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News 18.05.2026 | Gerechtigkeit – Gleichstellung – Politik

Frauenhass im Wandel

Digitale Transformation verändert auch, wie Gewalt ausgeübt wird. Besonders Frauen erleben, dass digitale Räume nicht nur neue Möglichkeiten schaffen, sondern auch neue Formen von Kontrolle, Entwürdigung und sexualisierter Gewalt hervorbringen. 

(Dieser Text gehört zur Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.»)

Der Prozess gegen Gisèle Pelicot machte dies auf erschütternde Weise sichtbar. Über Jahre hinweg betäubte ihr eigener Ehemann sie heimlich mit Medikamenten, vergewaltigte sie im bewusstlosen Zustand selbst und bot sie zugleich Männern über Online-Plattformen und digitale Foren zur Vergewaltigung an. Im südfranzösischen Mazan kam es so zu rund 200 dokumentierten Vergewaltigungen, an denen neben Dominique Pelicot mehr als 80 Männer beteiligt gewesen sein sollen. Die Taten wurden organisiert, gefilmt und offenbar gezielt geplant. Nicht im Geheimen eines isolierten Täters, sondern eingebettet in digitale Netzwerke, in eine Ehe und in gesellschaftliche Normalität.

Wenn Gewalt zum Content wird

Der Fall Pelicot steht nicht allein. Er gehört zu einer Gegenwart, in der Gewalt gegen Frauen digital, massenhaft und global vernetzt organisiert wird und oft von zynischem Humor, antifeministischen Ideologien und rechter Netzkultur begleitet wird.

Als die deutsche Moderatorin Collien Fernandes Opfer pornografischer Deepfakes wurde, zeigte sich ein Muster, das längst unzählige Frauen betrifft. Ihr Ex-Mann Christian Ulmen soll über Jahre hinweg heimlich Fakeprofile in ihrem Namen betrieben, intime Inhalte manipuliert und verbreitet haben sowie gezielt ihr persönliches Umfeld mit Deepfakes geflutet haben. Deepfakes sind mithilfe künstlicher Intelligenz manipulierte Bilder oder Videos, bei denen Gesichter täuschend echt auf andere Körper montiert werden können. Besonders häufig werden Frauen dabei ohne ihre Zustimmung und ohne ihr Wissen in pornografische Inhalte eingefügt. Für Betroffene bedeutet das extremen Kontrollverlust, weil intime oder sexualisierte Darstellungen ihres Gesichts plötzlich im Netz kursieren, die «in real life» nie existiert haben. Die technische Distanz erzeugt dabei oft die gefährliche Illusion, digitale Gewalt sei weniger real als physische Gewalt. Für die Betroffenen sind die Folgen jedoch real. Sie erleben Scham, Angst und oft das Gefühl, den eigenen Körper nicht mehr zurückzuerhalten.

Virtuell entwürdigt

Gewalt beginnt nicht erst dort, wo physische Berührung stattfindet, sondern dort, wo Menschen entwürdigt werden. Besonders drastisch zeigt sich diese Entwicklung in digitalen Räumen, in denen sexualisierte Gewalt nicht nur geduldet, sondern systematisch normalisiert wird. Hinzu kommt, dass Plattformen und Foren selbst nach öffentlichen Skandalen häufig weiterexistieren oder rasch unter neuem Namen wieder auftauchen. Eine Recherche des Tages-Anzeigers zeigte, dass jene Plattform, über die sich Männer im Umfeld des Falls Pelicot organisiert haben sollen, kurze Zeit nach ihrer Schliessung erneut online war. Netzwerke verlagern sich, organisieren sich neu und profitieren davon, dass Plattformbetreiber, Behörden und Gesetzgebung der technologischen Entwicklung oft hinterherhinken. 

Frauenhass bringt Klicks

Sexualisierte Gewalt wird im digitalen Raum nicht trotz Aufmerksamkeit verbreitet, sondern wegen ihr, denn Frauenhass generiert Klicks, Reichweite und Profit. Noch immer wird sexualisierte Gewalt häufig erst dann ernst genommen, wenn sichtbare körperliche Verletzungen vorhanden sind und wird als Kavaliersdelikt bagetellisiert, obwohl sie tief in die Persönlichkeit und Würde der Betroffenen eingreift. Die digitale Transformation schafft neue Räume für alte Machtlogiken. Frauenkörper werden digital zerlegt, manipuliert und konsumiert. Sichtbarkeit im Netz wird zur so zu Verwundbarkeit.

Wann ist der Mann ein Mann?

Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung ist auch die sogenannte «Manosphere», auf die hier nur kurz eingegangen werden soll, weil sie einen eigenen Artikel verdient. Damit gemeint sind digitale Netzwerke, Podcasts, Foren, Influencer und Communities, in denen ein aggressives, antifeministisches Männerbild propagiert wird. Dort wird Männlichkeit häufig über Dominanz, Kontrolle und Abwertung von Frauen definiert. Feminismus erscheint als Bedrohung, Gleichstellung als angebliche «Entmachtung» des Mannes.

