Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte: Getrud Heinzelmann
Getrud Heinzelmann war eine Frau, die auf besondere Weise (Kirchen)Geschichte schrieb: Heinzelmann war eine unbequeme katholische Juristin, die die männliche Vorherrschaft in Kirche und Gesellschaft radikal in Frage stellte und mit ihrem beharrlichen Einsatz für Frauenrechte beide Systeme zugleich ins Wanken brachte.
Kirchliche Frauenbilder waren lange geprägt von festen Vorstellungen darüber, «wie» Frauen sein sollen: demütig, dienend, mütterlich, hingebungsvoll. Religiöse Frauenbilder – etwa Maria als Ideal von Gehorsam und Hingabe, die selbstlose Heilige oder die «Kirche als Braut» – haben diese Erwartungen zusätzlich verstärkt. Solche Ideale können inspirieren oder einengen. Die Serie «Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte» macht deshalb Frauen aus der Kirchengeschichte sichtbar, die andere Wege gingen. Frauen, die öffentlich auftraten, theologisch eigenständig dachten, Reformen anstiessen oder geistliche Autorität beanspruchten. Ihre Geschichten eröffnen neue Perspektiven – und ermutigen dazu, Handlungsspielräume in Kirche und Gesellschaft selbstbewusst wahrzunehmen. Eine von ihnen ist Getrud Heinzelmann.
Eine unbequeme Katholikin
Gertrud Heinzelmann wird 1914 im reformierten Basel geboren. Ihre Eltern stammen aus dem katholischen Kanton Luzern, was erklärt, weshalb sie in einem katholischen Umfeld aufwächst. Heinzelmann wächst in einer Schweiz auf, in der die Rollen klar verteilt sind und Männer entscheiden, während Frauen dienen sollen, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche. Auch gut ausgebildete Frauen bleiben politisch rechtlos und kirchlich ohne Stimme.
Heinzelmann akzeptiert diese Ordnung nicht. Sie schreibt sich für Rechtswissenschaften an den Universitäten Freiburg und Bern ein. Zwar waren Frauen in der Schweiz seit dem späten 19. Jahrhundert zum Studium zugelassen, doch in der Praxis blieb der Zugang stark erschwert, weil sie an den Universitäten oft in der Minderheit waren, wenig Unterstützung erhielten und sich in einem Umfeld behaupten mussten, das klar von Männern dominiert war und ihnen beruflich nur begrenzte Perspektiven zugestand. Als Juristin erkennt sie, wie tief die Benachteiligung von Frauen in den Strukturen verankert ist, und findet den Mut, diese Ungleichheit nicht nur zu sehen, sondern auch öffentlich zu benennen.
Widerspruch aus dem Innern
Anders als viele andere stellt sie sich nicht ausserhalb der Kirche, sondern argumentiert bewusst aus ihrem Innern heraus, indem sie sich auf ihr Wissen über Kirchenrecht, Theologie und Tradition stützt und genau dort ansetzt, wo Frauen systematisch ausgeschlossen werden.
Gertrud Heinzelmann richtet 1962 eine 24-seitige Eingabe an die vorbereitende Kommission des Zweites Vatikanische Konzil unter dem Titel «Frau und Konzil – Hoffnung und Erwartung». In dieser sorgfältig begründeten Denkschrift legt sie dar, weshalb die Ungleichbehandlung von Frauen weder theologisch zwingend noch rechtlich haltbar ist. Damit greift sie zentrale Fragen auf, die im Umfeld des Konzils erstmals breiter diskutiert werden.
