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7. Juni 2022

Wie die Bolivianerinnen fortschreiten – Die neue Vernetzung und ein Abschied

Endlich konnte im Mai 2022 die mehrmals verschobene Projektreise der Programmverantwortlichen des Elisabethenwerks nach Bolivien stattfinden. Zum ersten Mal überhaupt trafen sich in einem Workshop alle aktuellen Partnerorganisationen. Sie stellten sich gegenseitig ihre Arbeit und Arbeitsmethoden vor und teilten ihre Erfahrungen miteinander. Mit diesem neuen Netzwerk wurde der Grundstein für ihre weitere Arbeit gelegt, denn das Elisabethenwerk zieht sich 2023 aus Bolivien zurück.

Im Rahmen der strategischen Mehrjahresplanung und im Hinblick auf die Pensionierung unserer langjährigen Programmverantwortlichen Damaris Lüthi und Elisa Moos bündelt das Elisabethenwerk sein Länderportfolio und konzentriert seine Kräfte ab Mitte 2023 auf die beiden Projektländer Uganda und Indien. Für die Frauen in Bolivien haben wir eine neue Partnerin gefunden: Die Stiftung Fokus Frauen übernimmt die meisten lokalen Initiativen, andere schliessen wir bis im Frühjahr 2023 ab. Dank der Arbeit des Elisabethenwerks sind die Projektpartnerinnen in Bolivien nun in der Lage, für ihre Rechte einzustehen, gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zu kämpfen und ihren Einsatz selbstständig weiterzuführen.

Zum Abschluss etwas Neues

Die Mehrheit der Projektpartnerinnen wird in Zukunft ihre Projektvorschläge bei Fokus Frauen eingeben können. In den einzelnen Projekten wird das Motto des Elisabethenwerks «von Frauen – für Frauen» gelebt. Nun wollten wir einen Schritt weitergehen und den Projektpartnerinnen die Vernetzungsmöglichkeit untereinander bieten.

«Wir Frauen sind aus dem Schatten getreten und werden nun beachtet.»

Anfang Mai trafen deshalb 28 Vertreter:innen aus neun Organisationen und sechs Ethnien und die Verantwortlichen des Elisabethenwerks. Dabei waren unsere lokale Beraterin Luz Jimenez, Regula Erazo als Vertreterin der Projektkommission und Elisa Moos, die Programmverantwortliche für Bolivien. In Tarija wurden alle Teilnehmer:innen mit Musik und Tanz herzlich empfangen. Schon nach wenigen Minuten entstand ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

«Mein Traum als Tacana ist es, weiterhin auf Unterstützung zählen zu können und unsere Produkte ins Ausland zu verkaufen.» (Muesuma Takana heisst die Marke der Naturprodukte)

Mit drei Kleinbussen fuhr die Gruppe nach Emborozú, an der Grenze zu Argentinien. Das dortige «Centro de Educación Humanitaria Alternativa» erwies sich als idealer Veranstaltungsort. Es wurde von unserer lokalen Beraterin mitbegründet und bis 2008 vom Elisabethenwerk unterstützt. Mit dem Treffen sollten sich die verschiedenen Organisationen kennenlernen, über ihre unterschiedlichen Initiativen erfahren, sich vernetzen und voneinander lernen können.

«Ich bin auch SKF; und was mache ich jetzt, wenn SKF nicht mehr da sein wird?»

Aus jeder Organisation war ein:e Projektleiter:in und zwei Vertreterinnen der Zielgruppe anwesend. Ihre vielfältigen Präsentationen waren sehr sorgfältig vorbereitet und stiessen bei allen Anwesenden auf grösstes Interesse. Entsprechend lebendig fielen die anschliessenden Diskussionen aus.

Auch während der Pausen wurden weiter Erfahrungen ausgetauscht, nachgefragt und bereits Projektübergreifende Schulungen organisiert.

Was nehmen die Teilnehmer:innen vom Workshop mit?

Alle waren sich schnell einig, dass das Treffen für sie von grossem Wert ist. Dass es sowas doch schon viel früher hätte geben können. Jedes einzelne Projekt leistete einen Beitrag zur integralen Entwicklung der Frauen. Die lokalen Initiativen sollen weiterverfolgt und vernetzt werden. Viele Projekte schafften es, strategische Allianzen mit Institutionen in Bolivien und ausserhalb zu schmieden. Auch diese gilt es zu erweitern und zu festigen. Die vielen Beispiele beflügelten die Teilnehmer:innen und zeigten auf, wie Projekte erfolgreich selbständig werden können.

