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News 17.08.2026 | Gerechtigkeit – Gleichstellung – Solidarität

Was ist Feminismus?

«Ich bin für Gleichberechtigung, aber keine Feministin.» Diesen Satz hört man heute erstaunlich oft. Viele Frauen unterstützen feministische Anliegen, möchten aber nicht als Feministin gelten. Feministinnen seien zu radikal, zu ideologisch oder sogar männerfeindlich. Eine Bewegung, die wesentlich zur Gleichstellung beigetragen hat, wird damit für manche beinahe zum Schimpfwort. 

(Dieser Text gehört zur Kampagne «Frauenrechte. Erkämpft, nicht geschenkt.»)

Diese Ablehnung kommt nicht von ungefähr. Feminismus wird häufig nicht über seine tatsächlichen Ziele definiert, sondern über Zerrbilder. Feministinnen werden als humorlos, wütend oder überempfindlich dargestellt. Wer auf Sexismus, Gewalt oder ungleiche Machtverhältnisse aufmerksam macht, muss damit rechnen, selbst zum Problem erklärt zu werden. Gleichzeitig wird suggeriert, die Gleichstellung sei längst erreicht und feministische Forderungen überholt. Stimmt das?

Gegenwind für die Gleichstellung

Der Widerstand gegen feministische Anliegen ist nicht neu. Doch gegenwärtig zeigt er sich besonders deutlich. Errungenschaften, die selbstverständlich schienen, geraten erneut unter Druck. Das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung wird infrage gestellt, Gleichstellungspolitik muss sich zunehmend rechtfertigen und die Finanzierung entsprechender Programme steht zur Diskussion. Auch das aktuelle Entlastungspaket 27 des Bundes zeigt, dass politische und gesellschaftliche Aufgaben unter Spardruck geraten können. Solche Debatten erinnern daran, wie fragil Fortschritte bleiben. Konkret wollte der Bundesrat beim Entlastungspaket 27 die jährlichen Finanzhilfen von 300’000 Franken für die Fachausbildung des Personals von Opferhilfestellen vollständig streichen, hat aber nach massenhaften Protesten darauf verzichtet.

Besonders sichtbar wird der antifeministische Gegenwind in den sozialen Medien. In der sogenannten Manosphere, einem internationalen Netzwerk aus Blogs, Podcasts, Videos und Onlineforen, werden Männer als natürliche Autoritäten und Frauen als ihnen untergeordnet dargestellt. Influencer verbreiten die Vorstellung, Gleichstellung habe Männer geschwächt und Frauen von ihrer vermeintlich natürlichen Bestimmung entfernt. Besonders in den USA werden diese Darstellungen auch politisch, von evangelikalen Gruppierungen, die Trump nahestehen, für politische Zwecke instrumentalisiert.

Auch die Tradwife-Bewegung inszeniert ein idealisiertes Bild der traditionellen Ehefrau, die sich vollständig auf Haushalt, Ehemann und Mutterschaft konzentriert. Selbstverständlich darf sich eine Frau für dieses Lebensmodell entscheiden. Feminismus schreibt Frauen nicht vor, wie sie zu leben haben. Im Gegenteil: Feminismus bedeutet, dass Frauen die Wahl haben. Problematisch wird es jedoch, wenn eine persönliche Entscheidung zur einzig richtigen Lebensweise für alle Frauen erklärt wird oder wenn wirtschaftliche Abhängigkeit, fehlende Absicherung und ungleiche Machtverhältnisse romantisiert werden.

Feminismus verteidigt gerade die Freiheit, unterschiedliche Lebensentwürfe zu wählen. Damit eine Entscheidung tatsächlich frei ist, braucht es jedoch reale Alternativen, wirtschaftliche Sicherheit, gesellschaftliche Anerkennung und eine faire Verteilung der unbezahlten Betreuungs- und Sorgearbeit. Dafür setzen sich Feministinnen ein.

Welcher Feminismus?

