Stellen wir uns einen Garten vor
Stellen wir uns einen Garten vor, in dem nur eine einzige Art von Pflanzen wächst, überall dieselbe. Für einen Moment erblüht der Garten in einem bunten Kleid, dann ist es vorbei. Es bleibt eine monotone grüne Vegetation von gleichförmigem Laub. Alles wuchert über die Jahre zu und bietet keinen Platz für Neues.
Ein Garten lebt von Vielfalt. Von Pflanzen, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen. Von tiefen und flachen Wurzeln. Von Wildem und Gepflegtem. Von allem, was kreucht und fleucht und miteinander verwoben ist. Die Vielfalt und das Unkontrollierte sind seine Lebensgrundlage.
In meinem Garten liegt zum Beispiel immer noch der Weihnachtsbaum vom vergangenen Winter. Eigentlich hätte ich ihn entsorgen sollen. Stattdessen habe ich ihn irgendwann kopfüber zwischen Kompost und Hauswand geklemmt und dort vergessen. Heute wohnt eine Igelfamilie darin. Eine unscheinbare Ecke wird zu einem Ort voller Leben.
Als Gärtner:innen können wir Bedingungen schaffen: Wir giessen, pflegen, schneiden zurück. Vor allem aber lernen wir, hinzuschauen und geduldig zu sein. Zu beobachten, wo etwas wächst, was Raum braucht, um sich in der Fülle entfalten zu können. Viele religiöse Traditionen erzählen von einem Paradiesgarten als üppigem Ort. Da steht nichts von einem englischen Rasen oder einem sauber geordneten Renaissance-Garten.
Auch unser Zusammenleben gleicht einem solchen Garten. Es wuchert und blüht. Manches passt auf Anhieb zusammen, anderes verträgt sich nicht. Nicht jede Pflanze gedeiht am gleichen Ort. Nicht alles wächst gleich schnell. Und manchmal wird ein Beet von Schnecken kahlgefressen, obwohl man sich so viel davon versprochen hatte.
Dieses Lebendige, Üppige ist das Material der interreligiösen Arbeit. Wir schaffen Räume und Begegnungsmöglichkeiten. Doch was darin wächst, entwickelt eine eigene Dynamik. Aus ersten Begegnungen werden Gespräche. Aus Gesprächen Kooperationen. Manches vergeht wieder. Anderes schlägt Wurzeln und trägt Früchte, die anfangs niemand erwartet hätte.
Mit der Woche der Religionen versucht IRAS COTIS seit 20 Jahren, gute Bedingungen für das Zusammenleben in Vielfalt zu schaffen. Jedes Jahr entstehen daraus in der ganzen Schweiz über 100 Veranstaltungen. Interessierte Gärtner:innen des Zusammenlebens sind eingeladen, an diesem Paradiesgarten mitzuwirken – und zu staunen, was alles entstehen kann, wenn Vielfalt Raum erhält.
Rafaela Estermann, Stellvertretende Geschäftsführerin und fachliche Leitung bei IRAS COTIS
Koordination dieses Paradiesgarten-Beitrags: Simone Curau-Aepli
20 Jahre Woche der Religionen
Seit 20 Jahren lädt die Woche der Religionen jedes Jahr in der ersten Novemberwoche zu Begegnung und Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen ein. Rund 100 Veranstaltungen in der ganzen Schweiz machen die religiöse und kulturelle Vielfalt erlebbar – mit Führungen, Konzerten, Gesprächen, Ausstellungen, Lesungen, kulinarischen Begegnungen und vielem mehr.
Koordiniert wird die Woche der Religionen vom interreligiösen Netzwerk IRAS COTIS gemeinsam mit zahlreichen lokalen Partnerorganisationen. Sie schafft Räume für Begegnung und Dialog, macht die religiöse und kulturelle Vielfalt der Schweiz sichtbar und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum religiösen Frieden und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zum Vormerken:
7.–15. November 2026
Veranstaltungen in der ganzen Schweiz
wdr-sdr.ch
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