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News 29.10.2026 | Gerechtigkeit – Gleichstellung – Kirche

Im Namen des Vaters: Glaube, Angst und Mut

Acht Jahre lang unterzog sich Lea Blattner sogenannten Konversionsmassnahmen. Die Angst, wegen ihrer Homosexualität in die Hölle zu kommen, war tief in ihrem freikirchlich geprägten Glauben verwurzelt. Heute kämpft die christliche Politikerin gegen religiös begründete Homophobie und für die Rechte queerer Menschen. Für ihren Mut ist sie für den Prix Courage 2026 nominiert. Ihre Geschichte wirft unbequeme Fragen auf: Was geschieht, wenn Menschen im Namen Gottes verletzt werden? Und wie glaubwürdig sind Kirchen, die Nächstenliebe predigen, aber Menschen aufgrund ihrer Lebensform ausgrenzen?

Lea Blattner, ehemalige EVP-Politikerin und Vorstandsmitglied von femmes protestantes, hat jahrelang Konversionsmassnahmen erlebt, setzt sich heute öffentlich gegen diese Praktiken ein und wurde für ihren Mut und ihr Engagement für queere Menschen für den «Prix Courage 2026» des Beobachters nominiert. © femmes protestantes

Die Hölle im Kopf

Lea Blattner ist 33 Jahre alt, stammt aus dem Baselbiet und ist Christin. Sie wuchs in einer Freikirche auf, in der Homosexualität als Sünde galt. Schon früh verinnerlichte sie die Vorstellung, dass Queers in die Hölle kommen würden. Als ihr bewusst wurde, dass sie selbst Frauen liebt, wurde ihr Glaube zur Quelle existenzieller Angst. Anfang 20 vertraute sie sich einem Pastor an. Heute weiss sie: Was sie gebraucht hätte, waren Verständnis und Zuspruch. Stattdessen verwies er sie an einen Coach, bei dem sie sogenannte Konversionsmassnahmen erlebte. «Heilung, damals war es das, was ich hören wollte», sagt Lea rückblickend.

Acht Jahre lang versuchte Blattner, ihre sexuelle Orientierung zu verändern. Dazu gehörten nach ihren Schilderungen religiöse Rituale und Versuche, ihr vermeintliche Dämonen auszutreiben. Dahinter stand die Überzeugung, ihre Homosexualität sei etwas Falsches, das überwunden werden müsse.

«Irgendwann fühlte es sich an, als wären weder das Leben mit mir selbst noch der Tod eine Option.»

Lea hat jahrelang geglaubt, sich zwischen Identität und Gottes Liebe entscheiden zu müssen. «Ich konnte nicht aufhören, Frauen zu lieben, aber ich konnte auch nicht mit der Angst leben, dafür von Gott verdammt zu werden.» «Genau deshalb dürfen wir Konversionsmassnahmen niemals als harmlose Hilfe verharmlosen. Wer Menschen vermittelt, sie müssten sich verändern, um von Gott geliebt zu werden, muss sich fragen, was er ihnen damit antut», mahnt Lea.

Schluss mit der Scham

Im April 2025 machte Lea Blattner ihre Homosexualität öffentlich. Damals war sie Co-Präsidentin der Jungen EVP. Sie erhielt Hassnachrichten und Morddrohungen, fast sämtliche Menschen aus ihrem sozialen Umfeld wandten sich ab. Anfang 2026 trat sie von ihren Parteiämtern zurück, später wechselte sie zu den Grünen. Auch mit ihrer bisherigen Freikirche brach sie. Ihren christlichen Glauben gab sie hingegen nicht auf. Stattdessen begann sie, sich von einem Gottesbild zu lösen, das von Angst, Strafe und Schuld geprägt war.

Heute ist Blattner Präsidentin von Zwischenraum Schweiz, einem Verein für queere Christ:innen, und engagiert sich im Vorstand von femmes protestantes, dem Dachverband der reformierten Frauen. Sie zeigt damit, dass ein Bruch mit einer religiösen Gemeinschaft nicht zwangsläufig einen Bruch mit dem Glauben bedeuten muss.

Heilung ohne Krankheit

Sogenannte Konversionsmassnahmen zielen darauf ab, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität eines Menschen zu verändern oder zu unterdrücken. Der Begriff «Konversionstherapie» ist irreführend: Homosexualität, Bisexualität und Transsexualität sind keine Krankheiten. Für die Wirksamkeit solcher Praktiken gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Hingegen können sie schwere psychische Schäden verursachen, darunter Depressionen, Angstzustände und tief verankerte Scham- und Schuldgefühle. Studien zeigen zudem einen Zusammenhang mit erhöhter Suizidalität.

