Femizid

«Ein Femizid ist die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist.» Diese häufig verwendete Definition klingt eindeutig und sorgt dennoch für Missverständnisse. Wann ist die Tötung einer Frau ein Femizid? Geht es um die individuellen Motive des Täters, um gesellschaftliche Strukturen oder um beides?

Femizide verletzen nicht nur die Würde von Frauen, sondern auch die göttliche Schöpfung. Als katholische Frauenorganisation tragen wir die Verantwortung, hinzuschauen, aufzuklären und gemeinsam Wege zu finden, damit Frauen in Sicherheit, Würde und Gleichberechtigung leben können.

Femizid oder Feminizid?

Im feministischen und wissenschaftlichen Diskurs wird teilweise zwischen den Begriffen Femizid und Feminizid unterschieden. Der Begriff Femizid beschreibt die geschlechtsspezifische Tötung einer Frau oder eines Mädchens. Der Begriff Feminizid erweitert den Blick: Er fragt auch nach den gesellschaftlichen, institutionellen und staatlichen Bedingungen, unter denen solche Taten geschehen oder nicht verhindert werden.

Wurden Warnsignale ernst genommen? Wurde eine Gefährdung richtig eingeschätzt? Hatte die betroffene Frau Zugang zu wirksamen Schutzmassnahmen? Haben Polizei, Justiz, Behörden und Fachstellen angemessen zusammengearbeitet? Der Begriff Feminizid macht deutlich, dass nicht nur die Verantwortung des Täters betrachtet werden muss. Auch gesellschaftliche Strukturen, politische Rahmenbedingungen und mögliche institutionelle Versäumnisse gehören in den Blick. Frauenbund Schweiz versteht geschlechtsspezifische Tötungen deshalb nicht ausschliesslich als individuelle Gewalttaten. Sie sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems, das umfassende Prävention, wirksamen Opferschutz und konsequentes staatliches Handeln erfordert.

© stopfemizid.ch/Franziska Willimann

Was ist ein Femizid?

Ein Femizid ist nicht einfach die Tötung einer Frau. Der Begriff bezeichnet geschlechtsspezifische Tötungen, die im Zusammenhang mit ungleichen Machtverhältnissen, patriarchalen Rollenbildern, Besitzansprüchen, Kontrolle oder Frauenhass stehen. Ein Femizid kann beispielsweise vorliegen, wenn eine Frau getötet wird, weil sie sich trennt, eigene Entscheidungen trifft, Grenzen setzt oder die ihr zugeschriebene Rolle nicht erfüllt. Die Tat steht dann nicht isoliert, sondern ist Ausdruck gesellschaftlicher Vorstellungen, nach denen Männer Anspruch auf Macht und Kontrolle über Frauen haben.

Gefährlich wird es, wenn eine Frau Grenzen setzt oder sich trennt. Manche Männer erleben das als Bedrohung und reagieren mit Gewalt. Sie «bestrafen» Frauen dafür, dass sie ihr Leben selbst bestimmen wollen. Ein Femizid liegt vor, wenn die Tat im Zusammenhang mit solchen Vorstellungen steht: wenn eine Frau «bestraft» wird, weil sie sich trennt, eigene Wege geht oder die ihr zugeschriebene Rolle nicht erfüllt. Femizide sind keine isolierten Verbrechen. Sie sind Ausdruck einer Struktur, in der Frauen weniger zählen und Gewalt eingesetzt wird, um dieses Ungleichgewicht aufrechtzuerhalten. Darum gilt: Hinter jedem Femizid steht mehr als ein Täter. Es stehen gesellschaftliche Muster, die wir nur gemeinsam durchbrechen können.

Die Zahlen zu Femiziden in der Schweiz bleiben alarmierend. Im Jahr 2025 wurden gemäss zivilgesellschaftlichen Erhebungen mindestens 27 Femizide dokumentiert. Dies war der höchste bislang verzeichnete Wert.

Auch 2026 setzt sich die besorgniserregende Entwicklung fort. Bis zum 9. Juli 2026 wurden bereits mindestens 17 Frauen und Mädchen getötet. Hinzu kommt mindestens ein dokumentierter Femizidversuch.

Da Femizide in der Schweiz bislang nicht als eigene Kategorie in der offiziellen Kriminalstatistik erfasst werden, beruhen die aktuellen Zahlen auf der laufenden Recherche zivilgesellschaftlicher Organisationen. Die Angaben können nachträglich ergänzt oder angepasst werden.

Hinter jeder Zahl steht ein Mensch: eine Tochter, eine Freundin, eine Mutter, eine Kollegin.

Bislang sind es vor allem zivilgesellschaftliche Organisationen, die Femizide in der Schweiz dokumentieren. Ihre Arbeit macht das Ausmass geschlechtsspezifischer Tötungen und die wiederkehrenden Muster sichtbar.

2024 reichte Nationalrätin Sibel Arslan ein Postulat ein. Der Bundesrat soll prüfen, wie Femizide in der Schweiz nach den Kriterien der Vereinten Nationen statistisch erfasst werden können. Im März 2025 stimmte der Nationalrat einer entsprechenden Machbarkeitsstudie zu. Eine Statistik allein genügt jedoch nicht. Jeder Femizid sollte systematisch analysiert werden:

  • Welche Warnsignale waren bekannt?
  • Welche Behörden und Fachstellen waren involviert?
  • Wurde eine Gefährdung erkannt?
  • Welche Schutzmassnahmen wurden getroffen?
  • Wo bestanden institutionelle oder gesetzliche Schutzlücken?

