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Blog 29.11.2022 | Gerechtigkeit – Gleichstellung – Spiritualität

Wir sind frei!

Vom Synodalen Weg und der unantastbaren Würde des Menschen, auch in der Kirche, und wie es die katholische Kirche wieder und wieder schafft, unbequemen Themen auszuweichen.

Zitat von Rosa Luxemburg an der Berliner Mauer: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» © Mirko Kaminski - Pixabay

Wenige Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und ihren unmenschlichen Gräueltaten, die nicht nur Millionen von Menschen das Leben kosteten, sondern noch mehr Menschen traumatisiert und bis an ihr Lebensende gezeichnet zurückliess, trat 1949 eine neue Verfassung in Kraft. Diese beginnt mit den Worten:

«Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Dieser Satz ist ganz bewusst als Feststellung und nicht als Imperativ formuliert: Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist gesetzt. Menschen und ihre Würde können zwar verletzt und die Existenz des Menschen kann zerstört werden. Aber im Kern bleibt die Würde und damit die Einzigartigkeit und Kostbarkeit jedes einzelnen Menschen unangetastet.

Daran musste ich denken, als vor einigen Tagen die deutschen Bischöfe von ihrem Ad-limina-Besuch im Vatikan heimkehrten. In ihrem Gepäck hatten sie ein gemeinsam mit dem Heiligen Stuhl verfasstes Kommuniqué, das sich auf Gespräche zum Synodalen Weg der deutschen Kirche bezieht und darauf hinweist, «dass einige Themen nicht verhandelbar sind».

Aber obwohl dieser Synodale Weg im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise entstand und auch die dort verhandelten Themen in einem engen Zusammenhang mit der Frage des Machtmissbrauchs in Form sexualisierter Gewalt stehen, fehlt dieses Stichwort in der gemeinsamen Mitteilung. Und mit den Themen, die nicht verhandelbar sind, sind weder der sexuelle und spirituelle Missbrauch klerikaler Macht, noch die Würde und Geschwisterlichkeit aller Getauften gemeint. Vielmehr hat diese Formulierung die Frauenordination, das traditionell binäre Verständnis der Geschlechterverhältnisse und den exklusiven Anspruch des Papstes und der Kurie auf Deutungshoheit in Fragen des Glaubens und der Moral im Blick.

Das ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich und ein weiterer Rückschlag auf dem Weg zu Reformen, die auf der gleichen Würde aller Getauften beruhen, Macht teilen und beschränken sowie den Klerikalismus überwinden. Es wird für den Synodalen Weg in Deutschland und für den weltkirchlichen synodalen Prozess nicht einfach sein, in diesen Fragen wirkliche Veränderungen in Gang zu bringen und solche Blockaden zu überwinden.

Das Bekenntnis zur unantastbaren Würde des Menschen erhält auch in diesem Kontext eine kritische, ja eine prophetische Kraft. Diese hat – in der Theorie – auch die katholische Kirche erkannt und anerkannt, beginnt doch die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit mit folgenden Worten:

«Die Würde der menschlichen Person kommt den Menschen unserer Zeit immer mehr zum Bewusstsein, und es wächst die Zahl derer, die den Anspruch erheben, dass die Menschen bei ihrem Tun ihr eigenes Urteil und eine verantwortliche Freiheit besitzen und davon Gebrauch machen sollen, nicht unter Zwang, sondern vom Bewusstsein der Pflicht geleitet.»

Auch in der Kirche und für jedes Mitglied der Kirche gilt «Meine Würde ist unantastbar» – kein Papst und kein Bischof, kein Kirchenrecht und keine diskriminierende kirchliche Praxis kann mir diese Würde und die damit verbundene Freiheit absprechen. Sie haben unabhängig von der Frage Bestand, ob sie kirchenrechtlich anerkannt sind. Ebenfalls als «Feststellung», und nicht bloss als Wunsch oder Forderung, hält Paulus im Brief an die Gemeinden in Galatien fest:

«Es gibt nicht mehr … männlich und weiblich; denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.» (Gal 3,28)

Zurzeit ist allerdings nicht absehbar, wie weit der Weg zu Reformen, die dem Rechnung tragen, noch ist. Umso wichtiger ist, dass Katholikinnen und Katholiken, die für solchen Wandel eintreten, sich selbst immer wieder in der festen Überzeugung verwurzeln und gegenseitig bestärken, dass unsere Würde unantastbar ist und dass es in unserer Verantwortung liegt, von der damit verbundenen Freiheit Gebrauch zu machen. Die im Glauben an die gleiche Würde aller Getauften verwurzelte Zusage und die Mahnung des Apostels Paulus hat nichts von ihrer Aktualität eingebüsst:

«Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen.» (Gal 5,1)

Das ist nicht nur schöne Theorie oder Theologie. Denn wenn wir unsere Freiheit nutzen, und wir unsere Entscheidungen ernst nehmen, hat dies konkrete Folgen.

  • Wir entscheiden, welchen Gottesdienst wir besuchen.
  • Wir entscheiden, was wir als «Sachzwang» anerkennen und wo wir den Konflikt wagen.
  • Wir entscheiden, ob wir täglich in der Bibel lesen, uns sozial engagieren, auf eine schlechte Predigt reagieren oder uns klerikales Geschwätz gefallen lassen.
  • Damit prägen wir Kirche.

Die Chance, die eigene Freiheit zu nutzen, eigene Entscheidungen und Positionen ernst zu nehmen, haben wir nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als Gruppen, Gemeinschaften, Räte, Behörden, Organisationen und Verbände: Wir können eigenverantwortlich schon hier und heute auf der Spur Jesu als «Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten» leben. Und wir können entscheiden, ob wir uns im Dialog mit den Amtsträgern mit ausweichenden Antworten abspeisen lassen, ob wir mitspielen, auch wenn die Regeln einseitig von den Bischöfen festgelegt werden, oder ob wir hartnäckig insistieren und uns gegenüber klerikalen Machtspielen verweigern, zumal Machtteilung meist erstritten werden muss und selten freiwillig gewährt wird.

Den Schweizerischen Katholischen Frauenbund habe ich in meiner Zeit als Generalsekretär der RKZ von 2001-2022 immer wieder als Ort erfahren, wo diese Freiheit eingeübt wird und von wo sie ausstahlt: hinein in den Raum der Kirche, aber auch hinaus in die Gesellschaft, in der die Würde und die Freiheit ebenfalls immer wieder erstritten werden müssen.

Daniel Kosch

Von 2001 bis November 2022 war der Theologe Daniel Kosch Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ), nun geht er in den Ruhestand. Als Schweizer Beobachter nimmt er am Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland teil. Zum Thema «Mitverantwortung heisst Mitentscheidung» hat feinschwarz.net soeben einen Beitrag von ihm veröffentlicht.

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2 Kommentare

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Simone Rudiger - geschrieben am 29.11.2022 - 21:24 Uhr

Danke für diese mahnenden und bestärkenden Worte - alles Gute Ihnen!

Margrit Kunz-Bürgler - geschrieben am 24.12.2022 - 13:31 Uhr

Herzlichen Dank für Ihre klaren Aussagen und für ihr grosses, kostbares Engagement als Generalsekretär der RKZ während so vieler Jahre.
Ich erinnere mich auch gern an Ihr eindrückliches Referat im Mai 22 anlässlich der Delegiertenversammlugn des SKF in Wil.
Alle guten Wünschen Ihnen!