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News 09.03.2026 | Gleichstellung – Kirche – Spiritualität

Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte: Elisabeth von Thüringen

Elisabeth von Thüringen war eine Frau, die auf besondere Weise (Kirchen)Geschichte schrieb: Elisabeth war eine Adlige, die die ihr zugedachte Rolle radikal verweigerte und ihren Glauben nicht in Frömmigkeit am Hof, sondern in Solidarität mit Armen und Ausgegrenzten lebte.

Kirchliche Frauenbilder waren lange geprägt von festen Vorstellungen darüber, «wie» Frauen sein sollen: demütig, dienend, mütterlich, hingebungsvoll. Religiöse Frauenbilder – etwa Maria als Ideal von Gehorsam und Hingabe, die selbstlose Heilige oder die «Kirche als Braut» – haben diese Erwartungen zusätzlich verstärkt. Solche Ideale können inspirieren oder einengen. Die Serie «Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte» macht deshalb Frauen aus der Kirchengeschichte sichtbar, die andere Wege gingen. Frauen, die öffentlich auftraten, theologisch eigenständig dachten, Reformen anstiessen oder geistliche Autorität beanspruchten. Ihre Geschichten eröffnen neue Perspektiven – und ermutigen dazu, Handlungsspielräume in Kirche und Gesellschaft selbstbewusst wahrzunehmen. Eine von ihnen ist Elisabeth von Thüringen.

Eine störrische Prinzessin

Elisabeth wird 1207 als Tochter des ungarischen Königs geboren. Schon als Kind wird sie – wie im europäischen Hochadel üblich – einem thüringischen Landgrafen als Braut versprochen und mit vier Jahren an dessen Hof gebracht. Ihr Leben scheint damit vorgezeichnet: eine standesgemässe Ehe, Reichtum repräsentieren, höfische Pflichten erfüllen. Doch Elisabeth entwickelt früh einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sie lebt in einer Welt mit klaren Hierarchien: Adel und Klerus leben im Überfluss, während grosse Teile der Bevölkerung unter Armut leiden. Elisabeth beginnt diese Ordnung infrage zu stellen – nicht mit Worten, sondern mit ihrem Handeln.

Ein unkonventioneller Lebensentwurf

1221 heiratet sie im Alter von 14 Jahren Ludwig von Thüringen. Anders als viele adelige Ehen jener Zeit verbindet die beiden eine persönliche Zuneigung. Von einer Landgräfin wird erwartet, Macht und Reichtum sichtbar zu repräsentieren. Doch Elisabeth widersetzt sich. Aus Ehrfurcht vor Jesu Dornenkrone weigert sie sich etwa, die Kirche mit einer prächtigen Krone zu betreten. Für viele am Hof ein Affront.

Radikale Solidarität

Noch grösseres Aufsehen erregt ihr Engagement für notleidende Menschen. Elisabeth besucht Bedürftige, verteilt Nahrung an Arme und pflegt Kranke. Als 1224 eine Hungersnot ausbricht, lässt sie die Vorratskammern öffnen, verschenkt Schmuck und Gewänder und unterstützt Bauern mit besserem Ackergerät. Was heute empathisch wirkt, galt damals als unwürdig und war damals ein Skandal: Eine Landgräfin kümmert sich persönlich um Arme und Ausgegrenzte.

Die göttliche Ordnung

Im Mittelalter galt die gesellschaftliche Ordnung als von Gott gewollte Weltordnung: Der Adel zeigte seinen Rang durch Reichtum und Abstand zu den Armen. Dass Elisabeth sich persönlich Armen und Kranken zuwandte, irritierte deshalb viele Zeitgenossen – sie stellte damit nicht nur Erwartungen, sondern auch diese vermeintliche göttliche Ordnung infrage.

Der Bruch mit der Herkunft

Nach dem Tod ihres Mannes verliert Elisabeth den Schutz am Hof. Sie verlässt die Burg, legt ein Armutsgelübde ab und gründet im deutschen Marburg an der Lahn ein Spital. Dort pflegt sie selbst Kranke und Bedürftige und verwendet ihr Vermögen für jene, die am Rand der Gesellschaft stehen.

Ein Vermächtnis, das weiterwirkt

Elisabeth stirbt 1231 mit nur 24 Jahren. Vier Jahre später wird sie heiliggesprochen. Bis heute gilt sie als Symbol für gelebte Nächstenliebe – und als Frau, die die Rolle, die ihr Herkunft und Gesellschaft zugedacht hatten, radikal neu deutete.

Elisabeths Erbe im Frauenbund Schweiz

Auch im Frauenbund Schweiz wirkt dieses Vermächtnis weiter: 1958 fand am Elisabethentag die erste Spendenaktion statt. Kurz darauf entstand das Elisabethenwerk, das bis heute Frauen im globalen Süden unterstützt und Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht.

Diese Serie ist Teil der Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.» des Frauenbund Schweiz.
Die Kampagne macht sichtbar, dass Frauenrechte keine Selbstverständlichkeit sind, sondern über Jahrzehnte erkämpft wurden. Mehr erfahren

Was ist feministische Theologie?

Feministische Theologie fragt: Wie sind biblische Texte entstanden – und wer hat sie über Jahrhunderte übersetzt und ausgelegt? Christliche Theologie wurde stark von patriarchalen Traditionen geprägt. Meist waren es Männer, die die Bibel lasen und erklärten. Frauen wurden in den Texten oft verschwiegen, übersehen oder auf dienende Rollen reduziert.

Gleichzeitig wurde Maria überhöht und wurde so zu einem idealen, fast entrückten Frauenbild. So entstanden einseitige Bilder, die bis heute nachwirken und die fehlende Gleichberechtigung in der Kirche zementieren. 

Seit dem 20. Jahrhundert setzen feministische und queere Theologien hier an. Sie machen befreiende Geschichten sichtbar, fragen nach Macht und Ohnmacht und zeigen: Viele Geschlechterrollen sind historisch gewachsen – nicht göttlich festgelegt. Die Bibel eröffnet mehr Spielraum für Würde, Teilhabe und ein gutes Leben für alle. 

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