Solche Fallanalysen können dazu beitragen, Schwachstellen zu erkennen, Schutzsysteme zu verbessern und zukünftige Taten zu verhindern.

Wenn wir von Femizid sprechen, wird klar: Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um Gewalt gegen Frauen als Gruppe. So können wir besser hinschauen, schützen und verhindern, dass es noch mehr Opfer gibt. Femizide machen sichtbar, wie tief die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern noch immer verankert ist. Sie sind nicht nur einzelne Verbrechen, sondern Ausdruck von Strukturen, die Frauen bis heute benachteiligen.

Um zu verstehen, warum solche Taten geschehen, reicht es nicht, nur Gesetze oder individuelle Motive zu betrachten. Wir müssen die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Rollenerwartungen sehen, die seit Jahrhunderten weitergegeben werden. Femizide kommen in allen Kulturen, Religionen und sozialen Milieus vor. Sie sind ein über Jahrtausende eingeübtes Muster patriarchaler Logik: Männer sollen stark, dominant und durchsetzungsfähig sein, Frauen hingegen anpassungsfähig, fürsorglich und untergeordnet. Wenn Frauen diese Rollen durchbrechen – indem sie selbstbestimmt leben, sich trennen oder Grenzen setzen – reagieren manche Männer mit Gewalt, weil sie den Verlust von Macht und Kontrolle fürchten.

Männliche Täter, die in solchen Situationen handeln, fühlen ihre Macht und Kontrolle über Frauen bedroht. Sie greifen zu Gewalt, um alte Normen zu sichern und Frauen für ihr selbstbestimmtes Verhalten zu bestrafen. Das grösste Risiko für eine Frau, von ihrem Partner getötet zu werden, besteht, wenn sie eine Beziehung beendet. Solche sogenannten Trennungstötungen treffen fast immer Frauen – und die Täter sind fast immer Männer.

Die Erklärungen der Täter zeigen deutlich, wie tief patriarchale Denkmuster verankert sind: Frauen werden als weniger wert gesehen, Männer beanspruchen Macht und Kontrolle über sie. Femizide sind die extremste Form dieser patriarchal geprägten Gewalt gegen Frauen. Doch sie beginnen nicht erst beim Mord: Gewalt zeigt sich schon viel früher – in abwertenden Sprüchen, in Kontrolle über Kleidung oder Kontakte, in finanzieller Abhängigkeit, in Demütigungen, in sexualisierter Gewalt oder in Drohungen. All diese Formen sind Teil desselben Systems, das Ungleichheit zwischen den Geschlechtern festschreibt. Der Femizid ist nur die letzte, tödlichste Stufe der Eskalation.

Wenn wir vom Femizid sprechen, öffnen wir den Raum für Mitgefühl, Verständnis und Veränderung – und tragen dazu bei, dass Frauen in Sicherheit und Würde leben können. Frauenorganisationen haben eine besondere Verantwortung, auf Ursachen von Femiziden aufmerksam zu machen. Sie zeigen, dass diese Taten nicht nur individuelle Verbrechen sind, sondern Ausdruck von ungleichen Machtverhältnissen und patriarchalen Normen. Indem sie informieren und aufklären, rücken sie das Thema in den Fokus der Gesellschaft. Für den Frauenbund ist dies auch ein Auftrag aus der christlichen Ethik und der katholischen Soziallehre. Gott hat Mann und Frau in Gleichwürdigkeit geschaffen – jede Abwertung und jede Gewalt verletzt die göttliche Schöpfung.

Podium am 1. Oktober 2026 in Zürich

Feminizide und die Rolle gesellschaftlicher Normen

Warum werden Frauen Opfer tödlicher Gewalt? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Machtverhältnisse, Geschlechterbilder und staatliche Strukturen? Eine Einführung und ein Podiumsgespräch beleuchten die Hintergründe von Femi(ni)ziden und fragen, was es für eine wirksame Prävention braucht.

Donnerstag, 1. Oktober 2026
19.00 bis 20.30 Uhr
Paulus Akademie
Pfingstweidstrasse 28, Zürich

Anmeldung

Die Anmeldung ist ab sofort bis zum 27. September 2026 möglich. Eine Kooperationsveranstaltung der Paulus Akademie und des Frauenbund Schweiz.

Unser Paper zum Thema Femizid

Der Frauenbund Schweiz hat ein ausführliches Paper mit dem Titel «Gewalt gegen Frauen – eine Wunde unserer Gesellschaft» veröffentlicht. Der Text steht hier als PDF-Dokument zum Herunterladen bereit.

Gleichstellung verhindert Gewalt

Das Positionspapier versteht der Frauenbund Schweiz als Beitrag zur ersten nationalen Präventionskampagne gegen häusliche, sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt, die am 11. November 2025 lanciert wurde. Die Kampagne «Gleichstellung verhindert Gewalt» wurde vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) in Zusammenarbeit mit einer breit abgestützten Allianz von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen entwickelt und wird sich über mehrere Jahre erstrecken. www.ohne-gewalt.ch

Femizide und die Istanbul-Konvention

Der Frauenbund misst der Istanbul-Konvention grosse Bedeutung zu. Das Abkommen des Europarates verpflichtet die Staaten, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Betroffene zu schützen und Täter strafrechtlich zu verfolgen. Femizide – die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts – sind die extremste Form einer Gewaltspirale, die oft mit psychischer Gewalt beginnt. Die Schweiz hat die Istanbul-Konvention ratifiziert und damit die Verantwortung übernommen, Frauen wirksam vor Gewalt zu schützen.

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