«Kirchen müssen lernen, sich selbst in Frage zu stellen»

Auch Lea musste erst lernen, dass das, was ihr als Gottes Wille vermittelt wurde, nicht unantastbar ist. «Für mich gehört zu einem ehrlichen Glauben, dass wir Macht hinterfragen, unterschiedliche Auslegungen zulassen und vor allem den Menschen zuhören, die durch kirchliche Lehren verletzt wurden», schlussfolgert Lea. Den Schmerz, den sie empfand, als sie ihre eigene Gemeinschaft verlassen musste, um sich selbst annehmen zu können, will sie anderen ersparen.

Missbrauch im Namen Gottes

Besonders problematisch ist es, wenn solche Praktiken mit dem christlichen Glauben gerechtfertigt werden. Wer einem Menschen einredet, Gott lehne ihn wegen seiner sexuellen Orientierung ab, kann grosse Angst und Schuldgefühle auslösen. Betroffene versuchen dann möglicherweise selbst, ihre sexuelle Orientierung zu verändern, weil sie glauben, nur so von Gott angenommen zu werden. Pfarrer:innen, Pastor:innen, Seelsorgende und andere religiöse Autoritätspersonen tragen deshalb eine besondere Verantwortung.

Wenn Seelsorge die Seele vergiftet

Doch wer entscheidet überhaupt, was Gott von den Menschen verlangt? Die Bibel wird seit Jahrhunderten unterschiedlich ausgelegt. Was manche Gemeinschaften als unveränderlichen Willen Gottes darstellen, beruht auf menschlicher Interpretation. Feministische und queere Theologien hinterfragen patriarchale Machtstrukturen und Bibelauslegungen, die Diskriminierung rechtfertigen. Für Betroffene können sie einen Weg eröffnen, ihren Glauben neu zu entdecken und die Ablehnung durch eine religiöse Gemeinschaft nicht länger mit der Ablehnung durch Gott gleichzusetzen.

«Heute glaube ich an einen Gott, der aufrichtet, nicht richtet.»

«Früher hatte ich Angst vor einem Gott, der mich bestraft, weil ich Frauen liebe. Feministische und queere Theologie haben mir gezeigt, wie sehr unser Gottesbild von menschlichen Machtverhältnissen geprägt ist», so Lea. Zu oft erklärten Menschen ihre eigenen Vorstellungen zum Willen Gottes mit dem Anspruch, andere zu kontrollieren und auszugrenzen. Heute hinterfragt Lea diese Macht.

Doppelmoral mit Segen

Für den Frauenbund Schweiz ist die Gleichwürdigkeit aller Menschen ein unverhandelbarer Grundsatz christlicher Sozialethik. Sie gilt unabhängig von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Eine Kirche muss sich deshalb nicht nur an ihren Bekenntnissen messen lassen, sondern auch daran, wie sie mit Menschen umgeht, die nicht ihren Moralvorstellungen entsprechen.

Auch die Schweizer Bischofskonferenz hat sich im Mai 2026 gegen Konversionsmassnahmen ausgesprochen. Sie bezeichnet solche Praktiken als unvereinbar mit dem seelsorglichen Auftrag, warnt vor spirituellem Missbrauch und unterstützt eine schweizweite gesetzliche Regelung. Gleichzeitig halten die Schweizer Bischöfe in ihrer Standortbestimmung vom November 2025 daran fest, dass bei der Beauftragung von Seelsorgenden auf einen «dem Evangelium entsprechenden Lebensstil» zu achten sei. Dazu zählen sie ausdrücklich die Gestaltung von Beziehungen und den Umgang mit Sexualität.

Was das bedeuten kann, zeigt die Allianz Gleichwürdig Katholisch mit ihrem Projekt «Privat ist Privat»: Geschiedene, unverheiratete und queere Menschen sowie Personen in unterschiedlichen Familienkonstellationen erleben im kirchlichen Arbeitsumfeld Benachteiligungen. Manche sehen sich gezwungen, ihr Privatleben zu verbergen, um berufliche Nachteile zu vermeiden.

Konversionsmassnahmen und diskriminierende Anstellungspraktiken sind nicht dasselbe. Doch beide werfen die Frage auf, weshalb die sexuelle Orientierung oder das private Beziehungsleben eines Menschen überhaupt Gegenstand religiöser Bewertung sein soll.

Widerstand von innen

Christliche Frauenverbände wie femmes protestantes und Frauenbund Schweiz setzen sich für Gleichstellung ein, hinterfragen überlieferte Geschlechterbilder und bringen kritische Perspektiven in kirchliche Debatten ein. Lea Blattners Engagement im Vorstand von femmes protestantes ist vor diesem Hintergrund besonders bemerkenswert. Nach ihren Erfahrungen mit religiös begründeter Ausgrenzung gestaltet sie heute selbst eine christliche Organisation mit. Ihr Beispiel zeigt, welche Bedeutung Frauenverbände als Räume der Solidarität und des innerkirchlichen Wandels haben können.

«Mir ist wichtig, dass feministische Anliegen auch innerhalb der Kirche Platz haben und nicht als Widerspruch zum Glauben verstanden werden.»

