
    Auch wollen wir durch Vernetzung die Auswirkungen der Pandemie für unsere Gesellschaft noch besser verstehen.
  • Sr. Rajni: Wegen der Pandemie sind die Armen noch ärmer geworden, sie ernähren sich von Tag zu Tag schlechter. Die finanziellen Probleme erhöhen den mentalen und emotionalen Stress. Kranke sind auf das Erbarmen von Ärztinnen, Ärzten und Spitälern angewiesen. Aus dieser Situation ist eine grosse Herausforderung für alle.