Wann ist der Mann ein Mann? Diese Frage besang Herbert Grönemeyer 1984 in seinem Hit «Männer». Bei einem Blick in rechte Online-Milieus zeigt sich schnell, dass vermeintlich «echte Männlichkeit» dort nicht ohne die Kontrolle von Frauen auskommt. Gerade junge Männer geraten über Social Media immer häufiger in den Sog solcher Inhalte. Die Algorithmen tragen dazu bei und belohnen Zuspitzung, Provokation und Polarisierung. Was oft mit Fitnessvideos, Datingtipps oder Motivation beginnt, führt nicht selten zu misogynen Weltbildern, in denen Frauen als manipulativ, minderwertig oder kontrollbedürftig dargestellt werden. Gewaltfantasien und autoritäre Rollenbilder inklusive. Frauenverachtung wird dort zum identitätsstiftenden Gemeinschaftsgefühl und genau darin liegt die politische und gesellschaftliche Gefahr. 

Die neue Rechte und die alte Sehnsucht nach Unterordnung

Die neue Rechte hat diese Dynamiken längst verstanden und nutzt sie gezielt. In vielen antifeministischen Online-Milieus verschmelzen Frauenhass, autoritäres Denken und die Sehnsucht nach einer vermeintlich «natürlichen Ordnung». Feministische Errungenschaften werden verspottet, Gleichstellung als Bedrohung dargestellt und weibliche Selbstbestimmung als gesellschaftlicher Verfall inszeniert. Nicht zufällig boomt gleichzeitig die Ästhetik der sogenannten «Tradwives».

Reinheit vs. Selbstbestimmung

Diese Vorstellungen sind jedoch keineswegs neu. Sie ziehen sich tief durch die europäische Kulturgeschichte und auch durch die Geschichte der katholischen Kirche. Über Jahrhunderte hinweg wurde Frauen vermittelt, ihr Wert liege in Reinheit, Gehorsam und sexueller Unberührtheit.

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist Maria Goretti. Das italienische Mädchen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der katholischen Kirche zur Märtyrerin stilisiert, nachdem sie an den Folgen eines Vergewaltigungsversuchs verstarb. Zentral war dabei nicht nur ihr Tod, sondern die Erzählung, sie habe ihre «Reinheit» bis zuletzt verteidigt. Unter Pius XII. wurde Maria Goretti zur Ikone weiblicher Keuschheit erhoben und heiliggesprochen. Die Botschaft war subtil, aber folgenreich: Lieber sterben als sexuell «entehrt» werden. Darin zeigt sich ein Frauenbild, das weibliche Moral höher bewertet als weibliches Leben. Heute wird vor allem ihre heroische Nächstenliebe hervorgehoben, denn noch auf dem Sterbebett vergab sie ihrem Täter und sprach den Wunsch aus, ihm im Himmel zu begegnen.

Eine Frage der Ehre

Ein historisch bedeutendes Gegenbild zur wehrlosen Akzeptanz dieses Ehrbegriffs ist Franca Viola. Die junge Sizilianerin wurde 1965 entführt und vergewaltigt. In Italien war es damals gesellschaftlich üblich und juristisch gestützt, dass ein Vergewaltiger straffrei ausgehen konnte, wenn er sein Opfer heiratete. Von vergewaltigten Frauen wurde erwartet, die sogenannte «Wiedergutmachungsehe» zu akzeptieren, damit ihre «Ehre» wiederhergestellt werde. So zynisch es klingt: Wenn die Avancen nicht reichten, konnte eine Vergewaltigung und eine erzwungene Ehe die Angebetete gefügig machen. Franca Violaa weigerte sich, ihren Vergewaltiger zu heiraten, obwohl sie massiv unter Druck gesetzt, bedroht und gesellschaftlich beschämt wurde. Damit stellte sie nicht nur ihren Täter infrage, sondern ein ganzes patriarchales System, in dem der Wert einer Frau an ihre sexuelle «Unversehrtheit» geknüpft wurde. Ihr ehrenhafter Widerstand gilt heute als Wendepunkt in der italienischen Geschichte der Frauenrechte. Dort die Verklärung weiblicher Opferbereitschaft und Reinheit, hier die radikale Weigerung, Scham und Schuld zu übernehmen. Franca Viola verschob den Fokus weg von der «Ehre» der Frau und hin zur Verantwortung des Täters. Ganz ähnlich wie die zu Beginn dieses Textes erwähnte Gisèle Pelicot, deren Ausspruch «Die Scham muss die Seite wechseln» traurige Geschichte schrieb.

Erkämpft, nicht geschenkt

Auch die historische Handhabung der Vergewaltigung in der Ehe zeigt, wie tief patriarchale Vorstellungen gesellschaftlich verankert waren und teilweise bis heute sind. Über Jahrhunderte galt, dass der Ehemann uneingeschränkten sexuell über den Körper seiner Ehefrau verfügen konnte und Sex als eheliche Pflicht. In vielen Ländern wurde Vergewaltigung in der Ehe erst sehr spät strafrechtlich anerkannt, in der Schweiz beispielsweise erst 1992, wobei Betroffene selbst Anzeige erstatten mussten, da die Tat zunächst als Antragsdelikt galt. Erst seit dem 1. April 2004 wird Vergewaltigung in der Ehe als Offizialdelikt verfolgt, weshalb Polizei und Staatsanwaltschaft seither auch ohne Strafantrag der betroffenen Person ermitteln müssen, sobald sie Kenntnis von einer solchen Tat erhalten.