«Ich bin dankbar, dass der SKF sich die Mühe nahm, uns zu beachten.»

Die Pandemie wie auch die politische und wirtschaftliche Krise erschwerten das Leben der bolivianischen Frauen und bürdeten Mehrarbeit auf. Trotzdem entstanden auch neue Chancen, gerade mit neuen Möglichkeiten der digitalen Zusammenarbeit und Online-Vermarktung. Gleichzeitig suchten viele neue Wege, um auf politischer Ebene ihre Forderungen zu stellen und kreative Ideen, um den Kampf für sauberes Wasser fortzusetzen.

«Wir alle sind gewachsen durch das Vertrauen, das uns der SKF entgegengebracht hat.»

Mit dem Treffen entstand ein Netzwerk, das jedes einzelne Projekt stärkt. Das gegenseitige Lernen gelang und es sind sogar neue Freundschaften entstanden.

Die Anwesenden entschieden sich für konkrete weitere Schritte:

  • Den Aufbau einer Chat-Gruppe
  • Jährlich einen gemeinsamen Markt in La Paz zu organisieren, inklusive Präsentation von Projekten zur Sensibilisierung und Information
  • Den Wissensaustausch zwischen allen Partnerorganisationen mit gegenseitigem Einladen zu Schulungen
  • Den Austausch von Informationen über mögliche Finanzquellen

 

Der langjährige Einsatz des Elisabethenwerks hat die Lebenssituation für viele Frauen verbessert, dies zeigte sich deutlich im gemeinsamen Workshop. Die Frauen wagen es nun, vor Autoritäten zu stehen und ihre Anliegen einzubringen. Sie sind vernetzt und wissen, wohin sie sich in schwierigen Situationen wenden können. Ihre Produkte können sie national und international verkaufen. Sie ernähren sich und ihre Familien gesund und ausgewogen. Sie sind Frauen, die ihr Leben selbst gestalten.

Mehr über die langjährige Projektarbeit in Bolivien

Diese Projekte wurden im Workshop vorgestellt:

  • RENACE ist in Sapecho, im tropischen Tiefland, im Einzugsgebiet des Amazonas tätig:
    über elf Jahre unterstütze das Elisabethenwerk den Aufbau von Frauenorganisationen und die Schulung der Frauen im Hinblick auf ihre politischen Rechte und Fähigkeiten. Der Aufbau von wirtschaftlichen Tätigkeiten wurde gefördert. RENACE rechnet damit, dass die Frauen in zwei Jahren auf eigenen Füssen stehen können.
  • Die Tacanas sind eine kleine Ethnie, die ebenfalls im tropischen Tiefland um ihr Überleben kämpfen. In ihrer Gegend wachsen viele Heilpflanzen. Deren Verarbeitung und Vermarktung helfen, die Tacana-Frauenorganisation zu stärken und die Abwanderung zu bremsen. Das Elisabethenwerk unterstützt sie seit zwei Jahren. Für das Folgeprojekt werden die Tacanas Fokus Frauen einen Unterstützungsantrag stellen.

Weitere Projekte mit dem Fokus auf Produktion sind im Hochland anzutreffen:

