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Stellungnahmen 15.01.2026 |

Frauen im Iran kämpfen für Würde und Freiheit

Seit Tagen sind die Menschen im Iran von der Aussenwelt abgeschnitten. Ein nahezu vollständiger Informations-Blackout isoliert ein ganzes Land. In dieser Situation sind es Frauen, die den Widerstand in besonderer Weise tragen – und zugleich zu den Hauptzielscheiben eines Regimes gehören, das seit 1989 von Ayatollah Ali Chamenei geführt wird. Der Widerstand der Frauen im Iran, ihr Mut und ihre Entschlossenheit werden von den iranischen Behörden als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Der Frauenbund Schweiz erklärt seine tiefe Solidarität mit den Menschen im Iran  und in besonderer Weise mit den Frauen. Wir sehen euren Mut. Wir sehen euer Leid. Wir wissen um eure Isolation. Und wir sagen klar: Ihr seid nicht allein.

Die Unterdrückung von Frauen ist kein kulturelles oder religiöses Phänomen. Sie ist ein zentrales politisches Instrument eines autoritären Systems. Frauen im Iran sind Trägerinnen der Forderung nach Freiheit, Gleichberechtigung und Würde und gleichzeitig in besonderem Mass von Repression, sexualisierter Gewalt, Verhaftungen und Entrechtung betroffen. Sie sind seit Jahrzehnten in besonderer Weise von staatlicher Gewalt, struktureller Diskriminierung und systematischer Entrechtung betroffen. Gleichzeitig sind es Frauen, die diesen Zustand seit Jahren offen infrage stellen. «Iranische Mädchen und Frauen stellen sich mit bemerkenswerter Courage einem Herrschaftssystem entgegen, das ihre Körper kontrolliert, ihre Lebensentwürfe einschränkt und ihre Gleichwürdigkeit systematisch infrage stellt, so Sarah Paciarelli, Kommunikation, Bildung und Politik, Frauenbund Schweiz.

Der Tod von Jina Mahsa Amini und der landesweite Widerstand

An vorderster Front des gesellschaftlichen Wandels im Iran stehen die Frauen. Mit ihrem mutigen Aufbegehren nahm der Widerstand eine neue Dynamik an. Ausgelöst wurden die landesweiten Proteste unter der Parole «Frau, Leben, Freiheit» im September 2022 durch den gewaltsamen Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini. Am 16. September 2022 starb die Studentin an den Folgen von Schlägen auf den Kopf durch die Sittenpolizei.

Eskalierende Gewalt und gezielte Einschüchterung

Seit dem 28. Dezember demonstrieren Menschen im Iran landesweit gegen das Regime. Auslöser waren zunächst die Währungskrise und die stark steigende Inflation. Gefordert wird das Ende der Islamischen Republik. Während die Proteste von 2022 vor allem von Frauen und Studierenden getragen wurden, beteiligt sich heute ein breites gesellschaftliches Spektrum. Die wirtschaftliche Krise war der Auslöser, doch es geht den Protestierenden um grundlegende politische und gesellschaftliche Veränderungen.

Wenn Menschen getötet werden, um Macht zu sichern

Die Proteste werden vor allem von militärisch organisierten Kräften des Regimes niedergeschlagen. Sie gehen mit brutaler Gewalt und gezielter Einschüchterung gegen Demonstrierende und Zivilbevölkerung vor. Es kommt zu willkürlichen Verhaftungen, Folter, schweren Misshandlungen, Erschiessungen und Blutvergiessen auf offener Strasse. In zahlreichen Fällen drohen die Behörden mit Todesurteilen und Hinrichtungen.

Videoaufnahmen und Bilder, die aus dem Iran nach aussen gelangt sind, zeigen in schwarze Säcke gehüllte Leichen vor einer gerichtsmedizinischen Einrichtung südlich von Teheran. Angehörige suchen dort nach vermissten Söhnen und Töchtern, nach Eltern, Nachbar:innen und Freund:innen. Nach Angaben internationaler Medien wurden diese Aufnahmen von der Nachrichtenagentur AFP verifiziert und stammen aus der Region Kahrisak. Die Bilder entfalten eine klare Botschaft der Einschüchterung: Wer Widerstand wagt, setzt sein Leben aufs Spiel.

