«Die Menschen deponierten ihre Sorgen nicht bei ChatGPT, sondern bei mir am Fenster»
Simone Curau-Aepli zählt zu den schillerndsten und eigenständigsten Stimmen im katholischen Universum der Schweiz. Die ehemalige Präsidentin des Frauenbund Schweiz liess sich für eine Woche in die Wiborada-Zelle bei St. Mangen in St. Gallen einschliessen. Zwischen Stille, Fürbitten, Gesprächen am Fenster und feministischen Kirchenliedern machte sie eine Erfahrung, die weit über ein symbolisches Projekt hinausging.
Es gibt Momente aus dieser Woche, die Simone Curau-Aepli bis heute nachhallen. Einer davon ereignete sich an einem Dienstagmorgen.
«Mein Wasserbehälter war leer. Ich hatte am Vortag meine Haare gewaschen und sass plötzlich vor diesem leeren Tank. Da kam der Gedanke: Was wäre, wenn niemand kommt? Wenn Cathrin, meine Begleitperson, den Tank nicht füllen wird? Ich sass buchstäblich auf dem Trockenen.»
Die Erfahrung ihrer eigenen Bedürftigkeit habe sie erschüttert, erzählt sie. Gleichzeitig habe sich in ihr eine tiefe Dankbarkeit ausgebreitet.
«Ich dachte an die vielen Menschen, die kilometerweit mit Wasserkanistern unterwegs sind, ohne zu wissen, ob sie überhaupt sauberes Wasser finden.»
Dabei war die Woche in der Zelle keineswegs geprägt von Einsamkeit. Im Gegenteil: «Es war überraschend für mich, wie stark ich mich verbunden fühlte. Mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit der Göttlichen Weisheit. Dieses Gefühl ‹Wir sind eins› war oft überwältigend und bewegend.»
Zwischen Tagebuch, Stille und offenen Fenstern
Der Einschluss selbst wurde für sie bereits zu einer tiefen inneren Erfahrung. Ihr Mann Beat schloss sie ein. Überraschend standen auch ihre Tochter, deren Partner und ihre ältere Schwester vor Ort.
«Ich konnte alles loslassen und mich mit grosser Freude und Gelassenheit auf diese Woche einlassen.»
Besonders intensiv wurde für sie das Schreiben ihres Tagebuchs. Wie alle Inklus:innen des Projekts Wiborada 2021–2026 schrieb sie ihre Gedanken mit Tinte in ein stoffgebundenes Tagebuch, das später in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt wird.
«Ich bin gespannt, was es mit mir machen wird, wenn ich meinen Auszug irgendwann lese.»
Die Zeit habe sich in der Zelle verändert. Entschleunigt. Konzentriert. «Ich habe versucht, jeweils nur etwas bewusst zu tun. Nur essen. Nur sitzen. Nicht gleichzeitig lesen oder schon wieder an etwas anderes denken.»
Begegnungen am Fenster
Zweimal täglich sass Simone Curau-Aepli am offenen Fenster der Zelle. Menschen kamen vorbei: zufällig oder ganz bewusst. Einzelpersonen, Schulklassen, Suchende.
«Ich hatte keine einzige negative Begegnung, sondern viele offene und berührende Gespräche.»
Besonders geblieben ist ihr ein Gespräch mit Eckart von Hirschhausen, der während des St. Galler Symposiums spontan vorbeikam. «Wir sprachen über die krankhaft gekrümmte Haltung der Menschen beim Handykonsum und darüber, wie Kinder ihre Hoffnungen, Wünsche, Sorgen und Ängste für einmal bei einer Inklusin deponierten und nicht bei ChatGPT.» Nach diesem Gespräch habe sie gespürt, dass die Institution der Wiborada-Zelle vielleicht noch bedeutender sei, als ihr zuvor bewusst gewesen war.
Immer wieder erhielt Simone Curau-Aepli sehr persönliche Fürbitten, die in der Kirche St. Mangen auf Zettel geschrieben und durch das Fenstergitter zu ihr gereicht wurden.
«Da wurden persönliche Sorgen und Ängste, aber auch Wünsche und Hoffnungen formuliert, im Glauben daran, dass sich mit meinem Gebet etwas zum Guten wandeln kann.»
Besonders bewegt habe sie, wie oft sich die Anliegen um Beziehungen und andere Menschen drehten.
«Die Sorge um Menschen und Beziehungen stand fast immer im Mittelpunkt, sei es in der Familie oder in der Welt. Das hat mich immer wieder sehr bewegt.»
Für Simone Curau-Aepli zeigt sich darin etwas Grundsätzliches: «Die Menschen suchen jemanden, der zuhört. Die Frage ist, wo sie diese Ansprechpersonen heute noch niederschwellig finden.» Kirchen hätten hier eine wichtige Aufgabe. «Offen präsent zu sein für Menschen, die ein offenes Herz und Ohr suchen.»
Feministische Gottesbilder statt patriarchale Liedtexte
Während der Woche arbeitete Simone Curau-Aepli auch an neuen Versionen traditioneller Kirchenlieder. Besonders intensiv beschäftigte sie sich mit «Grosser Gott, wir loben dich». «Meine Version heisst ‹Du, Geheimnis, unser Gott›.» Seit Jahren störe sie sich an vielen traditionellen religiösen Texten.
«Sie konservieren ein patriarchales, männliches und gewaltvolles Gottesbild, das aus meiner Sicht nicht mehr verstanden wird und weitreichende negative Folgen für unser Gottes- und Menschenbild hat.»
Weil für sie «Singen doppelt beten» sei, könne sie viele Texte schlicht nicht mehr mitsingen. In der Zelle entstanden neue Strophen mit einem feministischen Gottesbild. «Es ist anspruchsvoll, den inhaltlichen Ansprüchen und der Qualität der Reime gerecht zu werden.»
Eine Übung in Demut
Nicht alles fiel ihr leicht. Besonders vor dem grossen Wiborada-Fest rund um den 1’100. Todestag der Heiligen Wiborada kämpfte sie mit sich. «Die Aussicht, mitten im Fest eingeschlossen zu sein, hat mich im Vorfeld echt genervt und neidisch gemacht.» Sie nennt diese Erfahrung ein «Learning in Humility». Eine Übung in Demut. «Und glücklicherweise ist sie mir gut gelungen», merkt Curau-Aepli an.
«Wir müssen Orte schaffen, wo jemand DA-IST»
Die Woche in der Zelle hat Simone Curau-Aepli nicht grundsätzlich verändert. Aber vieles bestätigt.
«Menschen sind nach Sinn suchende Wesen.»
Sie ist überzeugt, dass Kirche heute neue Räume schaffen müsse: Orte, an denen Menschen einfach da sind füreinander. Nicht zwingend ordinierte Personen, sondern Menschen mit offenem Ohr und offenem Herzen. «So wie Wiborada das vor 1’100 Jahren gelebt hat.» Besonders berührt sie bis heute die Kraft jener Frauen, «auf deren Schultern wir stehen».
«Wiborada ist eine Hidden Figure unserer Kirche und Gesellschaft. Eine Frau, die eigenständig ihren Weg gegangen ist und immer wieder ignoriert und vergessen wurde.»
Solche Frauen sichtbar zu machen, sie zu würdigen und als Vorbilder zu benennen, stärke Frauen bis heute. Und vielleicht bleibt genau das von dieser Woche in der Zelle zurück: die Erinnerung daran, dass Stille, Zuhören und Verbundenheit keine nostalgischen Ideen sind, sondern etwas, wonach sich viele Menschen heute mehr denn je sehnen.
0 Kommentare
Kommentar schreiben