Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte: Christine de Pizan
Christine de Pizan war Schriftstellerin und eine der ersten Frauen Europas, die vom Schreiben lebte. Sie schrieb Geschichte gegen den Frauenhass ihrer Zeit, indem sie Frauenfiguren aus Bibel, Geschichte und Mythologie bewusst als kluge, starke und moralisch handelnde Personen darstellte. Damit widersprach sie den männlich geprägten Vorstellungen ihrer Zeit und machte sichtbar, wie Leistungen von Frauen übergangen oder abgewertet wurden.
(Dieser Text gehört zur Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.»)
Kirchliche Frauenbilder waren lange geprägt von festen Vorstellungen darüber, «wie» Frauen sein sollen: demütig, dienend, mütterlich, hingebungsvoll. Religiöse Frauenbilder – etwa Maria als Ideal von Gehorsam und Hingabe, die selbstlose Heilige oder die «Kirche als Braut» – haben diese Erwartungen zusätzlich verstärkt. Solche Ideale können inspirieren oder einengen. Die Serie «Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte» macht deshalb Frauen aus der Kirchengeschichte sichtbar, die andere Wege gingen. Frauen, die öffentlich auftraten, theologisch eigenständig dachten, Reformen anstiessen oder geistliche Autorität beanspruchten. Ihre Geschichten eröffnen neue Perspektiven – und ermutigen dazu, Handlungsspielräume in Kirche und Gesellschaft selbstbewusst wahrzunehmen. Eine von ihnen ist Christine de Pizan.
Früh geprägt von Wissen und Ungleichheit
Christine de Pizan wird um 1364 in Venedig geboren und wächst am französischen Königshof in Paris auf. Ihr Vater ist Gelehrter und ermöglicht ihr eine für Mädchen ungewöhnlich gute Bildung. Früh erlebt sie eine Welt, in der Männer Deutungshoheit besitzen, auch über Religion, Wissen und Moral. Gleichzeitig erhält sie Zugang zu Büchern und Bildung und erkennt dadurch schon früh, wie eng die gesellschaftlichen Möglichkeiten für Frauen begrenzt sind.
Ein Leben in eigener Verantwortung
Als ihr Mann früh stirbt, steht Christine de Pizan mit ihren Kindern und ihrer Familie allein da. Der Verlust bringt sie auch finanziell in eine schwierige Lage. Statt sich erneut zu verheiraten oder in Abhängigkeit zu bleiben, entscheidet sie sich für einen ungewöhnlichen Weg: Sie wird Schriftstellerin und verdient ihren Lebensunterhalt selbst. Damit widersetzt sie sich den Erwartungen ihrer Zeit und behauptet sich in einer männlich dominierten Gelehrtenkultur.
Besonders bemerkenswert ist, dass Christine de Pizan zu den ersten Frauen Europas gehört, die vom Schreiben leben konnten. Sie organisiert ihre Arbeit professionell, beaufsichtigt Abschriften ihrer Texte und baut sich ein Netzwerk aus Auftraggebern und Förderern auf. Für eine Frau im späten Mittelalter ist das aussergewöhnlich.
Schreiben gegen frauenfeindliche Vorstellungen
Christine de Pizan nutzt das Schreiben, um verbreitete Vorstellungen über Frauen infrage zu stellen. Sie widerspricht Autoren, die Frauen als irrational, verführerisch oder moralisch schwach darstellen. Dabei stellt sie eine grundlegende Frage: Weshalb schreiben Männer über Frauen, ohne Frauen selbst zuzuhören?
Besonders bekannt wird ihr Widerstand gegen den damals weit verbreiteten Rosenroman. Das Werk galt als literarischer Klassiker, enthielt jedoch zahlreiche abwertende und sexualisierte Darstellungen von Frauen. Christine de Pizan kritisierte öffentlich die frauenfeindlichen Inhalte des Textes und warf den Autoren vor, Frauen systematisch herabzusetzen. Heute wird diese Auseinandersetzung teilweise als eine der ersten literarischen Debatten über Sexismus und Frauenhass in Europa verstanden.