Verlässliche Zahlen zu den Opfern lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Offizielle Stellen sprechen von rund 2 000 Toten, andere Quellen nennen deutlich höhere Zahlen von bis zu 12 000 Getöteten.

Informations-Blackout als Mittel der Gewalt

Um Zeugenschaft zu verhindern, sind seit Donnerstag, dem 8. Januar, Internet und Telefonie im Iran vollständig blockiert. Das Regime hat das Internet beinahe vollständig abgeschaltet; selbst das sogenannte National Information Network (NIN), das staatliche Intranet, ist weitgehend ausser Kraft gesetzt. Auch Mobilfunknetze funktionieren nicht mehr, und erstmals werden sogar satellitengestützte Internetverbindungen gezielt gestört. Die Bilder, Videos und Berichte, die uns dennoch erreichen, sind erschütternd. Sie machen fassungslos, traurig und wütend.

Solidarität über Grenzen hinweg

Der Frauenbund Schweiz solidarisiert sich ausdrücklich mit den Demonstrierenden und mit der iranischen Diaspora. Viele Iranerinnen und Iraner müssen aus der Ferne mitansehen, wie im Iran schwerste Gräueltaten begangen werden, ohne zu wissen, wie es ihren Liebsten geht oder helfen zu können. Diese Ohnmacht und Sorge sind kaum auszuhalten.

Das derzeitige Regime im Iran ist nicht reformfähig. Kosmetische Veränderungen führen nicht zu tatsächlicher Freiheit. Notwendig ist eine unmissverständliche Solidarität mit den Frauen und Männern im Iran, die für einen Rechtsstaat eintreten, der die Würde der Menschen achtet. Die internationale Gemeinschaft ist zum Handeln verpflichtet. Auch die Schweiz steht in der Verantwortung.

Verantwortung wahrnehmen

Angesichts der systematischen Gewalt gegen die eigene Bevölkerung darf Schweigen nicht als Neutralität verstanden werden. Wer schwere Menschenrechtsverletzungen relativiert, trägt dazu bei, bestehende Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Die internationale Gemeinschaft ist deshalb gefordert, klar Stellung zu beziehen. Auch die Schweiz steht in der Verantwortung, diese Gewalt beim Namen zu nennen. Ein Regime, das systematisch gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, entzieht sich der Grundlage für glaubwürdige diplomatische Beziehungen. Neutralität angesichts schwerster Menschenrechtsverbrechen ist keine Haltung der Zurückhaltung, sondern bedeutet Mitverantwortung.

 

Kontakt für Medienanfragen

Sarah Paciarelli, Kommunikation, sarah.paciarelli@frauenbund.ch, 078 331 92 22

Frauenbund Schweiz

Der Frauenbund Schweiz ist mit 100'000 Mitgliedern, 17 Kantonalverbänden, 500 Ortsvereinen und zwei Hilfswerken das grösste konfessionelle Frauennetzwerk der Schweiz. Der Frauenbund Schweiz wirkt überraschend anders katholisch und engagiert sich für die Rechte aller Frauen in Gesellschaft, Kirche, Wirtschaft und Politik. www.frauenbund.ch

 

1 Kommentar

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Nadiya - geschrieben am 16.01.2026 - 07:43 Uhr

Mein Name ist Nadia Barberi. Ich bin iranische Staatsbürgerin und lebe in der Schweiz.
Vor zwei Jahren reiste ich nach Iran, um meine Familie zu besuchen. Am ersten Tag in Teheran, im Stadtteil Tajrish, wurde ich nach dem Verlassen der Metro trotz vollständiger und angemessener Kleidung von Polizeikräften angehalten
und wegen einiger sichtbarer Haarsträhnen bedroht. Man forderte mich auf, zur Polizeistation zu kommen.
Als ich erklärte, dass ich gerade aus der Schweiz angereist sei und nur meine Familie besuchen wolle, wurde ich nach einer verbalen Auseinandersetzung freigelassen.

Diese Erfahrung zeigte mir deutlich:
Im Iran gibt es weder Würde noch grundlegende Menschenrechte – weder für Frauen noch für Männer.

Ich schreibe diese Zeilen mit Tränen in den Augen. Das iranische Volk leidet seit vielen Jahren unter Unterdrückung und Gewalt. Ich hoffe, dass mein Land eines Tages in Frieden leben kann – so wie die Schweiz – und dass Menschen aus der Schweiz ein freies und menschliches Iran erleben dürfen.