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News 18.08.2026 | Gerechtigkeit – Gleichstellung – Politik

Was Femizide mit unseren Vorstellungen von Geschlecht und Macht zu tun haben

Eine Frau wird von ihrem (Ex-)Partner getötet. In der Berichterstattung ist dann schnell von einem «Beziehungsdrama» die Rede. Doch Femizide sind keine privaten Tragödien, die sich unabhängig voneinander ereignen. Sie haben mit Macht zu tun, mit unseren Vorstellungen von Beziehungen und Geschlecht und mit der Frage, wie gut wir Frauen schützen, wenn Gewalt eskaliert. Darüber sprechen wir am 1. Oktober 2026 mit und in der Paulus Akademie in Zürich.

© stopfemizid.ch/Franziska Willimann

Nach einem Femizid richtet sich der Blick fast automatisch auf den Täter und die konkrete Beziehung. Was ist zwischen den beiden passiert? Warum ist die Situation eskaliert? Gab es einen Streit, eine Trennung, Eifersucht? Diese Fragen sind verständlich, aber sie greifen zu kurz.

Femizide entstehen nicht aus dem Nichts. Hinter ihnen zeigen sich wiederkehrende Muster von Macht, Kontrolle und Abhängigkeit. Deshalb lohnt sich der Blick über den einzelnen Fall hinaus: Welche gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht, Partnerschaft und Macht wirken hier mit? Noch immer sind die Erwartungen daran, wie Männer und Frauen sein und sich in Beziehungen verhalten sollen, unterschiedlich geprägt. Männlichkeit wird mit Stärke, Durchsetzungsfähigkeit und Kontrolle verbunden, Weiblichkeit mit Fürsorge, Anpassung und emotionaler Verantwortung. Natürlich lebt längst nicht jeder Mann und jede Frau nach diesen Vorstellungen. Aber gesellschaftliche Bilder verschwinden nicht einfach, nur weil wir Gleichstellung inzwischen für selbstverständlich halten.

Warum bist du nicht einfach gegangen?

Besonders sichtbar werden sie dort, wo eine Frau sich einem Anspruch auf Kontrolle entzieht. Sie trennt sich. Sie setzt Grenzen. Sie will selbst bestimmen, mit wem sie Kontakt hat, wie sie lebt oder wofür sie ihr Geld ausgibt. Was für die eine Person selbstverständliche Selbstbestimmung ist, kann von einem Partner, der Beziehung mit Besitz und Kontrolle verbindet, als Machtverlust erlebt werden. Das ist einer der Gründe, weshalb eine Trennung für Frauen in gewalttätigen Beziehungen eine besonders gefährliche Phase sein kann. Und der Grund warum viele Frauen in von Gewalt geprägten Beziehungen verbleiben. 

Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Schlag

Auch das ist wichtig, wenn wir über Femizide sprechen. Der tödlichen Tat geht häufig eine Geschichte voraus. Vielleicht kontrolliert ein Partner zunächst das Handy. Er will wissen, wo die Frau ist und mit wem sie spricht. Er wertet sie ab, isoliert sie von Freund:innen und Familie oder kontrolliert das gemeinsame Geld. Später kommen Drohungen, Stalking oder körperliche und sexualisierte Gewalt hinzu. Nicht jede dieser Geschichten endet in einem Femizid. Aber Femizide stehen häufig am Ende eines solchen Gewaltkontinuums.

Genau deshalb dürfen wir Gewalt gegen Frauen nicht erst dann ernst nehmen, wenn sie sichtbare Verletzungen hinterlässt. Das hält auch der Frauenbund Schweiz in seinem Positionspapier «Gewalt gegen Frauen – eine Wunde unserer Gesellschaft» fest. Prävention beginnt viel früher: beim Erkennen von Kontrolle und Gewalt, bei erreichbaren Beratungsstellen, bei funktionierendem Bedrohungsmanagement und bei Behörden, die Warnsignale ernst nehmen.

Wer zählt die getöteten Frauen?

Und hier stossen wir in der Schweiz auf ein erstaunliches Problem: Wir wissen nicht einmal genau, wie viele Femizide es gibt. Femizide werden in der offiziellen Schweizer Kriminalstatistik bislang nicht als eigene Kategorie erfasst. Dass wir trotzdem Zahlen haben, verdanken wir zu einem wesentlichen Teil zivilgesellschaftlichen Organisationen, die Fälle recherchieren und dokumentieren. 2025 wurden in der Schweiz mindestens 27 Femizide dokumentiert. Bis zum 9. Juli 2026 waren es bereits mindestens 17 getötete Frauen und Mädchen.