Feminismus ist vielfältig. Denn Frauen leben unter unterschiedlichen Bedingungen und erleben nicht alle dieselben Benachteiligungen. Deshalb gibt es verschiedene feministische Strömungen. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte, verfolgen aber ein gemeinsames Ziel: Kein Mensch soll wegen seines Geschlechts weniger Rechte, Chancen oder Freiheiten haben.

Der liberale Feminismus setzt sich vor allem für gleiche Rechte und Chancen ein, zum Beispiel in der Bildung, im Beruf und in der Politik. Der sozialistische und marxistische Feminismus richtet den Blick stärker auf Geld, Arbeit und wirtschaftliche Abhängigkeit. Er fragt etwa, weshalb Frauen noch immer den grössten Teil der unbezahlten Betreuungs- und Sorgearbeit übernehmen. Der Radikalfeminismus untersucht, wie tief männliche Macht in unserer Gesellschaft verankert ist. Themen wie Gewalt gegen Frauen, sexuelle Selbstbestimmung und die Kontrolle über weibliche Körper stehen dabei im Zentrum. Der Differenzfeminismus fordert, dass traditionell weiblich geprägte Tätigkeiten und Erfahrungen wie Fürsorge stärker anerkannt werden. Dabei ist jedoch Vorsicht nötig, damit Frauen nicht erneut auf bestimmte Eigenschaften und Rollen festgelegt werden. Der Schwarze, postkoloniale und dekoloniale Feminismus macht darauf aufmerksam, dass lange vor allem die Erfahrungen weisser Frauen aus westlichen Ländern gehört wurden. Der intersektionale Feminismus zeigt, dass Benachteiligungen zusammenwirken können. So erlebt eine Frau je nach Herkunft, Ethnie oder Nationalität, Religionszugehörigkeit, Einkommen, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung oder Aufenthaltsstatus andere Hindernisse. Der Queerfeminismus hinterfragt starre Vorstellungen davon, was weiblich oder männlich ist, und bezieht die Erfahrungen von LGBTQIA+ Personen ein. Der Ökofeminismus verbindet den Einsatz für Gleichstellung mit dem Schutz von Umwelt und Lebensgrundlagen. Religiöse Feminismen und die feministische Theologie fragen, wie Religionen von männlich geprägten Vorstellungen beeinflusst wurden. Sie setzen sich dafür ein, dass Frauen auch in ihren Religionsgemeinschaften gleichberechtigt mitgestalten, entscheiden und Verantwortung übernehmen können.

Die verschiedenen Strömungen sind sich nicht in allen Fragen einig. Sie unterscheiden sich darin, wo sie die Ursachen von Ungleichheit sehen und welche Veränderungen ihnen besonders wichtig sind.

Gleichwürdigkeit ersetzt keine Gleichberechtigung

Gerade die feministische Theologie hat sichtbar gemacht, wie stark auch religiöse Traditionen von patriarchalen Gesellschaften geprägt wurden. Sie fragt, wessen Erfahrungen in theologischen Deutungen vorkommen, wer sprechen und entscheiden darf und wer von kirchlicher Macht ausgeschlossen bleibt. Frauen werden in kirchlichen Texten häufig für ihre Fürsorge, Hingabe, Glaubensstärke und Mütterlichkeit gewürdigt. Eine solche Anerkennung kann wertvoll sein. Sie wird jedoch problematisch, wenn Frauen vor allem über vermeintlich weibliche Eigenschaften und unterstützende Rollen beschrieben werden. Rhetorische Wertschätzung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihnen zentrale Ämter und Entscheidungsbefugnisse weiterhin vorenthalten werden.

Frauen tragen einen grossen Teil der pastoralen, sozialen und organisatorischen Arbeit in der katholischen Kirche. Sie engagieren sich in Pfarreien, in der Seelsorge, in der Bildungsarbeit und in Frauenvereinen. Gleichzeitig bleiben ihnen die Weiheämter und damit verbundene Leitungs- und Entscheidungsfunktionen allein aufgrund ihres Geschlechts verschlossen.