Gemäss Artikel 190 des Schweizerischen Strafgesetzbuches wird Vergewaltigung mit Freiheitsstrafe bestraft. Dass Vergewaltigung in der Ehe heute überhaupt als Straftat anerkannt wird, erscheint vielen inzwischen selbstverständlich. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine feministische Errungenschaft, die über Jahrzehnte hinweg erkämpft werden musste. Frauenrechtsbewegungen, Juristinnen und feministische Organisationen machten immer wieder darauf aufmerksam, dass eine Ehe kein Freipass für sexualisierte Gewalt sein darf und dass auch verheiratete Frauen ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung haben. Dass Vergewaltigung in der Ehe heute von Amtes wegen verfolgt wird, ist das Resultat feministischer Kämpfe gegen eine Rechtsordnung, die männliche Ansprüche über weibliche Selbstbestimmung stellte. Gerade weil diese Rechte erkämpft und nicht geschenkt wurden, ist ihre Geschichte auch heute politisch relevant.

Das Recht hinkt hinterher

Es gibt noch immer viel zu tun. Bei sexualisierter digitaler Gewalt zeigt sich, wie stark Gesetzgebung und Realität auseinanderklaffen. In der Schweiz existiert bislang kein eigener Straftatbestand für pornografische Deepfakes oder KI-generierte sexualisierte Bildmanipulationen. Betroffene müssen deshalb oft versuchen, sich über verschiedene bestehende Rechtsnormen zu wehren, etwa über Persönlichkeitsrechte, Datenschutzbestimmungen oder einzelne Straftatbestände wie Pornografie, Ehrverletzung oder unbefugte Bildaufnahmen. Doch viele dieser Gesetze stammen aus einer Zeit, in der die heutigen technologischen Möglichkeiten noch gar nicht existierten. Entsprechend schwierig, langwierig und belastend ist es dagegen vorzugehen.

Hinzu kommt, dass sich Inhalte rasch verbreiten und oft auf internationalen Plattformen oder in anonymisierten Netzwerken kursieren. Selbst wenn einzelne Inhalte gelöscht werden, tauchen sie häufig erneut auf. Für viele Betroffene bedeutet das einen permanenten Kontrollverlust. Die Verantwortung wird dabei oft an die einzelnen Frauen zurückdelegiert, die Inhalte melden, dokumentieren und juristisch dagegen vorgehen sollen, während Plattformen und Technologieunternehmen nur begrenzt zur Verantwortung gezogen werden.

Organisationen wie AlgorithmWatch Schweiz fordern deshalb stärkere gesetzliche Regelungen gegen sexualisierte Gewalt im digitalen Raum. Diskutiert werden unter anderem klare Straftatbestände für KI-generierte sexualisierte Inhalte ohne Zustimmung, strengere Pflichten für Plattformen, schnellere Löschverfahren sowie bessere Beratungs- und Unterstützungsangebote für Betroffene. Zentral ist dabei auch die Forderung, digitale Gewalt endlich als reale Gewalt anzuerkennen und nicht länger als technisches Randphänomen oder «Internetproblem» zu verharmlosen.

Technologie verändert sich. Die Machtlogik bleibt.

Mit der digitalen Transformation verändert sich auch die Darreichungsform von Frauenfeindlichkeit. Nicht mehr allein Kanzeln, Gesetze oder Familienstrukturen definieren weibliche Rollenbilder, sondern Plattformen, Algorithmen und digitale Communities. Frauenkörper werden bewertet, beschämt, manipuliert und öffentlich konsumiert. Sichtbarkeit im Netz bedeutet für Frauen deshalb zunehmend auch Verwundbarkeit. 

Zwischen der sakralen Verklärung weiblicher Reinheit, der jahrhundertelangen Verfügbarkeit von Frauenkörpern in der Ehe und den digitalen Gewaltfantasien misogyn geprägter Online-Kulturen besteht eine direkte Verbindung. Es ist die Vorstellung, dass Frauenkörper bewertet, kontrolliert und männlichen Ansprüchen untergeordnet werden dürfen.

Frauenrechte sind deshalb keine historische Selbstverständlichkeit und kein abgeschlossener Fortschritt. Sie mussten gegen Widerstände erkämpft und müssen auch heute verteidigt werden.

1 Kommentar

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Dilan Kurt - geschrieben am 18.05.2026 - 19:39 Uhr

Der Artikel macht deutlich, wie wichtig es ist, digitale Gewalt ernst zu nehmen und offen darüber zu sprechen. Er schafft Aufmerksamkeit für ein Thema, das viele betrifft, aber oft unterschätzt wird, und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu mehr Bewusstsein und gesellschaftlichem Verständnis. Tausend Dank für diese wichtige Aufklärungsarbeit.