Das Problem fehlender Daten ist nicht abstrakt. Wenn wir nicht systematisch erfassen, unter welchen Umständen Frauen getötet werden, sehen wir auch die Muster schlechter. Hatte die Frau bereits Hilfe gesucht? War der Täter der Polizei bekannt? Gab es Drohungen oder Stalking? Bestand ein Kontaktverbot? War eine Behörde bereits involviert? Und gab es einen Moment, an dem die Eskalation möglicherweise hätte verhindert werden können? Statistik verhindert keine Gewalt. Aber ohne Daten ist es sehr viel schwieriger herauszufinden, wo Prävention versagt und was wir besser machen müssen.

Der Schweizer Kantönligeist

Wer sich mit Gewaltschutz in der Schweiz beschäftigt, landet früher oder später beim Föderalismus. Eine Recherche der «Republik» hat 2025 gezeigt, wie unterschiedlich die Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen je nach Kanton aussehen kann. Angebote, Zuständigkeiten und finanzielle Mittel unterscheiden sich. Nicht überall gibt es dieselben Möglichkeiten für vertrauliche Spurensicherung, Bedrohungsmanagement oder Schutzunterkünfte. Eine Kantonsgrenze ist für einen gewalttätigen Partner bedeutungslos. Für das Hilfesystem ist sie es nicht.

Das ist schwer zu rechtfertigen. Ob eine Frau in einer akuten Bedrohungssituation wirksam geschützt wird, darf nicht davon abhängen, in welchem Kanton sie wohnt. Es braucht funktionierende Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz, Opferhilfe, Frauenhäusern, Gesundheitswesen und Beratungsstellen. Und es braucht Standards, auf die sich Betroffene verlassen können.

Hier hilft auch der Begriff Feminizid. Während Femizid die geschlechtsspezifische Tötung einer Frau bezeichnet, richtet Feminizid den Blick zusätzlich auf gesellschaftliche und institutionelle Verantwortung. Nicht, um die Verantwortung des Täters zu relativieren. Sondern um eine zweite Frage zu stellen: Haben wir als Gesellschaft alles getan, was wir hätten tun können, um diese Frau zu schützen?

Darüber müssen wir reden

Am 1. Oktober 2026 bringen der Frauenbund Schweiz und die Paulus Akademie deshalb auf einem Podium vier Frauen zusammen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema konfrontiert sind.

  • Anja Derungs, Geschäftsführerin der Stiftung Frauenhaus Zürich und Expertin für Gewalt gegen Frauen, weiss aus der Praxis, was es bedeutet, wenn Frauen Schutz suchen und welche Hürden ihnen dabei begegnen.
  • Nicole Dill kennt Gewalt aus einer anderen, sehr persönlichen Perspektive. Sie ist Femizidüberlebende und Bestsellerautorin. Als erfolgreiche Beschwerdeführerin und Siegerin vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat sie zudem erfahren, was es bedeutet, wenn der Kampf um Schutz und Rechte nach der eigentlichen Gewalterfahrung weitergeht.
  • Claudia Wyss, Leiterin der Anlaufstelle gegen Häusliche Gewalt Aargau, beschäftigt sich beruflich damit, wie Gewalt erkannt, eingeschätzt und möglichst verhindert werden kann.
  • Katharina Jost Graf, Seelsorgerin und Co-Präsidentin des Frauenbund Schweiz, bringt die theologische und ethische Perspektive ein. 

Durch den Abend führen Sarah Paciarelli, Verantwortliche Kommunikation, Bildung und Politik bei Frauenbund Schweiz, und Dr. Caroline Krüger, Fachbereichsleiterin Diversität und Teilhabe der Paulus Akademie. Gemeinsam mit den Podiumsgästen gehen sie der Frage nach, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse und Geschlechterbilder Gewalt gegen Frauen begünstigen und was es braucht, um Femizide zu verhindern.

Podium in Zürich

Warum werden Frauen Opfer tödlicher Gewalt? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Machtverhältnisse, Geschlechterbilder und staatliche Strukturen? Eine Einführung und ein Podiumsgespräch beleuchten die Hintergründe von Femi(ni)ziden und fragen, was es für eine wirksame Prävention braucht.

Donnerstag, 1. Oktober 2026
19.00 bis 20.30 Uhr
Paulus Akademie
Pfingstweidstrasse 28, Zürich

Anmeldung

Die Anmeldung ist ab sofort bis zum 27. September 2026 möglich. Eine Kooperationsveranstaltung der Paulus Akademie und des Frauenbund Schweiz.

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