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News 16.09.2026 | Care-Arbeit – Ethik – Gerechtigkeit

Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte: Schifra und Pua

Schifra und Pua waren zwei Hebammen, die auf besondere Weise (Kirchen)Geschichte schrieben: In der biblischen Erzählung widersetzen sie sich dem mächtigsten Mann ihrer Welt. Als der Pharao ihnen befiehlt, neugeborene Jungen zu töten, verweigern sie den Gehorsam. Sie entscheiden sich für das Leben und schützen damit Mütter und ihre Kinder.

(Dieser Text gehört zur Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.»)

Kirchliche Frauenbilder waren lange geprägt von festen Vorstellungen darüber, «wie» Frauen sein sollen: demütig, dienend, mütterlich, hingebungsvoll. Religiöse Frauenbilder, etwa Maria als Ideal von Gehorsam und Hingabe, die selbstlose Heilige oder die «Kirche als Braut», haben diese Erwartungen zusätzlich verstärkt. Solche Ideale können inspirieren oder einengen. Die Serie «Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte» macht deshalb Frauen aus der Kirchengeschichte sichtbar, die andere Wege gingen. Frauen, die öffentlich auftraten, theologisch eigenständig dachten, Reformen anstiessen oder geistliche Autorität beanspruchten. Ihre Geschichten eröffnen neue Perspektiven und ermutigen dazu, Handlungsspielräume in Kirche und Gesellschaft selbstbewusst wahrzunehmen. Zwei von ihnen sind Schifra und Pua.

Zwei Frauen und ein namenloser Pharao

Die Geschichte von Schifra und Pua steht ganz am Anfang des Buches Exodus. Das Volk Israel lebt in Ägypten und wird immer stärker unterdrückt. Der Pharao fürchtet die wachsende Zahl der Israelitischen Bevölkerungen und versucht, sie durch harte Zwangsarbeit zu schwächen. Als das nicht gelingt, beschliesst er eine bestialische Massnahme. Er befiehlt den Hebammen Schifra und Pua, bei den Geburten der hebräischen Frauen alle neugeborenen Jungen zu töten. Die Mädchen sollen sie verschonen.

Bemerkenswert ist schon, wie die Bibel diese Geschichte erzählt: Der mächtige Herrscher Ägyptens bleibt namenlos. Die beiden Hebammen dagegen werden beim Namen genannt. Schifra und Pua. Über die beiden Frauen wissen wir ausserhalb der biblischen Überlieferung fast nichts. Selbst die Frage, ob sie selbst Hebräerinnen waren oder als Hebammen für hebräische Frauen arbeiteten, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Entscheidend ist, was die Erzählung über sie festhält: Sie erhalten einen mörderischen Befehl und führen ihn nicht aus.

Hebammen für das Leben

«Die Hebammen aber fürchteten Gott und taten nicht, was ihnen der König von Ägypten gesagt hatte, sondern liessen die Kinder am Leben.» Mit diesem einen Satz beschreibt das Buch Exodus ihren Widerstand. Schifra und Pua verfügen über keine Armee, kein politisches Amt und keine gesellschaftliche Macht. Aber sie besitzen etwas anderes: Gerechtigkeitssinn und Handlungsspielraum in einem entscheidenden Moment.

Als Hebammen begleiten sie Frauen in einer besonders verletzlichen Situation. Genau diesen Zugang will der Pharao für seine Gewalt benutzen. Ausgerechnet diejenigen, deren Aufgabe es ist, Frauen bei der Geburt zu begleiten und neues Leben zu schützen, sollen zu Werkzeugen seiner Politik werden. Schifra und Pua verweigern sich.

Widerstand und Ungehorsam

Als der Pharao bemerkt, dass die Jungen weiterleben, lässt er die beiden Hebammen zu sich rufen. Er will wissen, weshalb sie seinen Befehl nicht ausgeführt haben. Schifra und Pua antworten, die hebräischen Frauen seien so kräftig, dass sie ihre Kinder bereits geboren hätten, bevor eine Hebamme eintreffe. Ob diese Erklärung eine Ausrede, eine List oder zumindest teilweise wahr ist, lässt der biblische Text offen. Klar ist jedoch: Die beiden Frauen lassen sich nicht einschüchtern. Sie widersetzen sich einem Herrscher, der über Leben und Tod entscheiden will.Ihr Widerstand ist unspektakulär und zugleich radikal. Sie führen keinen offenen Aufstand an. Sie halten keine Rede. Sie tun etwas viel Einfacheres: Sie machen nicht mit.