Mit ihrer Intervention findet die politisch versierte Juristin und überzeugte Katholikin internationale Beachtung. Unerschrocken fordert sie die katholische Kirche heraus und verlangt die volle Gleichstellung der Frauen: den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, also auch zum Priesteramt, sowie eine grundlegende Überprüfung der kirchlichen Lehre über Frauen. Brisant ist dabei, dass sich Heinzelmann nicht als Aussenstehende, sondern als überzeugte Katholikin und ausgebildete Juristin äussert, die sich genau auf jene kirchlichen Quellen beruft, mit denen die Ungleichheit bisher begründet worden war. Auch wenn ihr Vorstoss keinen unmittelbaren Einfluss auf das Konzil hat, gehört er zu den frühen Stimmen, die den Boden für ein neues Nachdenken über die Rolle der Frauen in der Kirche mitbereiten.
Mut, der Widerstand auslöst
Ihre Forderungen stossen auf Kritik, Ablehnung und Unverständnis, und sie wird von vielen als zu radikal wahrgenommen, doch sie bleibt standhaft, weil sie weiss, dass Veränderung nur möglich wird, wenn jemand den Anfang macht.
Für das Frauenstimm- und Wahlrecht
Auch ausserhalb der Kirche engagiert sich Gertrud Heinzelmann mit grosser Entschiedenheit für die politischen Rechte der Frauen, insbesondere für das Frauenstimmrecht in der Schweiz, das Frauen bis 1971 auf nationaler Ebene verwehrt bleibt. Sie bringt ihre juristische Expertise in die öffentliche Debatte ein, argumentiert gegen die rechtlichen und gesellschaftlichen Ausschlüsse und macht deutlich, dass es nicht hinnehmbar ist, Frauen von demokratischer Mitbestimmung auszuschliessen, wodurch sie zu jenen Stimmen gehört, die beharrlich darauf hinwirken, dass Frauen endlich als gleichberechtigte Bürgerinnen anerkannt werden. Auch der Frauenbund rang lange um seine Haltung zum Frauenstimmrecht – und trug damit ein Stück Schweizer Gleichstellungsgeschichte mit.
Die vermeintlich göttliche Ordnung infrage stellen
Indem Gertrud Heinzelmann sowohl die politische Ausschliessung von Frauen als auch ihre kirchliche Unterordnung infrage stellt, rüttelt sie an einem Frauenbild, das Frauen als gehorsam, dienend und ohne Anspruch auf Autorität sieht, und sie zeigt, dass diese Vorstellungen nicht naturgegeben sind, sondern von Menschen geschaffen wurden. Damit öffnet sie Räume für neue Rollenbilder und für ein neues Verständnis von Kirche und Gesellschaft.
Ein Vermächtnis, das weiterträgt
Gertrud Heinzelmann stirbt 1999, doch ihr Engagement wirkt weiter, weil viele der Rechte und Möglichkeiten, die Frauen heute haben, auch auf dem Mut von Frauen wie ihr beruhen, die sich nicht mit den gegebenen Verhältnissen abgefunden haben. Ihr Vermächtnis erinnert daran, dass feministische Errungenschaften nie selbstverständlich sind, sondern immer das Ergebnis von Frauen sind, die widersprechen, aushalten und Veränderungen einfordern.
Was ist feministische Theologie?
Feministische Theologie fragt: Wie sind biblische Texte entstanden – und wer hat sie über Jahrhunderte übersetzt und ausgelegt? Christliche Theologie wurde stark von patriarchalen Traditionen geprägt. Meist waren es Männer, die die Bibel lasen und erklärten. Frauen wurden in den Texten oft verschwiegen, übersehen oder auf dienende Rollen reduziert. Gleichzeitig wurde Maria überhöht und wurde so zu einem idealen, fast entrückten Frauenbild. So entstanden einseitige Bilder, die bis heute nachwirken und die fehlende Gleichberechtigung in der Kirche zementieren.
Seit dem 20. Jahrhundert setzen feministische und queere Theologien hier an. Sie machen befreiende Geschichten sichtbar, fragen nach Macht und Ohnmacht und zeigen: Viele Geschlechterrollen sind historisch gewachsen – nicht göttlich festgelegt. Die Bibel eröffnet mehr Spielraum für Würde, Teilhabe und ein gutes Leben für alle.
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