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News 15.12.2025 | Gerechtigkeit – Interessenvertretung – Politik

Femizide, Politik, Prioritäten – was der Schutz von Frauen wirklich braucht

Die steigenden Zahlen zur häuslichen Gewalt in der Schweiz weisen auf eine besorgniserregende Lage hin. Femizide stehen stärker im Fokus von Medien, Politik und Gesellschaft. Im Interview spricht Sarah Paciarelli, beim Frauenbund Schweiz verantwortlich für Kommunikation, Politik und Bildung, darüber, warum diese gewachsene Aufmerksamkeit entscheidend ist und weshalb Sichtbarkeit, politische Verantwortung und strukturelle Veränderungen jetzt den Unterschied machen.

«Warum müssen wir heute über Femizide sprechen?»

In der Schweiz wird alle zwei Wochen eine Frau durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet. Jede Woche überlebt eine Frau einen versuchten Femizid. Gleichzeitig zeigt sich ein erschreckender Widerspruch: Die Mordrate sinkt weltweit, doch die Anzahl getöteter Frauen nicht. Allein im Bereich der häuslichen Gewalt verzeichnete die Polizei hierzulande im Jahr 2024  einem Anstieg von 6 % gegenüber dem Vorjahr.

«Wie sieht die Präventionsarbeit des Frauenbund Schweiz gegen Gewalt an Frauen konkret aus?»

Prävention beginnt damit, Gewalt und ihre Ursachen klar zu benennen. Femizide sind keine Einzelfälle oder tragischen Familiendramen, sondern Ausdruck eines Systems, in dem Frauen abgewertet und kontrolliert werden. Femizide sind die extremste Form von Frauenfeindlichkeit. Indem wir darüber sprechen, brechen wir das Stigma und öffnen Räume. 

«Wie engagieren sich die Kantonalverbände und Ortsvereine des Frauenbund Schweiz im Bereich Gewalt gegen Frauen?»

Kantonalverbände und Ortsvereine greifen das Thema auf und bringen es in die Frauengemeinschaften. Sie organisieren Veranstaltungen, schaffen Öffentlichkeit und leisten Unterstützung. So findet im Aargau ein Podium zu Femiziden statt. Zudem führen zwei Kantonalverbände eigene Beratungsstellen: In Zürich berät tandem Frauen in schwierigen Lebenssituationen. In St. Gallen und Appenzell unterstützt MÜTTER IN NOT Frauen psychosozial und finanziell. In diesen Beratungen zeigt sich häufig, wie präsent Gewalt gegen Frauen ist. 

«Was sagen die aktuellen politischen Debatten aus?»

Sie zeigen eine deutliche Lücke zwischen Worten und Handeln. Gewalt gegen Frauen wird öffentlich anerkannt, gleichzeitig wurden in der Budgetdebatte im Parlament genau jene Mittel nicht bewilligt, die für Prävention und Schutz nötig wären. Wenn Gelder nicht gesprochen werden, ist das eine bewusste politische Prioritätensetzung. Die Frauen der Schweiz haben gemeinsam ihre Stimme erhoben. Dass Frauendachverbände intervenieren mussten, um die Wiedereinführung der Taschenmunition zu verhindern, obwohl die meisten Femizide mit Schusswaffen begangen werden, macht diese Widersprüche besonders sichtbar. Schutz vor Gewalt ist nicht selbstverständlich, sondern muss politisch immer wieder verteidigt werden. 

«Warum ist die statistische Erfassung von Femiziden so wichtig?»

Es fehlt an ausreichenden finanziellen Mitteln für Schutz, Prävention und Unterstützung. Gleichzeitig fehlt eine konsequente und einheitliche Erfassung von Gewalt, etwa eine amtliche Statistik zu Femiziden. Ohne verlässliche Daten bleibt das Ausmass des Problems unsichtbar und politisches Handeln ungenau. Wir brauchen beides: Ressourcen und eine solide Datengrundlage. Was nicht erfasst und nicht sichtbar gemacht wird, kann nicht wirksam bekämpft werden. Gesetze allein genügen nicht, es braucht verlässliche Zahlen.

«Was würde sich mit einer offiziellen Erfassung von Femiziden auf nationaler Ebene konkret verändern?»

Eine nationale Erfassung würde erstmals Klarheit schaffen. Heute wissen wir, dass Femizide stattfinden, aber nicht systematisch, unter welchen Umständen und mit welchen Warnzeichen. Der parlamentarische Vorstoss der Politikerin Sibel Arslan macht genau auf diese Lücke aufmerksam. Ihr Vorstoss wurde im Nationalrat mit einer deutlichen Mehrheit angenommen (120 zu 67 Stimmen). Ein ähnlicher Antrag vor einigen Jahren wurde noch deutlich abgelehnt. Es kommt also Bewegung in die Sache, aber langsam. Viel zu langsam. Mit einer nationalen Statistik könnten Muster erkannt und Präventionsmassnahmen gezielter entwickelt werden. Eine solche Erfassung ist kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung für wirksamen Schutz. 

«Welche aktuellen Daten waren für dich persönlich besonders aufschlussreich?»

Zum einen die neuen Zahlen des Bundesamts für Statistik, die auf einer Zusatzerhebung der polizeilichen Kriminalstatistik zwischen 2019 und 2023 beruhen. Diese Daten gehen deutlich tiefer als frühere Statistiken und zeigen, in welchen Beziehungen Tötungsdelikte passieren und in welchen Lebenssituationen sie eskalieren. Zum anderen war die Studie über Ursachen von Tötungsdelikten innerhalb der Partnerschaft des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann besonders interessant. Sie untersucht gezielt Tötungsdelikte an Frauen im häuslichen Umfeld und verbindet statistische Auswertungen mit einer Ursachenanalyse. 