  • Comunidad Andina Sumac Satawi: Die Organisation arbeitet mit Frauen aus armen Randregionen der Grossstadt El Alto auf 4100 m. Die Frauen werden darin geschult, aus Alpaca-Wolle Kleidungsstücke mit sehr hoher Qualität herzustellen und diese national und international zu vermarkten. Die Organisation ist in ihren Aktivitäten bereits sehr weit fortgeschritten und hat international erste Abnehmer mit hohen Qualitätsansprüchen.
  • Die Uru-Frauen aus der Region des Popóo-Sees: Sie sind eine kleine und alte Ethnie, welche um ihr Aussterben kämpft. Weil die Böden vergiftet und der See meist ausgetrocknet ist, finden die Männer kein Auskommen mehr in Fischerei und Landwirtschaft. Sie emigrieren in die Städte, um dort Arbeit zu finden. Frauen, Kinder und ältere Urus bleiben in den Dörfern zurück und versuchen, dort zu überleben. Die Frauengruppe setzt einerseits auf die Produktion von Kunsthandwerk, andererseits auf politische Schulung im Hinblick auf die Übernahme von politischen Funktionen und die Beschaffung von sauberem Wasser. Auch diese Gruppe wird die Weiterführung der Tätigkeiten Fokus Frauen unterbreiten.
  • CADEMCA im Hochland nördlich von El Alto: Sie bauten mit Frauengruppen Treibhäuser aus einer Spezialfolie. Dies erlaubt es ihnen, auch in dieser rauen und trockenen Gegend Gemüse zu ziehen, welches sonst nicht wachsen könnte. Auch nach dem Abschliessen des Projekts ist die Gruppe aktiv und sucht für neue Frauengruppen Unterstützungshilfe. Das haben sie auch schon mit Solarkochern getan.
  • Machaqa Amawta: Die Organisation kämpft in El Alto mit einer Initiative gegen alle Formen von häuslicher Gewalt. Sie unterstützt Opfer dabei, ihre Rechte einzufordern und in ein gewaltfreies Leben zu finden. Unter Anderem sind freiwillige Frauen aktiv, welche selber Gewalt erlebt haben. Mit Aufklärung und Beratung unterstützen sie andere Frauen dabei, sich aus der Gewaltsituation zu befreien und in ein eigenständiges Leben zu finden. Fünf dieser Freiwilligen möchten eine Ausbildung absolvieren, in juristischer, sozialer oder psychologischer Hinsicht. Dafür suchen sie noch Unterstützung, denn sie kommen aus prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.
  • «Rompiendo Cadenas» – Ketten sprengen: Diese Organisation ist in Tarija zuhause. Ihre Mission ist es, Frauen aus verschiedenen Randgebieten der Stadt zu schulen. Zu ihren Themen gehören der Aufbau von kleinen Gemüsegärten in trockenen Gebieten, gesunde Ernährung, die Stärkung des Selbstwertgefühls oder die Herstellung von Kräutermedizin, welche in Bolivien einen hohen Stellenwert besitzt. Dieses Projekt läuft noch bis Ende 2022, ob und wie es fortgeführt wird, ist noch nicht klar.
  • «ATECOM» mit TCI – Terápia Comunitaria Integrativa: Seit nunmehr acht Jahren läuft ein Projekt in Tarija und Emborozú, welches die Bildung von Selbsthilfegruppen mit gleichzeitiger Schulung in Therapieformen wie Fussreflexzonenmassage, Massage, Körpersprache und der Stärkung des Selbstwertgefühls ermöglicht. In einigen Ländern Lateinamerikas wurde diese Art der Psychohygiene und Selbstheilungsmethoden im Bildungs- und im Gesundheitsbereich institutionalisiert, was auch das Ziel in Bolivien ist. Die ausgebildeten Frauen haben sich im Verein «ATECOM» organisiert. Bis eine Institutionalisierung möglich ist, müssen die Mitglieder viel Freiwilligenarbeit leisten. Um zumindest ihre Spesen abzudecken, suchen sie noch Unterstützung.
  • RENAMAT («Red nacional de Mujeres en Defensa de la Madre Tierra» – Nationales Frauennetzwerk zur Verteidigung der Mutter Erde): Die Frauenorganisation ist im Hochland nahe Oruro aktiv. Die Frauen sind dirket von den Folgen des Bergbaus betroffen und wehren sich für sauberes Wasser. Sie stammen aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Damit sie auf allen politischen Ebenen besser gegen gegen die Plünderung der Bodenschätze mit hochgiftige Chemikalien, die anschliessend direkt in die Gewässer geleitet werden, ankämpfen können, werden sie von studierten Frauen unterstützt. Das Elisabethenwerk förderte dieses Projekt während fünf Jahren. Bereits 2021 übernahm es Fokus Frauen.

 

Die Verantwortlichen des Elisabethenwerks sind beeindruckt und stolz, was die Organisationen durch gemeinsames Engagement alles erreichen konnten. Sie wünschen allen beteiligten Frauen, dass sie auf dem Erreichten aufbauen können und dass alle Projekte und Initiativen wie gewünscht weitergeführt werden und, wo nötig, auch weiterhin Unterstützung finden.