Lea weiss aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn die Kirche einen ablehnt. Gerade deshalb ist es Lea wichtig, ihre Erfahrungen nicht einfach stehen zu lassen, sondern daraus etwas zu machen, das Veränderung ermöglicht. «Christliche Frauenverbände können sichtbar machen, wie stark unser Verständnis von Geschlecht, Familie und gesellschaftlichen Rollen von Traditionen geprägt ist, die Menschen einschränken. Sie können alternative Perspektiven entwickeln, Frauen stärken und Veränderungen anstossen», so Lea.

Glaube schützt nicht vor Recht

Lea Blattners Geschichte ist kein Einzelfall. Auch in der Schweiz werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Konversionsmassnahmen ausgesetzt. Der Bundesrat anerkennt, dass diese Praktiken schädlich und unwirksam sind. Dennoch gibt es bislang kein einheitliches nationales Verbot. Einzelne Kantone haben gesetzliche Massnahmen ergriffen, doch der Schutz der Betroffenen hängt weiterhin teilweise davon ab, wo sie leben.

Frauenbund Schweiz und femmes protestantes gehören der nationalen Koalition gegen Konversionsmassnahmen an. Gemeinsam mit über 60 weiteren Organisationen setzen sie sich für einen wirksamen gesetzlichen Schutz und ein schweizweites Verbot ein. Ein solches Verbot richtet sich nicht gegen die Glaubensfreiheit. Religiöse Überzeugungen dürfen frei gelebt und diskutiert werden. Sie rechtfertigen jedoch keine Praktiken, die Menschen psychisch schädigen oder zur Verleugnung ihrer Identität drängen.

«Wenn wir die menschliche Würde ernst nehmen, müssen wir uns gegen Praktiken stellen, die Menschen dazu bringen, gegen sich selbst zu kämpfen.»

Christliche Seelsorge müsse Menschen begleiten, nicht verändern. Käme es tatsächlich zu einem gesetzlichen Verbot von Konversionsmassnahmen, müsse ein solches Gesetz alle Menschen wirksam schützen, unabhängig davon, ob sie minder- oder volljährig sind und ob die Konversionsmassnahmen in einem therapeutischen, familiären oder religiösen Umfeld stattfinden, so die ehemalige EVP-Politikerin. Gleichzeitig müsse klar zwischen Konversionsmassnahmen und einer ergebnisoffenen Seelsorge oder Beratung unterschieden werden, so Lea.

Dass sich femmes protestantes und der Frauenbund Schweiz für ein Verbot von Konversionsmassnahmen einsetzen, bedeutet der gläubigen Christin viel. Es zeige, so Lea, dass der Schutz queerer Menschen kein Widerspruch zum christlichen Glauben ist. Es sei wichtig, dass gerade auch kirchliche Organisationen Verantwortung übernehmen und deutlich machen, dass sich religiöse Überzeugungen nicht als Rechtfertigung für solche Verletzungen eignen.

Die grösste unter ihnen ist die Liebe

Am 3. November 2026 wird der Prix Courage verliehen. Lea Blattner gehört zu den Nominierten. Der «Beobachter» würdigt damit Menschen, die Zivilcourage zeigen und sich trotz persönlicher Risiken für andere einsetzen.

Im ersten Korintherbrief heisst es: «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die grösste unter ihnen.» (1 Kor 13,13)

An diesem biblischen Massstab müssen sich auch Kirchen und religiöse Gemeinschaften messen lassen. Wo im Namen Gottes Angst geschürt, Menschen zu Sünder erklärt und ihre Identität bekämpft wird, gerät die christliche Botschaft der Liebe aus dem Blick. Ein Glaube, der Menschen dazu bringt, sich selbst zu verachten, braucht kritische Auseinandersetzung, nicht religiöse Rechtfertigung.

Lea Blattners Geschichte erzählt aber auch von Hoffnung. Davon, dass Menschen ihren Glauben zurückgewinnen können, ohne sich selbst verleugnen zu müssen. Und davon, dass es Mut braucht, religiösen Autoritäten zu widersprechen und für die eigene Würde einzustehen.

Glaube, Hoffnung und Liebe: Lea Blattner hat erfahren, wie schmerzhaft es ist, wenn die Liebe im Namen des Glaubens verweigert wird. Heute setzt sie sich dafür ein, dass andere Menschen diese Erfahrung nicht machen müssen. Dafür verdient sie unsere Anerkennung und unseren Respekt. Und die religiösen Gemeinschaften schulden Menschen wie ihr mehr als Mitgefühl: Sie schulden ihnen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den eigenen Lehren und Praktiken, die solches Leid ermöglichen.

Weiterführende Informationen

·        Koalition gegen Konversionsmassnahmen

·        Lea Blattners Geschichte im «Beobachter»

·        Schweizer Bischofskonferenz: Stellungnahme zu Konversionsmassnahmen

·        Allianz Gleichwürdig Katholisch: «Privat ist Privat»

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