«Was macht die Situation in der Schweiz besonders?»

Im europäischen Vergleich fällt die Schweiz negativ auf: Die Schweiz ist das einzige Land, in dem insgesamt mehr Frauen als Männer Opfer eines Tötungsdelikts wurden. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass geschlechtsspezifische Gewalt hierzulande ein besonders grosses Gewicht hat und nicht durch allgemeine Kriminalitätsentwicklungen erklärt werden kann. Die Daten zeigen sehr deutlich: Frauen werden in der Schweiz besonders häufig im häuslichen Umfeld getötet, meist durch aktuelle oder ehemalige Partner. Für Frauen ist das eigene Zuhause damit statistisch der gefährlichste Ort. 

«Warum gilt Spanien beim Schutz vor Femiziden als Best-Practice-Beispiel?»

Spanien hat Gewalt gegen Frauen als staatliche Aufgabe verstanden. Femizide werden systematisch erfasst, Schutzmassnahmen sind klar geregelt und Behörden arbeiten eng zusammen. In Hochrisikofällen kommen elektronische Armbänder zum Einsatz, die Alarm schlagen, wenn sich Täter und Opfer zu nahe kommen. Entscheidend ist dabei der Perspektivenwechsel: Nicht die betroffene Frau muss ihr Leben einschränken, sondern der Täter wird in seiner Bewegungsfreiheit begrenzt. Während Spanien konkrete Massnahmen mit klaren Zuständigkeiten abgeleitet hat, bleibt die Umsetzung in der Schweiz stark kantonal geprägt. Zugespitzt gesagt: Ob ich als Betroffene häuslicher Gewalt überlebe, kann u.a. damit zusammenhängen in welchem Kanton ich wohne. Das darf nicht sein. 

«Wie erklärst du die Eskalation, die oft vor einem Femizid steht?»

Femizide beginnen nicht mit der Tat, sondern viel früher. Mit Kontrolle, Abwertung, Eifersucht oder finanzieller Abhängigkeit. Diese Dynamiken entstehen nicht im luftleeren Raum. Eine zentrale Rolle spielen dabei Geschlechterbilder und Erwartungen an Männlichkeit und Weiblichkeit. Viele Männer wachsen mit der Vorstellung auf, Verantwortung, Kontrolle oder Deutungshoheit über Beziehungen zu haben, während Frauen Anpassung und Verfügbarkeit zugeschrieben wird. Wenn diese Ordnung ins Wanken gerät, etwa durch Trennung, Selbstständigkeit oder Widerspruch der Frau, kann sich bestehende Gewalt zuspitzen. Aus Sicht der Täter besteht ein Anspruch auf Gehorsam und Unterordnung der Frau. Das Erkämpfen von Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben oder finanzielle Autonomie der Frau stellen für diese Männer einen untragbaren Statusverlust dar. Die wichtigsten Ursachen sind auf der Beziehungsebene anzusiedeln.

«Folgen Femizide einem Muster – und wären sie verhinderbar?»

Femizide folgen Mustern. In einem grossen Teil der Fälle gingen der Tat bereits häusliche Gewalt, Drohungen, Kontrolle oder Stalking voraus. Besonders häufig ereignen sich Femizide in Trennungs- oder Trennungsabsichtsphasen, die als Hochrisikosituationen bekannt sind. Oft bestanden bereits Kontakte zu Behörden oder Institutionen, bevor es zur Tötung kam. Trotzdem wurden diese Warnzeichen nicht systematisch zusammengeführt oder konsequent bearbeitet. Genau darin liegt das Versagen: Femizide sind in vielen Fällen verhinderbar. Dass Frauen dennoch sterben, ist weniger eine Frage fehlenden Wissens als eine Folge von unterlassener, zu spät greifender oder unzureichend koordinierter Prävention.

«Was bedeutet die Istanbul-Konvention für die Schweiz?»

Die Istanbul-Konvention verpflichtet den Staat, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, Betroffene zu schützen und Täter strafrechtlich zu verfolgen. Die Schweiz hat diese Konvention ratifiziert. Damit ist klar: Schutz vor Gewalt ist keine freiwillige Aufgabe, sondern eine staatliche Pflicht. Die Schweiz hat 2021 ihren ersten Staatenbericht eingereicht, der beschreibt, welche Gesetze, Massnahmen und Angebote sie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen umgesetzt hat. Im September 2025 erfolgte der zweite Staatenbericht. Parallel dazu haben Frauen- und Menschenrechtsorganisationen Berichte veröffentlicht, die zeigen, wo die Umsetzung unzureichend ist.

«Was zeigt der Parallelbericht zur Umsetzung der Istanbul-Konvention?»

Der Parallelbericht zeigt klar, wo es hakt: Es fehlt eine verbindliche nationale Gesamtstrategie, Zuständigkeiten sind fragmentiert und stark kantonal geprägt. Prävention und Opferschutz sind chronisch unterfinanziert, ungenügende Datenerhebung, insbesondere zu Femiziden. Frauenhäuser und Fachstellen arbeiten vielerorts am Limit. Gewalt wird noch zu oft als Einzelfall betrachtet statt als gesellschaftliches Problem. Parallelberichte sind wichtig, weil sie wie ein Korrektiv wirken und aufzeigen, wo staatliche Analysen Lücken oder blinde Flecken haben oder gar beschönigen.

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