Zu ihren wichtigsten Werken gehören «Das Buch von der Stadt der Frauen» sowie «Das Buch der drei Tugenden». Während sie in der «Stadt der Frauen» weibliche Vorbilder sichtbar macht und gegen frauenfeindliche Vorstellungen anschreibt, richtet sich «Das Buch der drei Tugenden» direkt an Frauen unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten und ermutigt sie zu Bildung, Selbstachtung und eigenständigem Handeln.
In ihrem bekanntesten Werk «Le Livre de la Cité des Dames» entwirft Christine eine symbolische Stadt der Frauen. Unterstützt von den allegorischen Figuren Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit sammelt sie Geschichten von Frauen aus Bibel, Geschichte und Mythologie und deutet sie neu. Die Stadt wird zu einem Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die Frauen ständig abwertet. Christine zeigt, dass Frauen denken, handeln, führen und Verantwortung übernehmen können und nicht, wie oft behauptet, minderwertig sind.
Kritik an einer einseitigen Auslegung
Dabei bleibt Christine de Pizan innerhalb des christlichen Denkens, stellt jedoch dessen Auslegung infrage. Im Mittelalter wurden Frauen auch durch religiöse Vorstellungen oft als moralisch schwächer, emotionaler oder auf unmoralische Weise verführerisch dargestellt. Weibliche Tugend galt vor allem als gehorsam, schweigsam und demütig. Christine de Pizan widerspricht diesen Bildern, indem sie Frauen als vernünftig, gebildet und gesellschaftlich handlungsfähig beschreibt.
Sie macht sichtbar, dass viele frauenfeindliche Vorstellungen weniger göttlicher Wahrheit als vielmehr männlich geprägten gesellschaftlichen Vorstellungen entspringen. Ihre Texte entlarven vermeintliches Wissen über Frauen als Vorurteil und stellen die bestehende Ordnung zur Diskussion. Damit hinterfragt sie indirekt auch jene religiös geprägten Geschlechterbilder, die Frauen auf Unterordnung und Abhängigkeit festlegten.
Sie ist überzeugt, dass Frauen ebenso fähig zu Vernunft, Wissen und moralischem Handeln sind, wenn man ihnen dieselben Möglichkeiten eröffnet. Für das späte Mittelalter ist das regelrecht skandalös.
Ein Erbe mit Wirkung bis heute
Christine de Pizan stirbt um 1430. Heute gilt sie als eine der ersten feministischen Autorinnen Europas. Ihr Werk erinnert daran, dass Kritik an Ungleichheit auch innerhalb von Tradition möglich ist und dass Veränderung oft dort beginnt, wo jemand den Mut hat, bestehende Geschichten neu auszulegen und neu zu erzählen.
Gerade heute wirkt Christine de Pizan erstaunlich aktuell. In einer Zeit, in der Frauenbilder erneut öffentlich verhandelt werden, erinnert sie daran, wie stark gesellschaftliche Vorstellungen durch Sprache, Erzählungen und Macht geprägt werden. Ihre Texte zeigen, wie wichtig es ist, dass Frauen ihre eigenen Perspektiven sichtbar machen und selbst erzählen, wer sie sind.
Was ist feministische Theologie?
Feministische Theologie fragt: Wie sind biblische Texte entstanden – und wer hat sie über Jahrhunderte übersetzt und ausgelegt? Christliche Theologie wurde stark von patriarchalen Traditionen geprägt. Meist waren es Männer, die die Bibel lasen und erklärten. Frauen wurden in den Texten oft verschwiegen, übersehen oder auf dienende Rollen reduziert. Gleichzeitig wurde Maria überhöht und wurde so zu einem idealen, fast entrückten Frauenbild. So entstanden einseitige Bilder, die bis heute nachwirken und die fehlende Gleichberechtigung in der Kirche zementieren.
Seit dem 20. Jahrhundert setzen feministische und queere Theologien hier an. Sie machen befreiende Geschichten sichtbar, fragen nach Macht und Ohnmacht und zeigen: Viele Geschlechterrollen sind historisch gewachsen – nicht göttlich festgelegt. Die Bibel eröffnet mehr Spielraum für Würde, Teilhabe und ein gutes Leben für alle.
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