«Tradwives», Social Media und die neue Rechte
Sie backen mit perfekt manikürierten Nägeln Sauerteigbrot, lächeln in zarten Blumenkleidern in die Kamera und wirken wie aus einer anderen Zeit gefallen – doch hinter dem sanften Bild der «Tradwife»-Influencerinnen verbirgt sich mehr als nur Nostalgie: eine Bewegung, die auf Social Media Millionen erreicht und leise alte Rollenbilder neu verhandelt.
(*Dieser Artikel ist Teil der Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.»)
Gerade weil die Inszenierung der Tradwives an reale Sehnsüchte nach Einfachheit, Klarheit und Orientierung anknüpft, wirkt sie so stark. Der Trend greift diese Bedürfnisse auf und verbindet sie mit einem klaren, traditionellen Rollenbild. In Teilen lässt sich die Bewegung deshalb auch als Ausdruck der Neuen Rechten verstehen, die ihre Ideologien über Lebensstil und Geschlechterbilder in den Alltag trägt. Antifeminismus spielt dabei eine zentrale Rolle, während traditionelle Rollen als attraktiver Lifestyle verpackt und unter dem Deckmantel von Freiheit und Ästhetik neu verkauft werden.
Wenn Unterordnung viral geht
Unter dem Hashtag #tradwife inszenieren Influencerinnen wie Hannah Neeleman, Estee Williams und Lily Kate ihren Alltag im traditionellen Rollenmodell für ein Millionenpublikum. Hannah Neeleman erreicht mit ihrem «Ballerina Farm»-Kosmos über zehn Millionen Follower und zeigt das Leben mit Mann und acht Kindern auf einer Ranch in Utah als idyllisches Gegenmodell zur modernen Welt. Estee Williams begeistert auf TikTok ebenfalls ein Millionenpublikum, indem sie im Stil der 1950er-Jahre mit Petticoat, Schürze und Dauerlächeln ein klares Bild von weiblicher Häuslichkeit und männlicher Führung vermittelt. Auch Lily Kate setzt auf sanfte Bilder von Weiblichkeit und Botschaften wie «feminin statt feministisch».
Was dabei wie ein Lifestyle wirkt, ist mehr als das. Alte Rollenbilder werden neu verpackt und als erstrebenswert dargestellt. Wenn gesagt wird, Männer wollten keine «boss babes», sondern Hausfrauen, zeigt das deutlich, welches Frauenbild hier vermittelt wird. Gleichzeitig wird ausgeblendet, dass die Freiheit, heute zwischen verschiedenen Lebensmodellen zu wählen, das Ergebnis jahrzehntelanger feministischer Kämpfe ist.
«I feel like we’re doing what God wants.»
— Hannah Neeleman
Religion als Begründung
Besonders aufmerksam sollten wir dort werden, wo religiöse Inhalte gezielt für ideologische Zwecke genutzt werden. Einige Tradwife-Influencerinnen greifen christliche Werte und biblische Aussagen auf und legen sie so aus, dass ein hierarchisches Geschlechterbild gerechtfertigt wird. Einzelne Bibelstellen zur Rolle der Frau werden betont, während zentrale Botschaften wie Gleichwürdigkeit oder die befreiende Dimension des Evangeliums in den Hintergrund treten.
Nicht jede Frau, die sich Familie und unbezahlte Care-Arbeit entscheidet, vertritt solche Positionen. Problematisch wird es dort, wo individuelle Lebensentwürfe mit religiösem Anspruch aufgeladen und als allgemeingültiges Modell dargestellt werden.
«I believe in traditional gender roles. I want to serve my husband and my family.»
— Estee Williams
Wenn der Mann als von Gott bestimmter Anführer erscheint und die Frau als unterstützende Ergänzung, wird Hierarchie als göttliche Ordnung dargestellt. Genau darin liegt die Verschiebung: Ungleichheit erscheint nicht mehr als gesellschaftliche Frage, sondern als Glaubenssatz. Besonders kritisch wird es, wenn dieses Rollenbild als göttliche Ordnung präsentiert wird und dadurch der Eindruck entsteht, Ungleichheit sei nicht hinterfragbar.
«Submission is not oppression when it’s God’s design.»
— Solie
Social Media als Verstärker
Neu ist nicht die Idee, sondern ihre Verbreitung und ihre zuckersüsse Darreichung. Plattformen wie Instagram und TikTok belohnen einfache, emotionale und ästhetische Inhalte. Genau hier setzt der Trend an. Die Videos zeigen perfekt inszenierte Alltage, während Abhängigkeiten und Ungleichheiten unsichtbar bleiben. Ironisch ist, dass ausgerechnet auf Plattformen für junge Menschen ein altes Motto ein Comeback feiert: «Kinder, Küche, Kirche», neu verpackt in Pastellfarben und perfekt kuratierten Feeds.
«Tradwife-Influencerinnen inszenieren eine Form der Hingabe an den Ehemann, die oft in vollständiger finanzieller Abhängigkeit endet. Was sie dabei selten zeigen: Viele von ihnen führen erfolgreiche Businesses und verdienen als Content Creator ihr eigenes Geld. Sie verfügen über finanzielle Unabhängigkeit und propagieren gleichzeitig ein Lebensmodell, das anderen Frauen genau diese Selbstständigkeit abspricht», kritisiert Sarah Paciarelli, Kommunikation, Bildung und Politik, Frauenbund Schweiz.
Care-Arbeit verdient Anerkennung
Gleichzeitig braucht es eine klare Differenzierung. Jede Frau, die sich bewusst für unbezahlte Care-Arbeit entscheidet, verdient Respekt und gesellschaftliche Wertschätzung. Diese Arbeit ist unverzichtbar. Eine feministische Perspektive bedeutet nicht, Lebensmodelle vorzuschreiben, sondern Wahlfreiheit zu ermöglichen und Care-Arbeit sichtbar und fair verteilt zu denken. Gerade hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit des Trends. Was als Aufwertung erscheint, bleibt oft eine Rückkehr zu traditionellen Rollen. Care-Arbeit wird romantisiert, aber nicht gerechter verteilt.
Wachsam bleiben
Besonders kritisch wird es dort, wo sich der Trend mit rechten Ideologien überschneidet. Online verbinden sich Tradwife-Inhalte mit nationalkonservativen und antifeministischen Positionen. Das traditionelle Familienbild erscheint als Ideal, das andere Lebensentwürfe abwertet. Frauen werden auf ihre Rolle als Mütter und Hüterinnen «traditioneller Werte» reduziert, während Gleichstellung als Bedrohung gilt.
Entscheidend ist, die Mechanismen hinter den Bildern zu erkennen: wie Unterordnung normalisiert wird, wie religiöse Argumente eingesetzt werden und wie soziale Medien diese Botschaften verstärken. Während feministische Ansätze Wahlfreiheit stärken wollen, inszenieren sich viele Tradwives als überlegenes Gegenmodell. Die eigentliche Gefahr liegt nicht im Offensichtlichen, sondern im scheinbar Harmlosen.
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