Darin zeigt sich ein deutlicher Widerspruch. In der demokratischen Gesellschaft der Schweiz gilt der Grundsatz, dass niemand aufgrund seines Geschlechts von einem Amt oder einer beruflichen Funktion ausgeschlossen werden darf. In der katholischen Kirche ist ein solcher Ausschluss weiterhin institutionell verankert. Gleichwürdigkeit kann jedoch nicht nur bedeuten, Frauen zu loben. Sie muss sich auch in gleichberechtigter Teilhabe, geteilter Macht und tatsächlichen Entscheidungsmöglichkeiten zeigen.

Wofür Feminismus steht

Feminismus ist im Kern weder kompliziert und erst recht nicht gegen jemanden gerichtet. Er setzt sich dafür ein, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Rechte, Chancen und Freiheiten haben. Er fragt, wo Macht ungleich verteilt ist, wer gehört wird und wer übersehen bleibt. Und er macht sichtbar, dass rechtliche Gleichberechtigung allein noch keine tatsächliche Gleichstellung schafft.

Viele Freiheiten, die Frauen heute selbstverständlich nutzen, wurden durch feministische Bewegungen erkämpft. Das Frauenstimmrecht, der Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit, die rechtliche Gleichstellung in der Ehe, der Schutz vor sexualisierter Gewalt und die Möglichkeit, über das eigene Leben und den eigenen Körper zu bestimmen, sind nicht von selbst entstanden. Frauen mussten dafür kämpfen, oft gegen erbitterten Widerstand. Frauenrechte wurden erkämpft, nicht geschenkt.

Auch heute noch gibt es Vieles wo ein feministischer Blick Ungleichheiten offenbart, die ungerecht sind. Frauen übernehmen weiterhin einen grossen Teil der unbezahlten Betreuungs- und Sorgearbeit. Sie verfügen im Alter häufiger über geringere Renten, sind in politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Entscheidungspositionen untervertreten und deutlich häufiger von geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt betroffen. Medizin, Arbeitswelt und soziale Sicherungssysteme orientieren sich vielerorts noch immer an männlich geprägten Normen und Lebensläufen. Dabei machen nicht alle Frauen dieselben Erfahrungen. Herkunft, soziale Lage, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder Aufenthaltsstatus können Benachteiligungen verstärken. Ein Feminismus, der seinem Anspruch gerecht werden will, muss diese unterschiedlichen Lebensrealitäten wahrnehmen.

Den Begriff nicht preisgeben

Feminismus bedeutet nicht, Frauen pauschal zu Opfern oder Männer zu Gegnern zu erklären. Er richtet sich gegen Strukturen und Vorstellungen, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts einschränken. Davon profitieren auch Männer. Auch sie leiden unter starren Erwartungen, die ihnen Stärke, Konkurrenzfähigkeit und emotionale Unverletzlichkeit abverlangen. Eine gleichberechtigte Gesellschaft eröffnet allen Menschen mehr Möglichkeiten, ihr Leben frei zu gestalten.

Über feministische Forderungen darf und soll gestritten werden. Feminismus war nie eine einheitliche Bewegung. Auch feministische Bewegungen haben Frauen ausgeschlossen, Erfahrungen übersehen und Fehler gemacht. Diese Widersprüche sind jedoch kein Grund, den Begriff aufzugeben. Gerade jetzt sollten wir den Begriff nicht jenen überlassen, die ihn zum Schimpfwort machen wollen. Wer für gleiche Rechte, Schutz vor Gewalt, wirtschaftliche Unabhängigkeit, politische und kirchliche Teilhabe sowie echte Wahlfreiheit eintritt, vertritt feministische Anliegen.

Feminismus ist kein Angriff. Er ist das Versprechen, dass Geschlecht weder über den Wert eines Menschen noch über seine Rechte, Chancen und Möglichkeiten entscheiden darf. Solange Frauenrechte unter Druck geraten und Gleichstellung nicht verwirklicht ist, bleibt feministische Arbeit unverzichtbar.

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