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Blog 12.01.2023 | Kirche – Spiritualität

Kinder taufen oder nicht?

«Mein Sohn sollte doch seine beiden Kinder taufen lassen», klagte mir unlängst eine ältere Dame. «Das gehört doch einfach dazu. Man muss den Kindern etwas mitgeben, woran sie sich halten können. Würden Sie nicht mal mit meinem Sohn und seiner Partnerin reden? Sie kennen sie doch privat.» Ja, natürlich, für ein Gespräch stehe ich immer zur Verfügung, wenn sie das wollen. Ob das Gespräch aber jenen Erfolg brächte, welchen sich die Grossmutter wünscht, da bin ich mir nicht so sicher.

Taufe durch Silvia Huber 2015 in der St. Karli-Kapelle in Luzern © Familie Derungs

Nicht wegen der Andern

Meine Haltung, die ich auch der besorgten Katholikin gegenüber geäussert habe, ist klar: Den Grosseltern zuliebe muss kein Kind getauft werden. Die Zeiten sind vorbei, in welchen Kinder quasi per Geburt in ein kirchliches Milieu selbstverständlich getauft wurden. Eltern entscheiden heute meist frei und unabhängig – auch wenn sie beide noch einer christlichen Konfession angehören – ob ihre Kinder durch die Taufe in eine Kirche aufgenommen werden sollen oder nicht. Das ist auch richtig so.

Den Fokus ändern

Aus Sicht der Kirche geht es bei der Taufe primär um die Aufnahme des Täuflings in die Gemeinschaft der Kirche, in die Nachfolgegemeinschaft des Jesu von Nazareth. Wir können aber auch einen anderen Fokus setzen:

  • Es geht um die Eltern, die nach Schwangerschaft und Geburt mit einem kleinen Menschen auf den Lebensweg gehen.
  • Es geht um die grösseren Geschwister, deren Familiensystem etwas durcheinandergerät.
  • Es geht um die Gotte und den Götti, die eine Lebensaufgabe übernehmen.
  • Es geht um die Grosseltern, die älter werden und sehen, dass neues Leben wird.
  • Es geht um Freund:innen oder Geschwister der jungen Eltern, deren Beziehungen sich durch ein kleines Menschenkind verändern können.
  • Vielleicht geht es um eine ganze Gottesdienstgemeinschaft, die durch die Taufe Hoffnung für sich erleben kann.
  • Und es geht vor allem um ein kleines Kind, das am Anfang eines ungewissen Lebens steht.

Das Leben feiern

Wenn wir den Fokus auf alle diese Menschen legen, gibt es viele Gründe, ein Kleinkind zu taufen. Im Ritual der Taufe können Freude, Dankbarkeit, Hoffnung und Zuversicht einen Raum bekommen und in einer Gemeinschaft gefeiert werden. Auch die Ängste und Befürchtungen bekommen Platz im Ritual -  das verkleinert vielleicht ein bisschen das beklemmende Gefühl.

Die Zeichenhandlungen schenken Vertrauen, weil die Ungewissheit eingebunden wird in eine weltumfassende Gemeinschaft. Die Taufformel «Ich taufe dich, NN, im Namen des Vaters, des Sohnes und der Heiligen Geistkraft» stellt den kleinen Menschen unter den Schutz einer göttlichen Kraft.

Bruchstückhaft

Mit der Taufe wird sichtbar, dass die Eltern und ihr Kind in eine tragende (Tauf-)Gemeinschaft eingebunden sind. Es wird sichtbar, dass wir nicht alles im Griff haben, sondern darauf angewiesen sind, dass gute Kräfte das Menschenkind durch sein Leben begleiten. Es wird sichtbar, dass die Eltern den Kindern Werte oder Geschichten des christlichen Glaubens mit auf den Weg geben wollen, in den Möglichkeiten und Grenzen, die sie haben. Das genügt. Das Sakrament der Taufe ist ein Geschenk.

Silvia Huber

Silvia Huber ist Supervisorin und Theologin. Als frühere Pfarreileiterin durfte sie auch taufen und setzte sich intensiv damit auseinander. Sie würde als zusätzliches Angebot auch eine Segensfeier für Neugeborene begrüssen, damit Eltern sich erst später für oder gegen eine Taufe entscheiden müssen.

Mehr zur Taufe

Beim SKF kann die Broschüre «Willkommen zur Taufe» für CHF 10 bestellt werden. Das Taufheft beleuchtet das Willkommensritual und liefert Ideen zur Gestaltung.

Wilkommen zur Taufe bestellen

Auf der gleichen Seite gibt es auch die Bestellmöglichkeit von Geburtskarten und einem Taufsegen.

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1 Kommentar

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Margrit Kunz-Bürgler - geschrieben am 16.01.2023 - 19:41 Uhr

Herzlichen Dank für die Reflexionen zu diesem bedeutsamen Thema. Ich vermute, es geht vielen so wie der Dame, die sich wegen der Taufe ihrer Enkelkinder Gedanken machte.
Eine Veränderung des Fokus eröffnet tatsächlich eine neue, weitere Perspektive. Die Taufe, verstanden als Feier des Lebens, finde ich einen wunderbaren Gedanken.

Ich werde diesen Blogbeitrag meiner Patentochter geben, die ihre Kinder auch nicht getauft hat.