Schützende Frauen

Aus heutiger Perspektive lässt sich die Geschichte von Schifra und Pua auch als Geschichte weiblicher Solidarität lesen. Ein männlicher Herrscher versucht, Kontrolle über die Körper, Geburten und Kinder einer ganzen Bevölkerungsgruppe auszuüben. Zwei Frauen stellen sich dazwischen und schützen somit nicht nur Frauen und Kinder, sondern ein ganzes Volk.

Die Geschichte von Schifra und Pua kann man auch mit kritischem Blick in die Gegenwart setzen und fragen: Wer entscheidet über Schwangerschaft und Geburt? Wer schützt Frauen in verletzlichen Situationen? Was geschieht, wenn politische Macht auf den Körper von Frauen zugreift? Und welche Verantwortung haben Menschen, wenn staatliche Anordnungen grundlegenden menschlichen und ethischen Überzeugungen widersprechen?

Die Welt verändern

Die Geschichte endet nicht mit Schifra und Pua. Nachdem sein Plan scheitert, befiehlt der Pharao schliesslich, alle neugeborenen hebräischen Jungen in den Nil zu werfen. Doch auch dieser Plan wird durch Frauen durchkreuzt. Die Mutter des Mose versteckt ihr Kind. Seine Schwester beobachtet, was mit ihm geschieht. Die Tochter des Pharaos findet ihn im Nil und rettet ihn. Noch bevor Mose zum grossen Befreier Israels wird, haben Frauen dafür gesorgt, dass er überhaupt leben kann.

Schifra und Pua stehen am Anfang dieser Kette weiblichen Widerstands. Ihre Geschichte erinnert daran, dass Geschichte nicht nur von Herrschern, Propheten und grossen politischen Entscheidungen geschrieben wird. Manchmal beginnt Veränderung dort, wo Frauen in ihrem Alltag eine Grenze ziehen und sagen: Bis hierhin und nicht weiter.

Ein Vermächtnis, das weiterwirkt

Über das weitere Leben von Schifra und Pua erzählt die Bibel nichts. Doch ihre Namen sind geblieben. Mehr als zwei Jahrtausende später stehen sie für Mut, Gewissen und den Schutz des Lebens gegenüber einer Macht, die genau dieses Leben bedroht.

Ihre Geschichte macht zudem eine Form weiblicher Arbeit sichtbar, die über Jahrtausende unverzichtbar war und dennoch in Geschichtsschreibung und religiöser Überlieferung häufig wenig Beachtung fand: die Begleitung von Schwangerschaft und Geburt, die Sorge für Mütter und der Schutz von Neugeborenen. Schifra und Pua erinnern daran, dass Fürsorge nicht mit Unterordnung gleichzusetzen ist. Care-Arbeit kann auch Widerstand bedeuten. Und zwei Hebammen können mächtiger sein als der Befehl eines Königs.

Was ist feministische Theologie?

Feministische Theologie fragt: Wie sind biblische Texte entstanden – und wer hat sie über Jahrhunderte übersetzt und ausgelegt? Christliche Theologie wurde stark von patriarchalen Traditionen geprägt. Meist waren es Männer, die die Bibel lasen und erklärten. Frauen wurden in den Texten oft verschwiegen, übersehen oder auf dienende Rollen reduziert. Gleichzeitig wurde Maria überhöht und wurde so zu einem idealen, fast entrückten Frauenbild. So entstanden einseitige Bilder, die bis heute nachwirken und die fehlende Gleichberechtigung in der Kirche zementieren. 

Seit dem 20. Jahrhundert setzen feministische und queere Theologien hier an. Sie machen befreiende Geschichten sichtbar, fragen nach Macht und Ohnmacht und zeigen: Viele Geschlechterrollen sind historisch gewachsen – nicht göttlich festgelegt. Die Bibel eröffnet mehr Spielraum für Würde, Teilhabe und ein gutes Leben für alle. 

 

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