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News 26.05.2026 |

Frauen schreiben (Kirchen)Geschichte: Wiborada von St. Gallen

Wiborada von St. Gallen war eine Frau, die auf besondere Weise (Kirchen)Geschichte schrieb: Wiborada war eine spirituelle Frau, die im frühen 10. Jahrhundert grossen Einfluss gewann und zeigte, dass Frauen auch ohne offizielles Amt geistliche Autorität, gesellschaftliche Wirkung und religiöse Deutungskraft entfalten konnten. Selbst Mönche, Äbte und weltliche Herrscher suchten ihren Rat in wichtigen Fragen. 

 (Dieser Text gehört zur Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.») 

Eine spirituelle Frau mit Einfluss 

Besonders bemerkenswert ist, dass Wiborada weder Äbtissin noch Angehörige eines mächtigen Frauenklosters war. Ihre Autorität beruhte nicht auf einem kirchlichen Amt, sondern auf ihrer Ausstrahlung, ihrer Bildung und ihrer Fähigkeit, Menschen zuzuhören und Orientierung zu geben. Damit steht sie für eine Form weiblicher Autorität, die nicht institutionell verliehen wurde, sondern aus persönlicher Glaubwürdigkeit entstand. 

Ein Leben zwischen Rückzug und Welt 

Geboren wurde sie vermutlich um 885 als Adelige im Gebiet des heutigen Thurgaus. Gemeinsam mit ihrem Bruder lebte sie zunächst in der Nähe des Klosters St. Gallen. Überliefert ist, dass sie sich intensiv mit religiösen Texten beschäftigte und schon früh ein aussergewöhnlich asketisches Leben führte. Später entschied sie sich, als Inklusin zu leben. Eine Inklusin war eine Frau, die sich bewusst aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog, um sich ganz dem Glauben, der Kontemplation und der geistlichen Begleitung anderer Menschen zu widmen. Wiborada liess sich freiwillig in eine kleine Zelle neben der Kirche St. Mangen einschliessen und lebte dort während rund zehn Jahren. 

Dieser Rückzug bedeutete jedoch keineswegs Schweigen oder Bedeutungslosigkeit. Wiborada blieb über zwei Fenster mit der Welt verbunden. Eines führte in die Kirche, das andere hinaus zu den Menschen. Diese Verbindung zwischen Spiritualität und Welt prägte ihr Leben. Ihre kleine Zelle wurde zu einem Ort der Begegnung, des Zuhörens und der geistlichen Begleitung. Gerade dieses Spannungsfeld fasziniert bis heute: Wiborada war äusserlich eingeschlossen und gleichzeitig innerlich frei. 

Interessant ist auch, dass sich rund um ihre Zelle schon damals eine Art öffentlicher Begegnungsort entwickelte. Menschen kamen mit Sorgen, politischen Fragen oder spirituellen Anliegen zu ihr. Obwohl Frauen im kirchlichen Leben kaum sichtbar waren, entwickelte Wiborada grossen Einfluss auf das religiöse und gesellschaftliche Leben ihrer Zeit. 

Schutzpatronin der Bücher 

Besonders bekannt wurde Wiborada, weil sie die drohende Gefahr eines Ungarneinfalls früh erkannte. Sie warnte das Kloster St. Gallen rechtzeitig, damit wertvolle Handschriften und Schätze in Sicherheit gebracht werden konnten. Deshalb gilt sie bis heute auch als Schutzpatronin der Bücher und Bibliotheken. Dass gerade eine Frau mit Büchern und Wissen verbunden wird, ist bemerkenswert, weil Bildung und Gelehrsamkeit im Mittelalter fast ausschliesslich Männern vorbehalten waren. 

925 wurde Wiborada während des Überfalls getötet. Der Überlieferung nach weigerte sie sich zu fliehen und blieb bewusst in ihrer Zelle zurück. Später verehrte man sie als Märtyrerin und Heilige. Die heilige Wiborada wurde 1047 von Papst Clemens II. als erste Frau überhaupt heiliggesprochen. 

Warum Wiborada heute noch berührt 

Bis heute wirkt Wiborada erstaunlich aktuell: Ihr bedingungsloses «Da-Sein» für andere Menschen berührt bis heute. Das aktuelle Wiborada-Jubiläum in St. Gallen greift genau diesen Gedanken auf: Menschen lassen sich freiwillig für einige Tage in die Wiborada-Zelle einschliessen, bleiben über ein Fenster mit der Aussenwelt verbunden und nehmen sich Zeit für Gespräche, Stille und Begegnungen.  

Auch die ehemalige Präsidentin des Frauenbund Schweiz, Simone Curau-Aepli, lebte im Rahmen des Jubiläums eine ganze Woche lang als Inklusin in der Wiborada-Zelle. Wie schon Wiborada selbst blieb sie dabei nicht von der Welt abgeschnitten, sondern stand über ein Fenster mit Menschen im Austausch, hörte zu und liess sich auf Begegnungen und Stille ein.

Verbindung durch Entschleunigung 

Die heutige Wiborada-Zelle in St. Gallen ist keine originale mittelalterliche Klause, sondern eine moderne Erinnerungs- und Begegnungsstätte beim Kirchplatz von St. Mangen. Die ursprüngliche Zelle der heiligen Wiborada aus dem 10. Jahrhundert existiert heute nicht mehr. Mit der heutigen Zelle wird jedoch bewusst an ihre besondere Lebensweise erinnert: an das Leben zwischen Rückzug und Welt, zwischen Stille, Spiritualität und Begegnung mit Menschen. In einer lauten und beschleunigten Welt steht Wiborada für Konzentration, geistige Tiefe und die Kraft des Zuhörens.  

 

Was ist feministische Theologie? 

Feministische Theologie fragt: Wie sind biblische Texte entstanden – und wer hat sie über Jahrhunderte übersetzt und ausgelegt? Christliche Theologie wurde stark von patriarchalen Traditionen geprägt. Meist waren es Männer, die die Bibel lasen und erklärten. Frauen wurden in den Texten oft verschwiegen, übersehen oder auf dienende Rollen reduziert. Gleichzeitig wurde Maria überhöht und wurde so zu einem idealen, fast entrückten Frauenbild. So entstanden einseitige Bilder, die bis heute nachwirken und die fehlende Gleichberechtigung in der Kirche zementieren. 

Seit dem 20. Jahrhundert setzen feministische und queere Theologien hier an. Sie machen befreiende Geschichten sichtbar, fragen nach Macht und Ohnmacht und zeigen: Viele Geschlechterrollen sind historisch gewachsen – nicht göttlich festgelegt. Die Bibel eröffnet mehr Spielraum für Würde, Teilhabe und ein gutes Leben für alle. 

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